Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228122--51940-3272710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 läßlich einer Entbindung in Lebensgefahr Schwebenden zu gehen, weil die Frau — das soll der Arzt gesagt haben — nicht vertrauenerweckend genug ausgesehen habe, als ob sie die Entbindungskosten bezahlen könnte. Der Arzt hätte sich geweigert, trotz der gegentheiligen mit thränenerstickter Stimme abgegebenen Versicherung der Petentin. der iu der Entbindung Begriffenen hilfreiche Hand zu leisten. Auf die Anfrage unseres t'-Mitarbeiters hat Dr. Jacoby benifelben in einem Schreiben mitgetheilt, daß diese Notiz eine Verleumdung sei, gegen welche er bereits die nöthigen Schritte eingeleitet habe. X Brornberg, im Juli. Dem Hauptlehrer Stillmann in Nak el wurde zu seinem 70. Geburtstage von den jetzigen und ehemaligen Schülern ein Schaukelstuhl übergeben. Eine Deputation von fünf Herren feierte ihn durch eine längere Ansprache und überreichte zum Andenken eine silberne Zuckerdose mit einer Inschrift. Im Laufe des Tages wurde er von vielen andern Gratulanten ausgesucht; Lokalschulinspektor Dr. Perlitz überreichte ihm ein Glückwunschschreiben. Der Jubilar ist trotz seines Alters noch vollkommen rüstig. t. Ratibor, 29. Juni. Am 23. d. M. wurde hier Fabrikbesitzer Mar Sem oje zu Grabe getragen, ein Mann, der nicht nur selbst ein treuer Jude war, sondern auch durch sein edles Streben und hochherziges Wirken in weiten Kreisen der Oeffentlichkeit seinem Glauben Ehre einlegte. Der Verewigte, einer hochgeachteten hiesigen Familie entstammend, war Begründer und Mitbesitzer der Ratiborer Zuckerfabrik, eines der bedeutendsten schlesischen Etablissements, das er seit einem Vierleljahrhundert mit seinem Schwager Julius Zander leitete. Eine rastlose Thätigkeit entfaltete er als Vorstandsmitglied der hiesigen Synagogengemeinde, die in ihm eine überaus tüchtige und bewährte Kraft verliert, sowie als Stadtverordneter, wie die ehrenden Nachrufe der städtischen Körperschaften kundthun. Als königlicher Lotteriekollekteur genoß er das Vertrauen der Behörden, als Besitzer des Rittergutes Studzienna war er bei der Landbevölkerung beliebt. Alle Wohlthätigkeitsbestrebungeu fanden in ihm einen edlen Gönner, auf keiner Liste fehlte sein Name, der jüdische Waisenunterstntzungsverein verliert in ihm seinen Vorsteher, zahlreiche Arbeiter ihren Brodherrn, die Armen aller Bekenntnisse einen väterlichen Freund. Trotz seines Reichthums war der Heimgegangene von einer ungewöhnlichen Bescheidenheit, die ihm die Herzen aller Kreise in seltenem Maße gewann. Der Verstorbene erreichte nur eiu Alter von 52 Jahren. Die Beerdigung fand heute unter dem Geleite von Tausenden statt. In ergreifender, eindrucksvoller Trauerrede zeichnete Rabbiner Dr. Blumenthal, ein Verwandter des Heimgegangenen, das Lebens¬ und Charakterbild des verklärten Freundes. Das Andenken des Gerechten bleibt ein Segen. mf. Hamburg, 3. Juli Der von der Verwaltung des Krankenhauses der deutsch-israelitischen Gemeinde erlassene Jahresbericht bringt Mittheilungen über umfassende Verbesserungen der Einrichtung dieser Anstalt, welche von Salomon Heine zum Andenken an seine selige Gattin Frau Betty Heine 1841 errichtet worden ist. Inmitten des volkreichen Stadttheils St. Pauli belegen, nimmt das Krankenhaus einen Flächenraum von 150,000 Qu -Fuß ein und ist an drei Straßen belegen. An der Seite der Thalstraße befindet sich die Poliklinik, bei der im Berichtsjahre 8285 Patienten behandelt wurden und an der folgende Herren thätig sind: Dr. Alsberg für Chirurgie und Frauenkrankheiten, Dr. M. Dehn für Nervenkrankheiten, Prof Dr. Deutschmann für Augenkrankheiten, Dr. Korach für innere Krankheiterl, Dr. Unna für Hautkrankheiten und Dr. I. Michael für Halskrankheiten Die Anzahl der in das Krankenhaus aufgenommenen Kranken hat sich von 579 im Jahre 1893 auf 807 im Jahre 1894 gehoben. Die beträchtlichen Kosten des Krankenhauses, die sich in toto für das Berichtsjahr auf 79,984 Mark beliefen, werden, da die Anstalt von der Gemeinde keinerlei Subvention erhält, auch jetzt noch zum großen Theil nur durch die Hochherzigkeit der Familie Heine ermöglicht. Nachdem Herr Carl Heine im Jahre 1806 ein Kapital von 341,200 M. unter der Bedingung hergegeben, daß das Krankenhaus auch ferner eine autonome Stellung einnehme, so daß die Zinsen dieses Kapitals von der Anstalt verbraucht werden dürfen, stellte vor 2 Jahren Frau Cdcile Heine in Paris der Verwaltung den Betrag von 50,000 M. zur freien Verfügung. Aus diesem Fonds sind die Allsgaben für wesentliche Verbesserungen bestritten worden, die Umsassungslnauern sind theils neu aufgeführt, theils renovirt, die Operationszimmer neu eingerichtet, desgleichen die Hausapotheke. Im Souterrain wurde ein bakteriologisches Laboratorium