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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-28 · Heft 26 (28.6.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Ende iverkthätige Menschenliebe" ist, diesem Zwecke 1,000,000 Kronen gewidmet hat. — Zahlreiche Kunst- und historische Denkmäler des Judenthumes wurden bei der Direktion der Millenniums-Ausstellung angemeldet. — Dr. Ludwig Kraus de Megyer wurde durch Verleihung des Titels eines königlichen Nathes ausgezeichnet. — Dozent Dr. Wilhelm Goldzieher wurde zum öffentlichen außerordentlichen Professor für Augenheilkunde an der hiesigen Universität ernannt. — Unter der väterlichen Fürsorgedesisr. H andwerker- und Ackerbauvereines standen im verflossenen Jahre 424 Zöglinge. — Den jüdische Frauenverein verausgabte im abgelaufenen Jahr in seinen Wohlthätigkeitsinstituten 154,000 Kronen. ng. Erlau, im Juni. Nicht wenig Aufsehen erregte hier dieser Tage ein im „Egri Egyhazmegyei Közlöny" erschienener Artikel, der in heftigster Tonart gegen die israelitische Religion loszog und mit dem guten Rathschlage schloß, die Juden sollen sammt und sonders zum katholischen Glauben übertreten. Ein anderes Erlauer Blatt befaßte sich mit diesem Artikel und empfahl denselben der Aufmerksamkeit des Erzbischofs Samassa. Als der Kaufmann Ludwig Fischer, welcher seit Jahren für die erzbischöfliche Domäne Geschäfte besorgt, diesen Artikel — nachdem er ihn gelesen — dem Direktor der erzbischöflichen Domänen mit der Bitte überreichte, das Blatt doch gefälligst dem Erzbischof zu behändigen, wurde ihm zur Antwort: „O, Seine Excellenz haben bereits diesen Artikel gelesen und auch schon die Antwort darauf gegeben." — „Und wie lautete die Antwort?" — „Sehr einfach und deutlich. Excellenz haben den Füzes Abonyer Arzt Dr. Marcus, einen Israeliten, zum Arzte für die erzbischöflichen Domänen ernannt . . ." Marokko. ng. Tanger, im Mai. Im vergangenen Monat machten sich von hier einige Juden auf, um nach Timbuktu auszuwandern — da diese Neger-Metropole jetzt in Händen der Franzosen sich befindet —, um sich dort als Geschäftsleute niederzulassen. Unter großen Beschwerlichkeiten haben dieselben nun ihr Ziel erreicht. In der Wüste wären sie einmal beinahe verdurstet, da ihnen das Wasser völlig ausgegangen. Einer von ihnen starb in Folge des Durstes. Sie haben alsdann eine Quelle gesunden und ihre Schläuche von Neuem gefüllt. Als sie in Arauan angelangt waren, entsandten sie einen Boten an den Bürgermeister von Timbuktu, um ihn zu fragen, ob ihnen Eintritt in die Stadt gewährt sei. Es wurde ihnen zur Antwort, daß Timbuktus Thore allen Fremden nunmehr geöffnet seien. Nachdem sie die fünf Tagereisen von Arauan nach Timbuktu zurückgelegt, fanden sie dortselbst bereits die französischen Flaggen. Auch französische Soldaten fanden sie auf dem Marktplätze. Die Reise hat 52 Tage in Anspruch genommen. Von Nah und Fern. Die antisemitische Buchhandlung von A. Dewald, von der aus die Stadt Berlin und die Provinz in den bekannten Preßerzeugnissen überschwemmt wurde, hat ausgerungen. Der Gerichtsvollzieher hat den Kehraus abgehalten; der größte Theil des Lagers erwies sich als Kommissionswaare, der Nest nebst Einrichtung wurde meistbietend versteigert. — Bei der feierlichen Einholung des Kardinals Fürst-Erzbischof von Prag, zu dessen Diözese die Grafschaft Glatz gehört, erhielten der Vorstand und der Prediger der Gemeinde Einladungen, denen sie auch entsprachen. Der Kirchenfürst, dem die Herren vorgestellt wurden, sprach sich dankbar über die ihm erwiesene Aufmerksamkeit aus, wie auch über die schöne Harmonie zwischen den beiden Konfessionen. — Das Krankenhaus der Hamburger deutsch-israelitischen Gemeinde, in welchem die Oberärzte Dr. Allsberg und Dr. Korach und die Assistenzärzte Dr. Bohn und Dr. Runer wirken, hat im letzten Jahre 72 pCt. nichtjüdische Kranke ausgenommen. — Die Groszherzoglich hessische Regierung hat die Wahl eines besonderen orthodoxen Rabbiners (neben dem Landesrabbiner) für die orthodoxe israelitische Religionsgesellschaft und ihre Anhänger in der Provinz Oberhessen bestätigt. — Der antisemitische Agitator Adolf Theis, vormals Verleger der eingegangenen antisemitischen Zeitung in Darmstadt, wurde wegen Ehebruchs zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. — Rabbiner Kirchenrath Herz in Göppingen, der im verflossenen Jahre seinen 80. Geburtstag und damit sein 50jähriges Dienstjubiläum