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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-05 · Heft 27 (5.7.1895) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
Seite 318 (sequence 8)
Language
German
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318 tivteit bei der Trauung der Reverend I. Samuel linb der Reverend I. Harris, und nlit herzlichen, tief elllpfundeuen Worten gab Dr. Adler seinen Kindern den Segen und ermahnte sie, ihr Haus zu einem Mittelpunkt der Liebe und der Frömmigkeit zu gestalten. Nach der Trauung fand Empfang und Gratulationscour (a receplion) im Hause des Ober-Rabbiners Dr. Adler (6 Eraven Hill, Hyde Part) statt, und viele Hunderte brachten dem Brautpaar und den Eltern ihre Glückwünsche dar. Amerikanische Briefe. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. Ronserrmtwe Unterströmungen. fie amerikanischen Juden waren lange in der Meinung be- . fangen, daß Orthodoxie mit Polenthum, Unbildung und! Ghettoschinutz identisch sei. So ganz unrichtig ist das freilich! nicht, denn Musik, Litteratur, moderne Kleidung und freier gesellschaftlicher Berkehr sind theoretisch im Schulchan Aruch und da, wo naive Orthodoxie herrscht, auch in der Praxis verpönt, aber die geschniegelte Orthodoxie mit dem Frack unter den: Tallith hat den Europäer eines Anderen belehrt. Der Amerikaner hingegen konnte sich Orthodoxie nur im Jargon, dem hier doppelt anstößigen ..Yiddislr, gepredigt und in bem Ghetto, welches in keiner amerikanischen Großstadt fehlt, geübt denken. Nun tritt eine junge Dame auf, in Amerika geboren und erzogen und von hervorragender, rednerischer Begabung, vertheidigt Orthodoxie und greift Reform in unbarmherziger Weise an! War die Thatsache an und für sich überraschend, so war die dazu gewühlte Gelegenheit eine solche, bei der man sich auf liberaler Seite eines derartigen kalten Wasserstrahls am wenigsten versehen hätte. Frau Ruskay war als Sprecherin bei der konstituirenden Versammlung des Nationalvereins jüdischer Frauen (National Council ot* Jewish Womon) in New-Aork gewählt worden, und diese konstituirende Versammlung trat in den Schulsälen des Tempels Emanuel, der ältesten und entschiedensten Reformgemeinde, der einzigen in Nelv-Aork, welche Sonntagsgotlesdienst hält, zusammen. Ort unb Zeit waren daher nicht gerade geschickt gewühlt, besonders wenn mau bedenkt, daß richtige Orthodoxie die religiöse Ausbildung der Frauen als Sünde betrachtet (Joreh Deal) 246, 6) und ihnen nur die Spinnstube als Theater der Wirksamkeit anweist (Joma 66, b). Die Thatsache. daß eine Versammlung von Frauen zusammentrat, ein greifbares Resultat des jüdischen Religionskongresses in Chicago, war an sich schon eine Widerlegung von Frau Ruskay's Verdammungsurtheil. Trotzdem muß zugegeben werden, daß sie einige Schwächen des Reformjudenthums treffend hervorhob. Sie tadelt an der Reform, daß diese die Innerlichkeit des religiösen Lebens (spiriUiality) nicht erzielt habe, und will die Heilung in der Rückkehr zu den alten Formen finden, unter denen sie, recht bezeichnend für amerikanischen Konservativismus, die Beibehaltung der Kopfbedeckung für den Prediger — nicht für die Gemeinde — versteht. Daneben wird die Rückkehr zur hebräischen Gebetsprache und zur traditionellen Festesfeier gefordert. In ersterer Beziehung kann nur Vermehrung der hebräischen Gebete oder Allsschluß der englischen gefordert sein, beim bis hellte hat keine Gemeinde das Hebräische aus dem Gottesdienste und aus der Sonntagsschule verbannt. Frau Ruskay stellt sich das leichter vor, als es ist, und ihre eigene Kenntniß des Hebräischen scheint aus der Monatsschrift „Menorah" geschöpft zll sein, der sie die Angabe entnimmt, daß einzelne Werke bei modernen Litteratur ins Hebräische übersetzt