Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- Seite 314 (sequence 4)
- Language
- German
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314 dar Won „Judo" flcy» bis zur Uichörbarkrit verstummcii inöchtcn, haben wir bereits »achgewiesm, das; es sich um eine allgemeine verfassungsrechtliche Frage handelt, wir wollen aber auch denen, die uns an Länder erinnern, in denen die Inden durch keine Verfassung geschützt werde», antworten. Allerdings läßt Rußland selbst die jüdischen Schüler nur nach hrozenlnalein Maßstab zu, von Lehrern ganz zu schweige». Hat aber die schlechte Behandlung der Katholiken in Rußland die deutschen Katholiken abgehalten, mannhaft ihr Recht zu suchen? Sie haben selbst gegen eine übermächtige Regierung den Sieg errungen, weil sie einig waren. Nicht ohne Absicht haben wir oben den Namen Ludwig Windthorst erwähnt, der durch seine Führung die widerstrebendstcn Elemente zu einer einheitlichen Kampscsschaar zusannnenführte und selbst dem Gegner Achtung abrang. Roch ist cs Zeit, daß wir uns wappnen und im Kampf »ach außen um ein Panier schaaren. Me Woche. Berlin, 3. Jnli. fie Polemik der Blätter über geistliche Irren pflege zieht natürlich auch die Inden in Mitleidenschaft. Die „Rordd. 91IIfl. Zeitung" sieht sich sogar genölhigl, gegen das agitatorische Borgehen gelvisser konservativer Preszorgane zu Felde zn ziehen und ihnen zu Genüithe zu fuhren, wohin ihre wüste Verhetzung eigentlich abzielt. „Anders verhält sich die Sache, wenn Preßorgane, und theilweise solche, die größeren parlamentarischen Parteien nahe stehen, sich Darstellungen gestatten, die den Eindruck hervorzurufen geeignet sind, als ob bisher in den Asylen für Gemüthskranke der Willkür der Aerzte, speziell der jüdischen Aerzte, unbeschränkter Spielraum gelassen worden wäre; wenn an anderer Stelle das vorsichtige, von ruhiger Erwägung geleitete Vorgehen der Staatsverwaltung auf einem so schwierigen Gebiet kurzab als unbefriedigend erklärt wird; wenn endlich als einzig wirksam zur Sanirung der Verhältnisse heroische Mittel empfohlen werden, die leider nur allen und jeden Nachweis vermissen lassen, wie sie praktisch durchzuführen wären." Die „Nordd. 9l!lg. Ztg." belltet auf die perfiden Anspielungen der „Kreuzztg." unb ihrer Nachtreter in bem Falle de Jonghe hin. Mit vollem Recht. Das ganze Treiben ist ein Beweis dafür, wie berechtigt die Ausführungen des Herrn Rechtsanwalts Plotke jüngst in unserem Blatte waren. Und nicht weniger berechtigt war die Mahnung, die Professor Steinthal in voriger Nummer an die Enthüllung des Luther-Denkmals knüpfte, wie die folgendell Bemerkungen der ultranlontanen „Westfälischen Bolkszeitnilg" beweisen: „Auch das Lutherdenkmal auf dem Neuen Markt in Berlin dient bereits dem Berliner Volkswitz als Zielscheibe. Stellen wir uns vor dem schönen Massenstandbild auf und betrachten es, so kommt uns ohne Zwang die Ueberzeugung, daß hier das Volk wieder einmal das Rechte getroffen hat. Luther blickt von der Bibel, in der er fludirt hat, auf, sieht sich ganz entriistet um, schlägt in heiligem Zorn auf das Buch der Bücher und sagt: „Das ist doch toll, ringsum lauter Juden!" Und in der That liest man dort die Firmen: Gebr. Aron, Birnbaum, Sigm. Cohn und Levy, Homburger, Marcus Jacob, Lewinsky und Lewy, Meyersohn und Jüdel. — Franz von Sickingen, der wüste Raubritter, ist ebenfalls ganz empört, greift zum Schwert und sagt: „Donnerwetter, das lasse ich mir nicht gefallen." — Ulrich von Hutten, der Lustsenchenmann, aber läßt trübgemuth das Haupt sinken und sagt resignirt: „Ich sehe schon langst nicht mehr hin." In derselben Nummer empört sich dasselbe Blatt darüber, daß die Vorgänge in Mariaverg von gewissen Leuten, die mit alten Dingen Geschäfte zll nlachell suchen, in Wort und Bild bespöttelt werden Sie giebt den Ausführungen eines Berliner Lokal-Korrespondenten Raum, welcher schreibt: „Der Verkauf von antisemitischen Bilderbogen in de> Friedrichstraße hat jetzt eine Fortsetzung gefunden in der Feilbietum