Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- Seite 321 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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321 Juden rcHctmiten wollte. Im Jahre 1868 erschienen die Erinnerungen Maximilian Heine's, in welchen er ein Testament vom Jahre 1846 mit einem Kodizill von 1847 als das letzte Testament Heinrich Heine's mittheilt und die Thatsache von dem wirklich vollzogenen, einzig rechtskräftig gewordenen Testamente seines Bruders vollständig verschweigt. Ich war inzwischen neunzehn Jahre alt geworden und las schon jüdische Zeitungen. Sogar mit großen Interesse, denn ich war damals Hörer des jüdischen theologischen Seminars zu Breslau. Da las ich nun eines Tages in einem alten Bande der „Allgemeinen Zeitung! des Judenthums" (freilich ohne zu ahnen, daß mir einmal beschicde» j sein würde, deren Redakteur zu werden) einen Aussatz des selige»! Philippson über Heinrich Heine, in welchem er dessen Bekehrung zum! Judcnthum besprach, indem er dabei ausdrücklich eines Testaments erwähnte, das diese Bekehrung bestätige. Es gab also noch ei» anderes Testament als das von Maximilian Heine veröffentlichte! Diese Ueberzeugung stand nun bei mir fest, und ich begann eifrig zu suchen. Alle Schwierigkeiten, die mir in den Weg gelegt wurden, schreckten mich nicht, ich hatte ja »och das Selbstvertrauen, den Muth, oder soll ich lieber sagen die „Chuzpa" der Jugend. Und mit diesen edlen Eigenschaften ausgerüstet, begab ich mich auf die Suche. Ich suchte in Büchern und Zeitungen, bei Bekannten und Freunden — vergebens. Da, »ach einem Jahre wandte ich mich endlich auf den Rath eines Freundes, an Adolphe Eremielix in Paris, und diesem gelang es, bei den dortigen Gerichten dieses richtige und authentische Testament, welches Heine am 13. November 1851 verfaßt, zu erlangen. Ich erhielt davon eine notarielle Kopie und habe diese im Jahre 1869 zuerst in dentscher Sprache i» der „Breslauer Zeitung" mitgetheilt. Dies ist also die Geschichte meiner eingebildeten Priorität! Durch mich hat erst Adolf Strodtmann, der älteste Biograph Heine's, Kcnntniß und Abschrift dieses Testaments erhalten, das er in seiner Biographie des Dichters Bd. II, S. 427 veröffcmlicht hat. Gebührt nur also nach den Mittheiluugen des Herrn Dr. D. Philippson nicht das Berdienst, das richtige Testament Heinrich Heine's zuerst gefunden zu haben, so werden Sie doch mir nach obigen Mittheilungcn gewiß das Berdienst znerkennen, dieses Testament wieder gefunden und allgemein verbreitet zu haben. Ich bitte Sie aber, dieses Berdienst nicht zu unterschätzen, denn dieses Testament ist nicht nur eines der merkwürdigsten Dokumente zur Geschichte des menschlichen Geistes, sondern auch eines der erhabensten Zeugnisse für die unverwüstliche und unzerstörbare Triebkraft des jüdischen Goltesgedankens, deffen Flammen noch das Sterbebett des einsamen Dichters umleuchteten. Das ist die Geschichte von Heine's Testament. Und nun gestatten Sie mir »och, hochwürdiger Herr Rabbiner, Ihnen und allen andern Freunden in Amerika meinen herzlichsten Dank zn sagen für die überaus gütige Aufnahme, die Sie meinem Buche dort bereitet haben. Es gereicht mir zum Stolz und zu aufrichtiger Freude, daß cs mir beschieden war, meiucu amerikanischen Glaubensgenossen etwas von meinen Arbeiten und Studien vorlegen zu dürfen. Wie seltsam hat sich doch das Blatt gewendet! Mit inniger Bewunderung sehen wir heute auf die Entwickelung des Judeuthuws in Amerika, das unter der Leitung so ausgezeichneter Führer, wie Sie, mit ungeahnter Schnelligkeit alle Kinderkrankheiten überwunden und nun in prächtiger Blüthe sich entfaltet. „Mag Gott die Hände segnend drüber halten!" Wir in Europa haben jetzt allen Grund, mit Goethe recht oft auszurufen: „Amerika, du hast es bester!" wenn wir von Ihren Tempeln und Schulen, von Ihren Versammlungen und Vereine», von Ihren wissenschaftlichen Arbeiten und Unternehmungen lesen. Man kann wohl sagen: „blue kol Jisroel beclio teliijotli!