seien, woraus sie den Schluß zieht, daß es nur böser Wille der gegenwärtigen Generation ist, wenn diese ilicht Hebräisch versteht. Thatsächlich gehört ein große; Optimismus dazu, in einem Lande das Wiederaufleben der hebräischen Sprache zu erwarten, wo vor einem halben Jahrhundert die ortho doxell „Minister" einen Verein mit bem Motto vnfct b&Otr1 bt gegründet haben, wo jetzt die konservative Anschauung voll einen- Blatte vertreten wird, dessen Redakteur ein in Europa ausgebildeter „Doktor - Rabbiner" Bibelverse citirt, wie 'SU 'n nSTV DK die Präposition agipli transkribirt, die Abfassungszeit de- Talnnld auf 75 Jahre reduz irt, dem gelehrten Verfasser des Dur Dor wVlorsdniw, Herrn Fried mann, zll feinem 80. Geburtstag gratulirt, einen Rabbi Moses Miklltzi citirt und dabei alle Woch Thräuen ails Drllckerschwärze über den Niedergang der Thora vergießt. Das Hebräische ist hier ebensowenig als in Ellropa dllrch irgend Jemanden unb am wenigsten dllrch die Rabbiner abgeschafft lvorden. Nicht einund der allerdings unleugbare Rückgallg der Kelliltiliß der Hebräischen hat dessen Einschrälltung bewirkt, sondern der von den Ungelehrten geltelld gemachte und von den Gelehrten ihllen zugestanden Anspruch auf eine mehr als mechanische Theilnahme am Gottesdiensn Diejenigen, lvelche früher das liebliche pfip p pcip ober ähnlich- Kalir'sche „Poesiell" mit Todesverachtung heruntergeblättert haben lvollten nicht mehr mitthuil. In Europa hat es, wenn mail das Erscheinen der Mendels sohn'schen Pentatellchübersetzmlg zllm Ausgangsplulkt nimmt, ein halbes Jahrhundert gedauert, bis sich ein rabbinischer Anwalt bei Reform fand. In Amerika war unb ist es nicht anders. Es is cmch hier die Gemeinde, welche führt, und der Rabbiner, welchem folgt. Ich hörte und las nirgends von einer Bekämpfung des trn ditionellen Sabbath, obwohl dieser in New-Aort und Chicago gerade so wie in Berlin lmd in Wien nur in der Synagoge existirt. Dn radikalsten Prediger lassen ihre Kinder beschneiden, selbst wellll )k die Beschneidllng principiell verurtheilen. Es gilt noch immer als offizielle Thatsache, daß man am Versohnungstage fastet, obwohl ir den Reformgemeillden bei der großen Mehrzahl und in den konser vativen bei der großen Minderzahl dieses Gebot nur in der Synagoge besteht. Der Rabbiner wird weder gegen das Fasten predigen, nod öffentlich dagegen handeln. Allerdings weiß ich einen Fall, wo ei; Rabbiner vor zwei Jahren am Versöhnungstage seine Pudigi miden Worten eröffnte: „Ich fühle mich verpflichtet zll gestehen, da! ich gefrühstückt habe, aber ich that das, weil ich sonst nicht hält predigell köllnen, und ich das Letztere für wichtiger halte." Derselln Herr ist jetzt Prediger in einer konservativen Gemeinde, und ich hegsehr begründete Zweifel, ob er am nächsten Jom-Kippur dasselbe sagen wird. Ein anderer höchst freisinniger Prediger sagte mir; als ich ihn fragte, ob er auch in seiner Heimath am Sabbath rauche: Wissen Sie, lieber Freund, ein grundloser Fluch ist eine schwere Sünde, und ich will llicht dazu Anlaß geben, daß mein Nebenmensch in eine solche Sünde verfalle, beim so weit glaube ich an die talmudische Erklärung des mosaischell Gebotes: „Dem Blinden sollst du keinen Anstoß in den Weg legen." Ebenso wie das Verbot des Rauchens am Sabbath wird auch das Verbot des Gesäuerten am Pessachfeste offiziell befolgt. Ein freisinniger Rabbiner, der sonst ohne Scheu an Hochzeitstafeln Theil nimmt, die in nichtjüdischen Hotels angerichtet werden, zieht sich am Pessachfeste von einer solchen zurück. Ich setze voraus, daß die Leser es für selbstverständlich halten, daß das Verbot, am Ctiol hammoed Trauungen vorzunehmen, für amerikanische Gemeinden nicht besteht.

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