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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-05 · Heft 27 (5.7.1895) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
Seite 323 (sequence 13)
Language
German
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323 scheu der Situation verhallt ist, zerreißt er den König der Wüste in zwei Hälften. „Bravo! Bravo! Bravo!" rufen die höheren Sphären der Gesellschaft, und ans der Dunkelheit, wo sich die einsachen Leute befinden, dringen Stimmen der Freude und des Triumphes durch; j endlich entsteht ein solcher Lärm, daß Josel, der Kürschner, von seinem Platze nufsteht und mit beiden Händen heftig gestiknlirend schreit: „Still!" In allen Winkel» des Saales wird es still, und Simson, der an der Rampe der Bühne steht, zeigt eine Honigscheibe, die er in dem Rachen des zerrissenen Löwen gesunden, dieses unglücklichen Löwen, der dort in zwei Hälften zerrissen liegt, die weit von einander getrennt sind, und deren eine die furchtbar funkelnden Augen noch J nach dem Tode zeigt. Den Zuschauern die Honigscheibe vorweisend, j ist das ganze Gesicht Simsons mit einer honigsüßen, himmlischen! Freude überzogen. Einen Löwen zu zerreißen, mußte auch wirklich i eine merkwürdige Ueberraschung für Schimele sein, welcher bisher j nicht vermnthct hatte, solcher Kräfte fähig zu sein. Man sieht es! ihm auch an, daß eine große Freude seine Brust erfüllt; er athmet stark und weit, und nach einer ganz kurzen Panse stimmt er das Lied des Ruhmes und der Freude an. Seine Stimme ist ein schöner, breiter und ziemlich ausgebildeter j Tenor. | Trotz der nicht ganz entsprechenden akustischen Bedingungen tönt i der Klang dieser Stimme doch von einem Ende des Saales zum andern, und ist so durchdringend und rein und strömt so voll und breit dahin, daß sogar die vornehme Gesellschaft ihn mit ganz aufrichtiger Freude hört. Was die niedrige Sphäre des Publikums! aubetrifst, so gerieth sie, nachdem der Vorhang gefallen ist, in einen i solchen Enthusiasmus, daß Josel, der Regisseur, lange und schwer! arbeite» muß, um die Bewegung zu einer gewissen systematischen i Ordnung zu bringen, weil sie alle Dämme der Ordnung zu durchj brechen drohte.; Das zweite Bild unterscheidet sich nicht viel vom ersten in Bezug i auf den Inhalt, hinsichtlich der Form aber, in welcher es sich vorstellt,; ist es ein ganz anderes. j Wir sehen ein Feld vor uns mit Getreide bewachsen. Wir können i auch in der That mindestens fünfzig Strohhalme bewundern, die gerade und in einer anständigen Entfernung von einander stehe». Vor dem Getreidefelde steht wiederum Simson und singt. Aus seinem Gesang erfahren wir, daß es ein Philisterfeld ist, und daß j er es vernichten wolle. Ehe er die Arie, die einen großen Haß! gegen die Philister athmet, beendet hat, laufen zwischen dein Getreide j rothe Füchse heraus. Diesmal haben nicht nur Moische, sondern auch! Isaak, sein Minister, und ein paar gewöhnliche Soldaten an den i ihnen schon bekairnten Schnüren gezogen. — Hinter den Füchsen! leuchten kleine rothe und blaue Flämmchen, welche eine Zeit lang i brannten und dann verlöschten, im ganzen Saal einen großen Ranch : und Schwefelgeruch znrücklassend.! Die vornehme Gesellschaft, die neben dem Fenster und dem! Schwefelgeruch saß, applaudirte diesmal gar nicht, weil sie fast erstickte, aber tief hinten im Saale herrschte eine große Freude, die Josel auch nicht dämpfte, weil er gleichfalls zu ersticken drohte und sehr stark in sein rothes Schnupftuch hineinhustete. Das Husten einerseits und die Zeichen der Freude andererseits dailern so lange, bis der Vorhang wieder in die Höhe geht und der veränderte Anblick der Bühne Alle zum Schweigen bringt. Diesinal stellt sich trotz einiger