Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- Seite 322 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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322 breiten, der den gleichen Erfolg verspricht, ohne jene Unannehmlichkeiten im Gefolge zu haben. Jeder Verein des Verbandes nehme — entsprechend dem ersten Vorschläge — einen Theil seiner Mittel und lasse nach Art der Oipmuasialprogramme unb aller Berichte wissenschaftlicher Vereinigungen in Verbindung mit dem jedesmaligen Jahresberichte einen der besten Vorträge, die während des vergangenen Jahres gehalten wurden, abdrncken und in so vielen Exemplaren Herstellen, daß jedes Mitglied des betreffenden Vereins und jeder einzelne Verein des Verbandes eines davon erhält. Die Vertheilnng dieser Berichte übernimmt der Verband, da hierdurch an Kosten viel erspart werden würde. Auf solche Weise wird jede Bibliothek mit 50 Vorträgen alljährlich bereichert; und wenn unter diesen nur ein Drittel wirklich brauchbarem Material zur Privatlektüre oder zur öffentlichen Reproduktion enthielte, so wäre der ideelle Gewinn einer solchen Einrichtung ein nicht zu unterschätzender. Niemandes Eitelkeit wäre verletzt; es eutftäubc kein Streit über die Wahlen, und die Idee des Herrn Vorschlagenden wäre verwirklicht, und zwar in allen Punkten, mit Ausnahme des einen, die Zahlung von Honoraren, ein Punkt, der, wie er selbst zngiebt, von minimaler Bedeutung ist. Sollte ein Vortrag besonders gern gelesen, für besonders lverthvoll erachtet werden, so daß der Wunsch laut lvird, and; weitere Kreise möchten ihn besitzen, dann wäre es Sache des Verbandes, mit dem Verfasser zu unterhandeln und aus Verbandsmitteln oder durch einen Zuschuß den Druck gerade dieses Vortrages in einer neuen Auflage zu ermöglichen. Daß übrigens jeder Verein so viele Mittel zur Verfügung haben wird, um die Ausgaben für einen solchen Jahresbericht mit seinem eigenen Vortrage in den Etat einstellen zu können, ist mir nicht einen Augenblick zweifelhaft. Deshalb möchte ich die hochgeehrten Leiter der Vereine bitten, diesem Vorschläge näher zu treten, da er nach meiner Ueberzeugnng für unser großes Werk viele Vortheile verspricht. — —_—--^- I i FEUILLETON g 3 — —---— ' —---——l 1—1 imiiiirnmiiigy/!IIWlUl5“nEs Der starke Siinssn. Eine Erzählung von Elise Orszeszko. (Fortsetzung.) ms ist das nun aber für ein Theater-Saal? Wo befindet r er sich, und m welcher Weise hat ihn die Kompagnie der ' Dilettanten für den heutigen Abend bekommen? Es wäre davon viel zu erzählen! Tenn es waren nicht wenige Schwierigkeiten, Sorgen und Quälereien damit verknüpft. Endlich hat inan aber den Saal doch erhalten. Es führte zu demselben voll der Straße aus eine lauge Höhle, alias Flur, in dessen dunklen unb nebelhaften Tiefen man sogar ein Buffet errichtet hatte, das überhäuft war mit einer Fülle süßer unb sehr verlockender Dinge, mit schwarzen Mohnknchen. Haillantaschen, Aepfeln,Nüss eit u. s. w. Durch diese Höhle zogen mm Schwärme von Menschen in einen sehr engen unb ungewöhnlich langen Saal, wo der Fllßboden zur Bcgncnllichkcit der Zuschauer mit abschüssig hingelegten Holzklötzen belegt war. Tie Oberfläche dieser Holzklötze war halbrund, unb num kann nicht sagen, daß sie irgend einen Komfort geboten hätten. Wenn man einen etwas schlechten Willen lnitgebracht hätte, so könnte malt auch der Beleuchtung manches vvrwerfen, weil sie so eingerichtet war. daß nur die Bühne und die ersten paar Bänke, wo die höhere Sphäre der Gesellschaft saß, beleuchtet waren, während der Rest des Saales