eines elenden Machwerkes, das die religiösen Gefühle unserer katholisches! Mitbürger auf das Empfindlichste verletzen dürfte. Es handelt sich uu kleine, schlecht kolorirte Bilderbücher, die in der Friedrichstraße vor Händlern feilgeboten werden, und in denen die Vorgänge im Alexianer kloster in Mariaberg in Wort und Bild wiedergegebeu sind. Daz; brüllen die Verkäufer, um Kunden heranzuziehen, unaufhörlich den Vers „Douche wagen, Stoßen, Schlagen, Strampeln, Hampeln", und finde; unter Anwendung dieses Kraftverses natürlich Abnehmer." Das schöne Wort Hillels: „Was du nicht willst, baß dir gescheht daß thne auch einem Andern nicht", scheint in jenen Kreisen unbekannt zn sein. 4» Die österreichischen Juden fangen an, selbstständig und ohn Wien, sich zu organisiren, wie die Bildung des böhmischen Gemeinde bundes und die Wahlen in Mähren zeigen. Bon besonderer Be deutung ist die vielmnstrittene Wahl in Ol mutz, wo der dortig. Bürgermeister Engel ausgestellt ist. In einer großen Wählerver sammlung hat nun jüngst der Borsteher der dortigen Gemeinde 31: Proßnitz, I. Singe r, ein kernfestes Wort gesprochen, das allgemein be kannt zu werden verdient. Er gab nämlich folgende Erklärung ab „Die israelitischen Wähler von Proßnitz geben hiemit der tiefen Be sorgniß Ausdruck, daß die Vereinigte Linke, welcher Partei ihr Kandidat im Abgeordnetenhause, wie sie erwarten, sich anschließen wird, nicht melu in jeder Beziehung auf der Höhe ihrer Aufgabe zu stehen scheint. Alr Aufgabe dieser Partei betrachten es die israelitischen Wähler von Proßnitz bei Wahrung der nationalen Stellung des Deutschthums im Kaisers; aate die freiheitlichen Errungenschaften der Sechziger- und Siebziger-Jahr, nicht verkümmern zu lassen und insbesondere dem ersten Grundsatz jebev liberalen Programmes uneingeschränkte Geltung zu verschaffen, der. Grundsätze nämlich: „Vor dem Gesetze ist jeder Staatsbürger gleich!" In der Verfechtung dieses Grundsatzes hat aber die Vereinigte Linke in den letzten Jahren eine auffallende Lauheit bewiesen. Denn obgleich di Fälle, in denen dieser Grundsatz zu Ungunsten der Staatsbürger mosaische! Bekenntnisses seitens der letzten beiden Regierungen durchbrochen wurde sich häuften, obwohl die Grundrechte der jüdischen Staatsbürger verletz und die brutalsten Instinkte der Massen gegen sie aufgestachelt wurde;: haben diese fortdauernden Kränkungen seitens der Regierung keine Abhilfi haben diese perfiden Angriffe seitens der liberalen Partei nicht die ent sprechende Zurückweisung gefunden. Nun zählen aber die jüdische; Wähler, zumal in Mähren, zu den treuesten Verfechtern der deutsch liberalen Partei, und insbesondere die jüdischen Wähler in Proßnitz haben ihre Gesinnungstreue und Parteidisziplin seit Dezennien in rühmlich'! bekannt gewordenen Wettkämpfen, unter Einsetzung ihrer materielle! Interessen, mitunter selbst ihrer Existenzen bekundet und bewährt. Dies jüdischen Wähler der mährischen Städte finden es mit dem Programm de; liberalen Partei, der sie angehören, unvereinbar, daß diese Partei e; ängstlich vermeidet, sich für die verletzten Rechte ihrer jüdischen Genosse: ernstlich zu exponiren. Die Verstimmung hierüber ist eine tiefgehende, und schon mehrfach wurde in diesen Kreisen die Frage aufgeworfen, ob es nicht nöthig sein werde, das Parteiprogramm, an dem die Juden Mährens treu festhalten, vor der Verdunklung durch die Partei selbst zn schützen. Die Wahl eines Abgeordneten für unfern Bezirk bietet zum ersten male, seit diese Strömung nach Ausdruck ringt, Gelegenheit, einem Kau didaten, der das Vertrauen auch der jüdischen Wähler für sich in Anspruch nimmt, diese Beschwerden ans Herz zu legen. Die jüdischen Wähler von Proßnitz erwarten, daß ihr Abgeordneter im Klub der Vereinigte;: Linken dahin wirken werde, daß die deutsch-liberale Partei die verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung der Juden energischer wahre und die Verletzung ihrer Grunde rechte kräftiger verhindere, als dies bis nun geschehen ist."