Mängel in den szenischen und dekorativen Arrangements die Bühne sehr interessant und malerisch dar. Sie fand sogar auch den Beifall der vornehmen Gesellschaft, Sie konnte in der That die Wünsche einer noch vornehmeren befriedigen. Am Fuße der Palmen, im Innern der Oase, sitzen nebeneinander drei jndäische Greise. Sic klagen über das Unglück, welches ihrem Vaterlande die Rache der Philister, für die Vernichtung ihrer Felder durch die den Brand stiftenden Füchse Simsons, gebracht. Ihre Kleidung ist lang, lvürdig, ihre weißen Haare fallen hinter den Pelzmützen auf die Schultern herab. — Man sieht nur die von den Plätzen zur Halste bedeckten Stirnen, die die Jahre und das Leid durchfurcht haben. Weiße Bürte bedeckten ihre Brust, und in den zitternden Händen halten sie große Stöcke, auf welchen sie die vom Alter wankenden Schritte stützen. Ihre Stimmen zittern rmd drücken vortrefflich die patriotische Furcht und den tiefen Schmerz aus, der ihre Herze» durchdringt. Die Worte ihres Gesanges erzählen uns, das; der König der Philister als eine nothwendige Bedingung des Friedens die Auslieferung und Gefangenschaft „des starken Simson" gestellt habe. Die judäischen Greise beschließen mm, von Simson zu verlangen, daß er selbst sich als ein freiwilliges Opfer für sein unglückliches und sehr gequältes Vaterland in die Hände des Feindes übergebe. Sie wollen zu ihm gehen und ihn darum auflehe». aber da kommt er selbst heran. Die Bühne stellt nun ein wirklich dramatisches Element dar. Sich in die Hände des Feindes zu übergeben! . . . O entsetzlicher Hohn, schreckliche Sklaverei, furchtbarer Tod! Schimele, der, seit er Simson geworden ist, den Genuß des Ruhmes und Sieges erkannt hat, suhlt sich jetzt schwer betrübt und es schaudert ihn. Von der ander» Seite lvieder berühren Pflichtgefühl und die Liebe zu seinem Vaterlande tief sein Herz. Seht nur, wie sich seine Gesichtsfarbe ändert! Wie todtblaß seine Wangen und seine Stirn werden, tvas für eine Leidenschaft und Verzweiflung aus seinen Augen lodert, die dann wieder feucht mit dem Ausdruck grenzenlosen Mitleids glanzen! Bravo! Bravo! Wir sehen hier keinen Schauspieler, sondern einen wahren Künstler vor uns, der sich bis in die kleinste Fiber seines Wesens in diesem Augenblicke als Mann von Gewalt und vulkanischer Seele fühlt. ... Er kämpft lange — dann streckt er plötzlich den judäischen Greisen seine beiden Hände hin uird ruft aus voller Brust ihnen zu : „Bindet mich!" Der Ausdruck durchtönt den ganzen Saal und erregt den Eindruck ungeheuren Schmerzes und großen Heldcnthmns; die jtidäischeir Geiser binden Simson die Hände und Füße; die vornehme Gesellschaft hat Thräuen in den schönen Angen, und aus den Winkeln des Saales hört man schluchzen und stöhnen. Josel, der Regisseur, hört schon gar nichts mehr, sondern er drückt das rothe Taschentuch an seine Augen und weint. — Darauf entsteht auf der Bühne ein Lärm und Waffengeklirr. Der Herrscher der Philister betritt den Schauplatz mit seinem ganzen Gefolge. Er nimmt eure stolze und hochmüthige Miene an, da er den gebundenen Simson sieht, den die judäischen Greise klagend und weinend vor ihn führen. — Der Gefangene steht rinbewegt und würdevoll da und schaut mit einem ruhigen Blick auf den Feind. Aber dieses Gesicht mit der großen rothen Rase und dem Bart ä In Napoleon ist ironisch und verächtlich. — Kein ritterlicher Zug von Großmüthigkeit ist au dem stolzen Herrscher zu bemerken. Seine Begleiter erlauben sich sogar, den machtlosen Helden mit Vorwürfen und schlechten Scherzen zu überhäufen. — Simson leidet einen Augenblick schweigend; daun aber fängt er an zu zittern; man sieht auf seinem Gesicht etwas wie de» Sturm

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