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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-05 · Heft 27 (5.7.1895) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
Seite 320 (sequence 10)
Language
German
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320 Juden so vorflellen, wie Rückert ihn darstellt: welches Mißvcrhältniß wird da zwischen christlichen und jüdischen Knaben entstehen, und mit ivelcher gewissermaßen anerzogenen Geringschätzung werden christliche Schüler auf den jüdischen Lehrer herabsehen! Treffend bemerkt Ludwig Philippson in einer redaktionellen Nachschrift zu meinem vorerwähnten Aufsatze: „Rückert hat doppelt gefehlt, denn er sagte nicht: „Ging ein Jude", sondern „Ging der Jude", als wenn er mit dem Juden gar keine andere Borstellung verbunden hätte, als die der personifizirten Habgier mit langem Sack und langem Bart." Daß aber eine derartige falsche Vorstellung, wenn sie in die Oeffentlichkeit tritt, manches Unheil stiften und die Köpfe der Kinder geradezu verdummen und verwirren kann, sei hier — horribile dictu — an einem lateinischen Uebuugsbnche dargethan, an drei in demselben enthaltenen Sätzen, bei deren mündlicher Uebersetzung in der Klasse den jüdischen Schülern, um mich hier eines durchaus zutreffenden Allsdrucks des Herrn Siefcnsjeder zu bedienen, jedesmal „ein Stich durch das Herz ging". Einmal ganz besonders mnß auf solche Weise das Gemüth meiner Oelser Quintaner recht schmerzlich berührt worden sein. Gleich beim Anfänge des einer lateinischen Lehrstunde folgenden Religionsunterrichtes konnte ich wahrnehmen, daß sie Alle — etwa acht an der Zahl — innerlich erregt waren; Jeder von ihnen hatte neben dem biblischen Geschichtsbuche das lateinische Uebungsbnch vor sich, als warteten sie nur darauf, daß ich nach dem Grunde dieser Erscheinung fragen sollte. Als sie sich bald in dieser Erwartung getäuscht sahen, griff der Eine und der Andere von ihnen ostentativ nach dem altsprachlichen Uebersetzungsbuche; dabei sahen die Knaben ganz eigenartig aufeinander, als ob sie eine Gelegenheit suchten, ihr außergewöhnliches Verhalten erklären zu können. Es mußte ihnen in der That etwas Außergewöhnliches begegnet sein, so daß es sündhaft gewesen wäre, noch länger mit der Frage zil zögern: „Was habt Ihr denn heute mit Euren lateinischen Büchern?" Die Kinder athmcten ans und nun erzählten sie, wie die „ganze Klasse" gelacht habe, als in der vorhergehenden Stunde der Satz „dnrchgeiionnnen" wurde: „Wir werden von Kindheit an gewöhnt, mit der rechten Hand zu arbeiten; die Judev aber werden frühe dazu angehalten, Alles mit der linken Hand zu thun." „Im Uebersetzungsbuche der Sexta steht auch ein solcher Satz," ließ sich sogleich ein kleiner Schüler der aus der Sexta und Quinta kombinirten Abtheilnng vernehmen, „bei uns haben auch alle Jungen fürchterlich gelacht, hier steht's": „Wir schreiben von der linken nach der rechten, die Juden aber von der rechten nach der linken Seite." Bald hatte ich meine Schüler, nachdem sie ihre Herzen erleichtert, durch einige beschwichtigende Worte beruhigt; von beiden Uebungsbüchern aber nahm ich mir je ein Exemplar nach Hause mit, und sieh' da! — tres faciunt — es fand sich noch ein dritter zu Bedenken Anlaß gebender, nämlich der Satz vor: „Die alte» Juden glaubten a» Einen Gott." Noch an demselben Tage schrieb ich dem betreffenden Verfasser, daß ich es sehr bedauern würde, wenn ich über seine im Ganzen als vorzüglich bewährten Lehrbücher — für den Fall, daß er in einer neuen Auflage derselben die angefochtenen drei Sätze nicht weglasse — bei der zuständigen Provinzialschnlbehörde