als Rabbiner in Jebenhausen-Göppingen feierte, wurde in den Ruhestand versetzt. — In Markolsheim (Elsaß) ist der Nestor der elsässischen Rabbiner, W. Ulmo, im 93. Lebensjahr segensreicher Wirksamkeit gestorben. — In den Weisungen zur Führung des Lehramts an den Mittelschulen, die das österreichische Unterrichtsministerium jüngst ausgegeben, heißt es im Kapitel „Vom Direktor": „Endlich ist auch auf das jüdische Gebot, am Samstag sich des Schreibens zu enthalten, nach Thunlichkeit Rücksicht zu nehmen und jeder direkte oder indirekte Zwang zur Uebertretung dieses Gebotes zu vermeiden." — Das Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung in Wien hat in seiner Sitzung vom 28. Mai d. I. die Lehrergehalte einer Neuregulirung unterzogen und dieselben wesentlich verbessert. Es wurden unter Anderem namentlich die Quartiergelder von 10 auf 20 Prozent des Stammgehaltes erhöht, dagegen die obligat von einem Lehrer zu ertheilenden Unterrichtsstunden von 30 auf 24 wöchentlich reduzirt. Mehrleistungen werden besonders honorirt. In dieser Sitzung wurden weiters sämmtliche Vorbereitungen für die zehn mit Beginn des Schuljahres 1895/96 zu eröffnenden Stiftungsschulen in Sadagora, Zaleszczpki, Zatosce, Ottynia, Obertyn, Pomorzany, Gologorp, Gliniany, Dukla rc. getroffen und ferner beschlossen, sechs weitere Knaben, welche die Stiftungsschulen absolvirt haben, in die Gärtnerschule nach Hannover zu entsenden, damit sie künftig als Lehrkräfte für die von der Stiftung \n Aussicht genommenen landwirtschaftlichen Schulen, welche auf eigens anzukaufenden Grundstücken etablirt werden sollen, verwendet werden. — Der verstorbene Bankier Baron Moritz Königswarter in Wien, der seinen jüngsten Sohn Hermann zum Haupterben einsetzte, hatte testamentarisch verfügt, daß dieser, falls er sich taufen ließe, vom väterlichen Erbe eine Million Gulden an neunzehn verschiedene Wohlthätigkeitsvereine zahlen müsse. Hermann Königswarter trat zum Katholizismus über und erlegte am 21. d. M. den genannten Betrag. — Dr. Feldmann, ein Jurist, der bei der Brünner städtischen Verwaltung seit einem Jahrzehnt thätig ist, hat den ehrenvollen amtlichen Auftrag vom Magistrat erhalten, zum Studium der Armenpflege die größeren Kommunen Oesterreichs und Deutschlands zu besuchen, damit dann auf Grund der gewonnenen Erfahrungen in Brünn die Armenpflege neu organisirt werde. Dr. Feldmann ist der Schwiegersohn des gelehrten Rabbiners von Lissa, Dr. Bäck. — Dem Universitätsoptiker A. Rosenthal in Prag ist der Titel eines k. u. k. Hofoptikers und Mechanikers verliehen woroen. Er ist jetzt der einzige jüdische Gewerbetreibende in ganz Böhmen, der diese Auszeichnung genießt. — In Nachod berieth die Gemeindevertretung, ob der Königgrätzer Bischof Brynich gelegentlich der Firmungsreise festlich empfangen werden solle. Ein bejahender Beschluß kam nur dadurch zu Stande, daß die jüdischen Gemeinderäthe geschloffen für den Festempfang stimmten. — Die „Libre Parole" weist darauf hin, daß der Entwurf der Pariser Weltausstellung von 1900 ein semitischer sei, da der zum General-Kommissar ernannte Herr Sieard ein Jude, und zwar gebürtig aus Straßburg, ist. Er sei überdies im Ministerium der öffentlichen Arbeiten seit fünfzehn Jahren allmächtig und habe dort acht Juden zu Generalinspektoren und einen zum Generalsekretär des Generalraths für Straßen- und Brückenwesen ernennen lassen. Wenn's nur wahr ist! — Nach dem „Gaulois" steht die Verlobung des Hauptmanns Sa di Carnot, ältesten Sohnes des unglücklichen Präsidenten, mit Fräulein Lazard, der Tochter des bekannten israelitischen Bankiers, nahe bevor. — Vor dem Hause der „Libre Parole", Boulevard Montmartre, liefen am 20. d., Abends 9 Uhr, plötzlich einige tausend Personen zusammen, es entstand ein Höllenspektakel, man schrie und lärmte im Takt. Drumont erschien auf dem Balkon und sprach einige unverständliche Worte. Es war nicht ganz klar, ob diese Manifestation gegen die Juden, gegen die Regierung oder gegen Deutschland gerichtet sei, offenbar gegen alle drei. Alsbald erschien ein großes Polizeiaufgebot, besetzte die Straße und verhaftete einige der Hauptschreier. Das Ganze hatte einigermaßen den Anschein, als sei es von dem reklamebedürftigen Drumont selbst ins Werk gesetzt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantworüich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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