Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Kj». Ans der Provinz Posen, im Juni. Der Bau des israelitischen Gemeindehauses in Posen, über welchen lauge Zeit berathen worden ist, wird in der nächsten Zeit auf dem der Korporation gehörigen Grundstück Schuhmacher-und Teichstraßen-Ecke beginnen. In diesem Gebäude soll die israelitische Gemeindeschule, dieKorporationskasse unddieRabbinatswohnung uutergebracht und der Ban indiesem Jahre vollendet werden. — Der Vorstand der jüdischen Schulgemeinde zu Ostromo hat vor einiger Zeit bei der königl. Negierung zu Posen die Umwandlung der dreiklasstgen jüdischen Volksschule in eine zweiklassige angeregt, weil die Schülerzahl, die sich jetzt auf knapp 100 beziffert, in den letzten Jahren erheblich abgenommen hat. Die königliche Regierung nimmt aber zu diesem Anträge eine ablehnende Haltung ein, weil die Gemeinde nur •10 Prozent der Einkommensteuer als Schulabgabe zahlt, somit leistungsfähig ist, und die hiesige Gymnasial-Vorschule sowie eine private Spielschule, welche eine größere Anzahl jüdischer schulpflichtiger Kinder gegenwärtig beherbergen, in nicht allzuferner Zeit eingehen dürften und dann eine Mehrbevölkerung der jüdischen Volksschule sicher ist. nn Posen, 17. Juni. Das neue israelitische Gemeinde- Kranken- und Siechenhaus (Rohrsche Stiftung) ist vollendet und wird morgen programmmäßig die feierliche Einweihung erfolgen. Anlage und Ausstattung stellen das Institut in die vorderste Reihe gleicher Schöpfungen in der Stadt und Provinz. Bezüglich Hygieine und Technik ist das Zweckmäßigste und Wirkungsvollste vereint. Der Bau des Krankenhauses — welches seine Entstehung der hochherzigen Schenkung in Höhe von Mk. 600,000 des Herrn Moritz Rohr zum Andenken an seine Eltern verdankt — ist von den Architekten Schmieden und Speer zu Berlin projektirt und von 1894 — 95 durch den Negierungsbaumeister Lauber in Posen ausgesührt. Rechts erblicken wir dicht an dein Einfahrtsthor zwei kleine Baulichkeiten, das Pförtnerhaus und die Leichenhalle. Diese erheben sich, wie bereits oben erwähnt, rechterhand vom Vorgarten, der mit schönen Anlagen und einem Springbrunnen geziert ist. Der in Holzfachwerk ausgeführte Bau hat eine gefällige, stilvolle Form und einen villenartigen Charakter. Das Verwaltungsgebäude und das Siechenhaus unter einem Dache zieht sich nach Nord- West hin, südöstlich ist die Synagoge vorgeschoben, das durch einen Wirthschaftshof getrennte Oekonomiegebäude zieht sich nach Norden hin, während das Krankenhaus nach Westen läuft und mit den beiden Operationssälen endigt. Mit Ausnahme des Oekonomiegebäudes erhielten alle übrigen Gebäude ein Parterre und ein erstes Stockwerk. Möglichste Bequemlichkeit und praktische Einrichtung neben gediegener Ausführung zeichnen den Bau aus, wozu besonders noch zu rechnen ist, daß alle Anstaltsräume an zwei Haupkorridoren liegen und von diesen leicht und schnell zu erreichen sind; der gesammte Bau hat rund 43,000 Mk. Kosten verursacht. X Bromberg, im Juni. Wegen Aufreizung zum .Klassenhaß hatten sich vor der Strafkammer in Bromberg der Gerichtsaktuar Richard Richardi aus Thorn und der Buchdruckereibesitzer Wilhelm Ballhausen aus Bromberg, Letzterer noch wegen Uebertretung des Preßgesetzes, zu verantworten. Seit dem 1. Januar d. I. erschien in Bromberg eine Zeitung der antisemitischen Partei unter dem Titel: „Wochenschrift der deutsch-sozialen Reformpartei für Posen und Westpreußen." Der verantwortliche Redakteur und Verleger dieser Zeitung war der Angeklagte Ballhausen. Die am 1. Februar er. erschienene Nummer 4 wurde wegen eines Artikels „Internationales Judenthum" konfiszirt. In dem Artikel wurde ausgesührt, daß zur Zeit der letzten polnischen Revolution die polnischen Aufständigen einem Thorner Juden eine bedeutende Summe Geldes zum Ankauf von Waffen gegeben haben. Der Jude jedoch kaufte keine Waffen, sondern behielt das Geld und verschwand; später kehrte er nach Thorn zurück und soll heute noch dort als Rentier leben. Weiter wurde bemerkt, daß der antisemitische Verein, als er sich in Thorn bilden wollte, keinen Saal erhalten konnte. Die erste bei der Wittwe Genz abgehaltene