“ Ganz Israel schaut auf Elich! Und es ist heule keine „Phantasmagorie" mehr, daß mit aller Geistcsknltnr auch die innere Entwickelung des Judenthnms nach dem Westen gezogen ist. Möge sie dort blühen und gedeihen! In aufrichtiger Verehrung bleibe ich, hochwürdigcr Herr Rabbiner, Ihr sehr ergebener Gustav Karpeles. Imn weiteren Knslum der Litteratnrvereine. Von Prediger Mar Ellguther in Neiffe. furch den Gedanken, daß in jeder Gemeinde auch jetzt »och i» unserer so aufgeklärten und vorurtheilsfreien Zeit eine Art von Lehrhaus in der Gestalt eines jüdisch-litlerarischen Vereines bestehen und für die Fortbildung in den Lehren unseres Glaubens Gutes wirken können, durch diesen Gedanken ist eine Bewegung angesacht worden, die dem Gros unserer Bender, das sich leider in Bezug auf die Kenntnis; vom Judenthum in geistiger Stagnation befand, durchaus wohlthätig geworden ist. Dieser Gedanke hat so Manchen unter uns, und zwar erfreulicher Weise grade in den gebildeten Kreisen, der Liebe zu unserem heiligen Glauben wicdergcwonne»; so Mancher, der früher in Gleichgiltigkeit, in krasser Unwissenheit nicht nur an den Geistesgütern unserer Litteratur, sondern auch am Judenthum überhaupt achtlos vorübergegangen ist, ward dem väterlichen Glauben auch innerlich wiedergeschenkt. — Was Wunder, daß in der Würdigung aller dieser Vortheile, in der Hoffnung auf Erweiterung derselbe», dieser große Gedanke in seinem reichen Gehalte nun von einzelnen Gesichtspunkten aus vertieft und erweitert wird, daß Mittel aller Art gesucht und auch gefunden werden, die Idee der Litteraturvereine am schönsten und vortheilhastesten in die Wirklichkeit zu übertragen. — Vor einigen Wochen war in de» Spalten dieses Blattes ein sehr wohlgemeinter Vorschlag ausgesprochen, das Beste aus dem Bortragsmaterial der Vereine durch den Druck zu einem Allgemeingut der jüdischen Litteratur überhaupt z» gestalte». Die Mittel aber, die hierbei vorgeschlagen wurden, scheinen mir in vielen Beziehungen anfechtbar zu sei». Alle diese Bezichilngen vorzuführen, würde zu weitläufig sein; es mögen deshalb zwei besonders schwere Bedenken für heute genügen. Zuerst würde ich an der umständlichen Wahl einer Kommission Anstand nehmen, welcher die Entscheidlmg obzuliegen habe über die Wahl der Vorträge. 'Wer soll der Komuiision augchören, wer soll sie wählen, nach welchen Gesichtspunkten soll die Auswahl der Vortrüge getroffen werden? llnd zweitens — hier hat anch der geehrte Herr Vorschlagende das Mißliche herausgefühlt, indem er cs wohlweislich vermied, besondere Themata und besondere Namen, die er der Auswahl für würdig hält, zu nennen, da er anzustoßen uud zu verützeu fürchtete — welche reiche Quelle von Neid uud Uebelwollen und verletzter Eitelkeit, welche Fülle von uuangenehinen Folgen wäre zum Schaden unserer Bestrebungen zu erwarten, wenn dieser Vorschlag in solcher Form angenomnien würde. Auch rein technische Bedenken, die sich auf die Geldbewilligung seitens der Vereine uud ans den kaum lohnenden Absatz der Druckwerke beziehen, wären anzuführen, ganz zu schweigen von den schwerfälligen Jorninlitüten, die noch bis zn»r Beginne der Ausführung zu erfüllen wäre». Da aber das Ziel des geehrten Herrn thatsächlich ans vielen Gründen erstrebensiverth ist, möchte ich mir zur Vermeidung aller dieser Bedenken erlauben, einen Gedanken der Diskussion zu unter-