Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- Seite 319 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Rabbiner wögen ihr Schiff so steuern, daß die Strömung es i>» raschen Laufe »itführt; sie mögen mitunter vorsichtig lavireu, um das Aurenueu m einen orthodoxen Brückenpfeiler oder an eine verborgene konservative Kippe zu verhindern, aber die Strömnng machen können sie nicht. Der Eine treibt mit dem raschen Strom auf die Verlegung des Sabbatbs auf den Sonntag zu; der Andere vermeidet die Klippe, »dem er am traditionellen Sabbath festhalteud, am Sonntag einen Rebengottesdienst hält. Die vollständige Verlegung des Sabbaths mf den Sonntag ist nur in der Sinai-Gemeinde in Chicago Rabbiner Dr. E. G. Hirsch) durchgeführt. Außer dieser haben nur oie Zion-Gemeinde in Chicago (Dr. Stolz), die Emanuel-Gemeinde u New-Uork (Rabbineu Dr. Gottheil und Dr. Silvermau»), die ckueßeth Israel-Gemeinde i» Philadelphia (Rabbineu Dr. Krauskopf nid I. Leonard Levh), die Har Sinai-Gemeinde in Baltimore Rabbiner T. Schönfärber), Adath Jisroel in Boston (Rabbiner Ehvrlcs Fleischer), Rodeph Schalom i» Pittsburg (Dr. L. Mayer), Tiffereth Israel in Clevelaud (Moses I. Gries), Adath Israel in Lvnisville (Dr. Adolph Moses), Semple Israel und Schaare Emeth m St. Louis (Dr. S. Sale »ud Leon Harrison) und vielleicht einige lleiuere Gemeinden, im Ganzen etwa zwanzig von 500—600 einen Zoimtagsgottesdieiist neben dem Sabbathgottesdienst. Die innern Bewegungen int Judenthnm kennzeichnen sich also auch hier in rituellen und nicht in dogmatischen Fragen gerade wie zur Zeit der Kämpfe zwischen den Hilleliten und Schammaite». Ein solches Prinzip der Coutroverse ist gegenwärtig das Sephcr Thora. Auch hierin ist es die Sinai-Gemeinde in Chicago, die die Thora-Rolle ganz aufgegebeu hat. Andere folge» ihr auf halbem Wege. Sie haben das „Ausheben" behalten, lesen aber den Schristabschuitt, natürlich um einen Theil der Parascha, aus einem gedruckten Buche. Der dreijährige Cyklns ist in den meisten Gemeinden bereits übenvuuden und man ist zum traditionellen Wochenabschnitt znrückgckehrt, da man daraus nur einen Theil verliest und die Länge der Thoravorlesung, welche zum dreijährige» Cyklus führte, nicht mehr ein Gegenstand der Erwägung ist. Eine Rückkehr zum altjüdischen Ritual, selbst in dem bescheidenen Ausmaße, welches Frau Ruskay als wüuschenswerth bezeichnet, ist hier nicht zu erwarten. Ich zweifle sehr, ob Frau Ruskay mit dem erbaulichen Büchlein Amirah l'beth Jakob aus der Feder des seligen S. B. Bamberger vertraut ist. Vielleicht erzählt auch sie triumphirend wie ich es einst von einer jungen Frau hörte, daß sie den Segeusspruch über das Verbrennen des Brodopfers „alt'iescli cimlich" gelernt habe, und als ich meine Zweifel darüber ausdrückte, ob diese Worte hebräisch seien, wurde festgestellt, daß die Tante Rosa diese Formal von der selige» Großmutter überkommen hatte. Der moderne Mensch, besonders in Amerika, steht dem Herkommen viel zu frei gegenüber, als daß er sich derartige Formen akkommodiren sollte. Der Erzbischof von New-Iork hat kürzlich die Trauung Fräulein Anna Gould's, der obligaten amerikunischeu Millionärstvchter, die den obligaten europäischen Grasen heirathete, im Hause, ohne Messe und ohne das Verspreche» katholischer Kindererziehung vollzogen. „Dieses ist. Amerika." Jetzt ist schon eine Generation herangewachsen, die weder Schofarblase» gehört noch Lulabschütteln gesehen hat. Wird sie dahin zurückkehreu? Vielleicht, wenn