finster wie die Verzweiflung blieb. Von einem Orchester war natürlich nicht die Rede, obwohl das ansznführende Stück eigentlich eine Oper war. Auf dem Platz aber, wo sich gewöhnlich das Orchester befindet, stand ein Stuhl und auf diesem saß Josel der Kürschtler, und zlvar mit dem Gesicht nicht etwa zur Bühne, sondern zmn Pnbllkum gewendet; er hatte nicht die Künstler zu dirigirell, sondern das Publikum» Die Künstler holten ihre Rollen ausgezeichnet inne. unb mit Hilfe und unter Aufsicht Moisches, der sehr energisch mld geistesgegenwärtig ist, werden sie sich sehr gilt aus der Affaire ziehell Aber das Publikum ist ein stürmisches unb zuchtloses Element. Um es auch nt einer gewissen normalen Stinlmuug zu erhalten und die häufig nuregelllläßige Bewegung desselben 311 reguliren, hat sich Josel. der Regisseur, auf diesell Platz hingesetzt, wo gewöhnlich sich das Orchester befindet. Schon fangen die auf beit halbrunden Klötzen stehenden Leute an sich zu bewegen und 31t flüstern mit sichtbarer Ungeduld — noch einen Augenblick und sie werden mit einem betäubenden Lärm Herausplatzen. Aber hinter dem breiten Rücken Josels erhebt sich der Vorhang und das laute Gemurmel verstummt wie festgebauut. denn in der Grabesstille hört man ein drohendes, gedehntes Gebrüll erschallen, das sich ein paar Mal wiederholt. Die Szene stellt eine Wüste dar. In der Tiefe sieht man einige Palmen auf dem nebligen Hinter grnnd. Es ist wahrscheinlich eine Oase, aus welcher ein riesengroßer Löwe mit funkelnden Augen herauskommt. Der Köllig der Wüste brüllt nicht umsonst. Er hat einen guten und geübten Geruchssinn, er wußte, daß ein Mensch in der Nähe sei. Und hier ist der Meilsch! Er kommt zwischen den Palmen hervor wie der Lölve, nur von der andern Seite. Wir vermnthen, daß es Simsolt ist. Aber wäre es wirklich unser Simson? Was ist das für eine merkwürdige Metamorphose! Zipa selbst, wenn sie hier wäre, hätte ihren Mann nicht erkannt. Er erscheint größer, männlicher; sein Kostüm, das er vielleicht selbst kolllponirt hat, ist nicht ohne Glanz lind Würde. Es besteht ans einem scharlachrotheu Kleid, welches bnrd) goldene Tressen blendet unb ans einem weißen Mantel, auf welchen! ein Wald von schwarzen Haaren bis zunt Gürtel herunterfüllt. Die Brust Silllsons ist tuird) eine Kette von Diamanten geschmückt, und auf dem Kopfe trägt er eineu goldeuen Helm mit einem großeu Federbusch, gleichfalls mit Diamauteu besetzt. Ich kann es Ihnen nicht verhehlen, daß das ganze Gold natürlich falsch ist und daß die Diamanten nicht einmal Simili, sondern nur kleine Blech- und Glasperlen sind. Aber nichts ist dafür falsch in dem Antlitz Simsons, die Würde und die Tapferkeit, die sich da malen, sind von reinstem Wasser. Man sieht, daß der Künstler sich so die Rolle angeeignet hat, daß er sich mit der Person, die cr vorstellen soll, gänzlich identisizirt hat. Kühn und seiner Kräfte sicher, nähert er sich dem König der Wüste und begegnet seinen snnkelnden Angen mit einem ruhigen, beinahe iwllischen Blick. Der König der Wüste, verwundert ob dieser Kühnheit, setzt fick auf die hinteren Tatzen (Moische, der hinter beit Kouüssen sitzt, zieht ein Schnürchen, welches an die hinteren Tatzen des Löwen gebunden ist, und brüllt fürchterlich; was für mächtige Augen haben doch manchesmal die Schildermaler!) Das Pnblikum erstarrt vor Schrecken, weint es das Gebrüll hört, und wagt kaum zu athmen. — Aber Simson erschrickt nicht. Mit einem Sprung läuft er über die Bühne, und nachdem der Ausbruch des Schreckens des Pudlikmus bei dem Ent-