hergestellt. Ohne diese hoch herzige Gabe wären diese nothwendigen Verbesserungen unmöglich gewesen Da der Zinssatz verringert ist, genügt der Zinsgenuß des Stiftungskapitals nicht mehr für die Anstalt, zumal seit Jahrzehnten die Lebensmittel vertheuert sind (zuletzt insbesondere beim Zollanschluß), die Ver waltung sieht sich daher veranlaßt, an die Mildthätigkeit zu appellirem um das Krankenhaus auch ferner auf der Höhe zu erhalten, die des Namens Heine udn der hohen Aufgabe der Anstalt würdig ist. 0. Köln, 1. Juli. Am 13. v. M. fand die ordentliche General Versammlung des Vereins zur Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Juden, Abtheilung Köln statt. Herr Dr. med Auerbach erstattete im Namen des Vorstandes Bericht über die Wirk samkeit des Vereins in den letzten drei Jahren, indem er zunächst seiner Befriedigung Ausdruck verlieh über die guten Resultate der Vereins thätigkeit, und dann die Gesichtspunkte erörterte, von denen aus di.' Vereinsangelegenheiten geleitet werden, und die einzig die mit verhält nißmäßig knappen Mitteln erreichten schönen Erfolge ermöglichten. Der Vorstand, so führte der Redner ungefähr aus, betrachtet den Verein nicht als einen Unterstützungs-, sondern als einen Erziehungsverein. Er weist aus diesem Grunde die Unterstützungen niemals unmittelbar den Eltern zu, dieses aber auch, weil die Erfahrung lehrte, daß manche Eltern Unterstützungen anuahmen und hinterher die Kinder doch dem Handwerke entzogen. Sie werden vielmehr in der Weise gewährt, daß die Knaben bei Meistern untergebracht und nun für sie während ihrer Lehrzeit durch den Verein gesorgt wird. Das schließt jedoch nicht aus, daß auch die Eltern einen Theil der Unterhaltungskosten tragen. Durch diese Einrichtung ist die Gewähr gegeben, daß die aufgewendeten Summen wirklich ihrem Zwecke entsprechen, und daß ferner der Verein eine wirksame Kontrole über die Unterstützten ausüben kann. Sie stehen während ihrer ganzen Lehrzeit unter der Aufsicht des Vereins, sei es, daß sie in dern Lehrlingsheinl, bei Meistern oder Eltern wohnen. Auf die Bethätigung dieser Aufsicht legt der Vorstand großen Werth. Sie kann natürlich am besten da ausgeübt werden, wo die Lehrlinge in einem gemeinsamen Heini untergebracht sind. Ein solches hatte der hiesige Zweigverein seit einer Reihe von Jahren. In der ablaufenden dreijährigen Amtsperiode ist der Vorstand aber dadurch um ein Bedeutendes weiter gekommen, daß er dasselbe unter eigene Regie nahm. Zufolge dieser Einrichtung ist die Sicherheit für eine gute, gesunde Verpflegung viel mehr gegeben, als wenn dem Verwalter für die Zöglinge ein Kostgeld bezahlt wird. Die Abtheilung Köln hat hiermit die besten Erfahrungen gemacht. Freilich war sie, wie das schon der vorjährige Rechenschaftsbericht anerkennt, in der Wahl der Hauseltern sehr glücklich. Wir hatten Gelegenheit, das Heini im Laufe des Winters verschiedene Male zu besuchen, und müssen gestehen, daß es auf uns einen sehr günstigen Eindruck machte, sowohl was die Sauberkeit in den verschiedenen Sälen, was die Ruhe, als auch den Eindruck anbetrifft, den die Zöglinge selbst machten; man sah es ihnen an, daß sie sich im Heim heimisch fühlten. Dabei stellen sich die Ausgaben sehr gering, sie betragen für einen Zögling einschließlich Mielhe, Unterricht und sonstiger Besoldungen 368 M. für das Jahr. Der Vorstand verdient für seine umsichtige Verwaltung alle Anerkennung, besonders wenn man bedenkt, daß in andern Internaten die Kosten 60n bis 1000 M. pro Kopf und Jahr betragen. Das Heim beherbergte 1892- 93 10 Lehrlinge, 1893-94 14 und 1894-95 17 Lehrlinge. Außerdem wohnten im letzten Jahre 9 Lehrlinge bei ihren Eltern und 11 bei den Meistern. Bei den Eltern läßt der Verein von ihm unterstützte Lehrlinge nur in dem Falle, wenn Erstere durch ihre Lebensführung die Sicherheit bieten, daß sie ihre Kinder auch nach den Schuljahren richtig erziehen. Ist dies zweifelhaft, so werden die Lehrlinge aus Köln in andere Orte, und die aus kleinen Orten meist in die Stadt verpflanzt, weil hier die Gelegenheit zum Besuche des Fortbildungsunterrichts eine bessere ist. Diesen Unterricht bekommen jetzt die Zöglinge in dem Heim selbst von dem Hauptlehrer Herrn Herrmanns. An demselben müssen alle Lehrlinge theilnehmen, die in Köln, wenn auch nicht im Heim wohnen. Auch in dem Unterrichte beobachteten wir sie wiederholt und sahen, daß sie demselben mit Interesse folgten. Drei Zöglinge besuchen die gewerbliche Fachschule. Diese machen dem Verein natürlich die meisten Kosten In: Ganzen verausgabte er im verflossenen Geschäftsjahr etwas über 8000 M. Bei Aufzählung der Einnahmen war es uns besonders interessant zu hören, daß die Meister für Löhne 1289 M. vergüteten. Trotz umsichtiger und sparsamer Verwaltung hat der Verein jedes Jahr mit finanziellen