sich die Mehrheit der juugen! Frauen in Deutschland zu dem Prinzip bekenne» wird, welches ich neulich in einem deutsch-orthodoxen Blatt ausgedrückt las: „Wissen diejenigen, welche die altjüdische Haartracht abgelegt haben, was Judesein bedeutet ( Nein!" Wenn einst der selige R. Eleazar Fleckeles (gest 1826 in Prag) wieder zur Geltung kommt, der behauptet hat, alles Unglück der jüdischen Geschichte sei die göttliche Strafe dafür, daß die Frauen Perrücken trugen, um den Schein einer Frisur zu erwecken, dann wird auch wieder der „von den Propheten eingeführte llsus" des Bachiveidentlopfens am Hoschanna j Rabba, welchen gottlose Ketzer in Krotaschin, wie ich schaudernd las,! abschasften, wieder hergeftellt werden, Frau Ruskay wird, eine zweite j Mirjam, die jüdischen Frauen New-Horks am »cenjahrstage z»m! East River führen, um die Brosameii-Sünden in die Tiefen zu streuen, auf den Dächern des Emanuel- und Beth El-Tempels werde» am Sabbathabend dichtgedrängt die Beter hüpfe», um de» Mond zu begrüße» u. s. >v. Ich will mich jedoch bemühen, Ihnen noch vor Eintritt dieses goldenen Zeitalters einmal zu schreibe».! j | Uom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt. > Von Dr. F. Cohn, Rabbiner in Bonn. #chon im 41. Jahrgangs dieser Zeitung — in der am 7. August 1877 erschienenen Nr. 32 befindet sich ein von mir verfaßter Aufsatz, der unter der Ueberschrift: „Eine litterarische Frage" eine Abänderung der in obengenanntem Gedichte das Jndenthnm verletzenden Stelle anregt. Diese Allregung scheint nicht ohne den gewülischteu Erfolg geblieben zu fein. Bereits in Nr. 40 des vorgedachteil Jahrgailgs meldet die „Alig. Zeitung des Jndenthums", „daß in dem vom ungarischen Kultus- und Unterrichtsministerium preisgekrönten ungarischen und deutschen Lesebuche für die dritte Klasse der Volksschulen der gerügte Ausdruck des Rückert'schen Gedichtes im Deutschen mit „Bettler", im Ungarischen mit vüuckm' (Wanderer) wiedergegeben ist." Eine gleiche oder ähnliche diesbezügliche Abäudermlg habe ich seither in mehreren dentschell Lesebüchern wahrgenommen. In bem „Deutschen Lesebuche für die unteren und mittleren Klassen höherer Lehranstalten von Dr. I. Bllschnlann, Direktor des Königlichen Gymnasiums zu Bonn", heißt es an der betreffenben Stelle: „Aber wie es Abend ward, Ging ein Mann durch den Wald, Und wie er's Bäumlein gewahrt, Sucht' er auch die goldnen Blätter bald, Er steckt sie ein, geht eilends fort, Und läßt das leere Bäumlein dort." Was nun den in den jüngsten Nummern dieses Blattes von Herrn Rabbiner Dr. Feßler besprocheneil pädagogischen Streit zwischen Herrn Realschnllehrer Seifensieder unb Herrn Tr. Lyon anbelangt, so stehe auch ich, ganz so wie mein lieber Hallenser Kollege, auf der Seite des Herrn S., der, nach meinem Dafürhalten. mit vollem Rechte „die Seitenblicke auf die jüdischen Mitschüler ein bedenkliches Sympton" nennt und eine Beseitigung i ungehöriger, den Geist der nichtjndischen Schuljugend in Fesseln des! Borirrtheils schlagender Sätze ans ben Lese- und überhaupt aus den! Schulbüchern für dringend nothwendig hält.! Denke man sich doch den Fall, daß bei einem Artus, dein auch j Burger jüdischer Konfession beiwohnen, ein Sextaner oder Quintaner das hier in Rede stehende Gedicht in dessen alter Form vortrüge: wie peililich müßte dies alle bei jener Schulfeier Anwesenden berühren! Ja, wenn die Schüler derjenigen Anstalt, in deren Lehr-! plan der jüdische Religionsunterricht anfgenounnen ist, sich den