Klage erheben müßte. Dies würde und müßte, abgesehen davon, daß es vom pädagogischen Standpunkte unzulässig und ungehörig sei, in einem lateinischen Uebungsbuche konfessionelle Unterschiede hervorzuheben, darum namentlich geschehen, weil die bezüglichen, von meinen Schülern mir gezeigten Sätze durchaus Falsches und völlig Unwahres enthielten. Er, der Verfasser, werde als Philolog wohl wissen, daß den semitischen Sprachen überhaupt die Richtung von rechts nach links eigen ist, wie ihm hinwiederum bekannt sein dürste, daß die Juden bei allen übrigen Sprachen, im Hinblick ans das Lesen und Schreiben derselben, keine Ausnahmestellung einnähmen. In Rücksicht auf den dritten Satz machte ich sodann geltend, daß nicht blos die „alten" Juden an Einen Gott glaubten, daß aber dahingegen das im ersten Satze erwähnte Schreiben voir der rechten nach der linken Seite allenfalls beit „alten Juden" hätte attribuirt werden können. Noch waren seit Absendinig dieses Schreibens nicht acht Tage verflossen, als der Verfasser in einem ausführlichen Briefe die Einfügung der zwei ersten Sätze damit entschuldigte, daß er das in denselben Wiedergegebcne von seinem Vater, der einige Zeit im Orient gelebt, erfahren habe. Im Uebrigen versprach er, der Herr Oberlehrer, meinem Wunsche gemäß, sämmtliche drei Sätze in einer demnächst zu veranstaltenden, neuen Auflage wegzulasse». Nach Jahresfrist erschien dieselbe — und selbstverständlich hat der Herr Professor sein Wort treu gehalten. Ans den: hier mitgetheilten Vorgänge läßt sich wohl die Lehre ziehen, daß man nicht gerade auf eine bösartige Gesinnung derjenigen schließen darf, die durch ihre Aeußcrungen — sei es in Lehrbüchern oder im öffentlichen Leben — unser Gefühl verletzen. Vorurtheile pflanzen sich gar so leicht fort; sie ausznbeuten, ohne das Herz zu verwunden, das sie in sich trägt, ist ein schwieriges, aber lohnendes Werk. Heinrich Heine s Testament. Ein Brief an -*3mn Rabbiner Dr. ). M. Mise in Cincinnati. Berlin, 17. Juni 1895. Hochwürdiger Herr Rabbiner! oeben kommt mir Nr. 44 Ihres „American Jsraelite" zu, und ich finde daselbst neben vielen schmeichelhaften Worten über mein neuestes von der Jewish Publication Society herausgegebencs Buch „Jewish Literatur and other Essays" auch eine Berichtigung in Bezug auf meine dortigen Mitthcilungen über das authentische Testament Heinrich Heine's. Ich habe in meinem Buche behauptet, daß ich das richtige Testament H. Heine's gefunden hätte. Herr Dr. David Philippson weist nun in seinem Aufsatz: „The will of Heinrich Heine" nach, daß Dr. Lilienthal in Ihrem „Jsraelite" schon drei Monate nach dem Tode des Dichters (also im Mürz 1856) Auszüge ans diesem Testament mitgetheilt habe. Ich danke dem geehrten Herrn für diese Berichtigung, die mich eines allerdings eingebildeten Ruhmestitels beraubt, die aber dafür der Wahrheit die Ehre giebt. Gestatten Sie mir nur noch, hochwürdiger Herr, zu erzählen, wieso ich zu dieser Einbildung gekommen bin. Die Thatsache, daß ein Testament Heine's mit diesen Bekenntnissen existire, war mir, wie allen Biographen des Dichters, bis zum Jahre 1868 gänzlich unbekannt. Ebenso der betreffende Artikel des „Jsraelite", denn als derselbe erschien — war ich erst sieben Jahre alt und las noch keine jüdischen Zeitungen! Die Familie Heinrich Heine's, speziell seine Brüder Maximilian nnd Gustav, hatten aber in der Zeit zwischen 1856—68 ein anderes älteres Testament als das allein richtige ausgegeben, in dem kein Wort von einer religiösen Bekehrung steht. Es war ihnen immer ein Dorn im Auge, wenn man Heine als

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