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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-28 · Heft 26 (28.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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Miseellen. — Die schwarzen Juden von Ernakulum schildert eine Ztudie der „K. Z." Als Stätte verschiedener Religionen ist Kochin, das alte, für die Ausfuhr seines Pfeffers berühmte Kothinara, gewiß iner der interessantesten Plätze Indiens. Es ist der Hauptsitz der katholischen Syrianer sowie einer kleinen Gemeinde von Nestorianern, äe wieder in mehrere Sekten zerfallen. Außerdem lebt auf dem Festlande, d. h. in Ernakulum, eine Kolonie schwarzer Juden. Es ist nicht enau festzustellen, auf welche Weise sie dorthin kamen, und wenn man?.uch die Ansicht, daß sie die Nachkommen der Eingeborenen sind, die von Hiram und Tarschisch bekehrt wurden, und Ernakulum selbst das Ophir König Salomons ist, als Mythe betrachten muß, so deutet doch Zieles auf einen uralten Ursprung hin, und man wird kaum fehlgehen, venn man die Gründung der Kolonie in die Zeit kurz nach der Freiaffung der Juden unter Cyrus verlegt. Das Judenviertel Ernakulum Zeichnet sich wenig vor anderen orientalischen Städten aus. Die Straßen inb eng und stets von einer großen Menschenmenge, in der man sofort Ze charakteristischen, obwohl dunkeln, jüdischen Zügen erkennt, belebt. Die Männer fallen sofort durch die vor die Ohren herabhängenden bocken und den langen Kaftan auf. Bei der weiblichen Bevölkerung, lne unbeeinflußt von der einheimischen Pardahsitte ist, findet man, besonders im Mädchenalter, wirkliche Schönheiten, die sofort durch die großen, geistvollen Augen gegenüber dem stumpfen, sinnlichen Gesichtsrusdrucke der übrigen Jndierinnen auffallen. Die Synagoge, die mit prachtvollen alten Delft-Porzellanplatten gepflastert ist, entzückt jeden Kunstliebhaber. Man zeigt da werthvolle, mit Edelsteinen besetzte Mitren md andere beim Gottesdienste gebrauchte Stücke. Bemerkenswerth sind erner noch gewisse, der Entzifferung harrende, mit wunderbaren Zeichen bedeckte Kupferplatten, die angeblich eine königliche Urkunde oder Ihasanam zu Gunsten der schwarzen Juden enthalten. Besondere Beachtung verdienen auch die prachtvollen, in kostbare Seide eingewickelten alten Handschriften der mosaischen Gesetzbücher. Die schwarzen Juden 'eben streng allen Vorschriften ihrer Religion nach, und obwohl sie, wie .hre weißen Brüder, selbst den kleinsten Gewinn nicht verachten, so enthalten sie sich am Sabbath jedes Handels. Sie sind hauptsächlich Fisch- und Geflügelhändler, leihen jedoch auch auf Zinsen und treiben Handwerk. Während der Zeit der Besetzung Kochins durch die Niederländer (1663 vis 1795) waren sie die Helden der nachfolgenden, noch heute mit Stolz erzählten Begebenheiten. Der alte ehrwürdige Radscha von Ernakulum war tödtlich von den Niederländern beleidigt worden. Er schwur, fürchterliche Rache zu nehmen und nicht eher zu ruhen, als bis er die lästerhaften Zungen der weißen Eroberer ausgeschnitten habe. Die weißen Männer spotteten jedoch seiner in ihrer starken Festung; sie besaßen Schiffe und Kanonen, waren wohlbewaffnet und viel mächtiger als seine eignen treuen Nayars. Nur durch List konnte er denselben veikommen, und hier kamen ihm die niedrigsten und verachtetsten seiner Unterthanen, die schwarzen Juden von Ernakulum, zu Hilfe. Als er vor Gram unv Leid schon krank und voller Furcht, mit einem unerfüllten Schwur vor die Götter zu treten, war, kam von einer Seite, von der er am wenigsten erwartete, ein Sonnenstrahl voll Hoffnung. Den schwarzen Juden war das Leid ihres geliebten Prinzen zu Herzen gegangen, und so schickten die Weisen ihres Stammes mit einem wahrhaft orientalischen Vorschläge zu ihm. Es war einfach — die große Glocke der Niederländer zu stehlen. Denn was war die Glocke anders, als die Zunge der verhaßten weißen Männer, die bei Tag und bei Nacht höhnisch und herausfordernd zu Seiner Hoheit herüberklang? Der Radscha horchte mit einem traurigen Lächeln zu und willigte, kaum an einen Erfolg glaubend, in den Plan ein. Die Juden waren, wie schon früher erwähnt, Geflügelhändler, und obwohl die Niederländer streng einem Jeden den Eingang zum Fort verwehrten, halten die bescheidenen Händler ungehinderten Zutritt. So gelang es ihnen, in einem großen Geflügelkorbe einen Judenknaben in die Festung einzuschmuggeln. Derselbe führte ein dickes Seil mit sich, dessen Ende er in der Dunkelheit der Nacht an der Glocke befestigte, während er das andere Ende über die Mauer warf, wo seine Genossen ihn erwarteten. Sodann umwickelte er den Klöppel mit bereitgehaltenen Tüchern und schnitt die Stricke, an denen die Glocke aufgehangen war, entzwei. Mit vieler Mühe brachte man die Glocke über die Mauer und in ein Boot, das sie in einer halben Stunde vor den freudestrahlenden Radscha brachte. Die wohlbekannte Gemächlichkeit der Niederländer mag diese abgehalten haben, den Diebstahl zu rächen. Sicher ist, daß die Glocke noch heutigen Tages vor der Schatzkammer des Radschas von Ernakulum hängt und die Stunden zum Besten der schwarzen Juden angiebt. Briefkasten der Redaktion. D. K. in W. Zur Aufnahme in die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" als ordentlicher Hörer ist das Abiturienten- Examen Vorbedingung. Außerordentliche Hörer werden auch mit allgemeiner Vorbildung ausgenommen. Am besten. Sie wenden sich direkt an Herrn Dr. Joel Müller, N. Auguststraße 10, hier. Geschäftliche Notizen. Salzbrunn. Die neue Trinkeinrichtung im „Oberbrunnen" ist seit dem 1. dieses Monats fertig und funktionirt vortrefflich. Sie bietet bezüglich Hygiene und Salubritüt die weitgehendste Garantie, ist in ihrer gleichzeitig luxuriösen Ausstattung ein Schmuck der neu erbauten großartigen Brunnenhalle und ist ebenso praktisch wie elegant. 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