Versammlung wurde von Juden gesprengt. Als dann schließlich das polnische Museum in Thorn seinen Saal zugesagt hatte, erschien bei dem Vorsitzenden des Vereins polnischer junger Kaufleute ein Jude, welcher demselben 150 Mark für polnische Agitationszwecke übergab und das Gespräch auf die bevorstehende antisemitische Versammlung zu lenken wußte, in welchem er durchblicken ließ, daß der Vorsitzende dahin wirken möge, daß die Antisemiten den Saal nicht erhielten. Der Artikel schloß mit den Worten: „Fort nun, Jude!! sammele nur Zündstoff, bis das Maß voll ist und der Funke von selbf zündet" Dieser letztere Passus war es hauptsächlich, welcher zur Be schlagnahme dieser Nummer und zur Erhebung der Anklage Veranlassung gab. Der 'Angeklagte Richardi behauptet, daß er den Artikel den Ballhausen eingesandt habe, jedoch nicht der Verfasser sei, vielmehr isi ihm das Manuskript von einem Herrn, den er nicht nennen will, über geben worden Er habe zunächst die Einsendung beanstandet, da ihm aber Beweise für die angeführten Thatsachen erbracht wurden, so habc er geglaubt, sich nicht strafbar zu machen. Der erste Staatsanwal; Bartsch beantragt gegen jeden der Angeklagten 50 Mark oder zehn Tag- Gefängniß, gegen Ballhausen noch auf 10 Mark oder zwei Tage Haft (D Köslin, 23. Juni. Ueber die Niederlage, welche die Antisemiten in dein Reichstagswahlkreise Kolberg - Köslin erlitten, wird geschrieben: Selten wohl ist die Wahlagitation durch die antisemitische Partei in leidenschaftlicherer Weise geführt worden, als es in diesen Wochen in dem Reichstagswahlkreise Kolberg-Köslin der Fall war. Die Parteikasse hatte etwa 15,000 Mark zur Bekehrung der Pommern gespendet, und nicht weniger als zehn der „Führer" wühlten seit Wochen auf dem flachen Lande, um Anhänger für die „gute Sache" zu werben. Herr Ahlwardt, der sich in Kolberg selbst aufhielt, sprach fast allabendlich vor — leeren Häusern. So kam es, daß in Kolberg nur 187 antisemitische Stimmen für Herrn Paasch gezählt wurden. Auch Herr Böckel machte recht schlimme Erfahrungen in dem Wahlkreise, und mehr wie! einmal kam es vor, daß ihm bei seiner Reise über Land das Fuhrwerk j nicht gestellt wurde, weil, wie man ihm bemerkte, die Kutscher sich wei- > gerten, einen „Antisemiten" zu fahren. Herr von Mosch agitirte in Bublitz und vermochte einige Stimmen für seinen Kandidaten zu gewinnen. Wenn im Wahlkreise Kolberg-Köslin doch etwa 1500 Stimmen für Paasch abgegeben wurden, so erklärt sich dies daraus, daß die antisemitischen Agitatoren sich als „freisinnig" und „radikal demokratisch" hinstellten und so Stimmen für den „Demokraten" Paasch fischten. Soviel steht fest, daß der Antisemitismus in diesem Wahlkreise bei den biederen Fischern niemals an Ausdehnung gewinnen wird, und für die Stimmung im Lande sind die Worte eines bäuerlichen Redners recht charakteristisch. Mit pommerscher Ruhe trat er für den liberalen Kandidaten ein und schloß seine Ansprache mit dem ehrlichen Ausruf: „Wat, „Lüd", sind wi etwa slichter as de Barliner, die ok von düs Takeltüg nix nich wissen wollen." QL Arnswalde, 24 Juni. Auf Anordnung der königlichen Staatsanwaltschaft zu Landsberg a. W. wurde von der Gerichtsbehörde ein Lokaltermin auf dem Friedhofe der jüdischen Gemeinde über den berichteten groben Unfug abgehalten, welcher in der Nacht zum zweiten Pfingstfeiertage verübt worden ist. Es wurde festgestellt, daß fünfundzwanzig Denkmäler aus der Erde gerissen und mehrere davon gewaltsam zertrümmert worden sind. Außerdem sind Blumentöpfe von den Gräbern herabgeworfen und zerbrochen, Epheu und andere Ziergewächse heruntergerissen re. Andere Denkmäler sind in ekelhafter Weise mit Schmutz beschmiert und die zur Pflege der Blumen neben der Leichenhalle ausgestellten Gießkannen gestohlen oder in den angrenzenden Kückensee geworfen worden. Die jüdische Gemeinde hat für die Entdeckung der Thäter eine Belohnung von 100 Mark ausgesetzt. Bisher ist es indeß noch nicht gelungen, eine sichere Spur der Thäter aufzufinden. t. Erfurt, 20. Juni. Am 2. und 3. Juni tagte hier der Verein israel. Lehrer Mitteldeutschlands. Am ersten Versammlungstage hielt Herr Rabbiner Dr. Salzberger-Erfurt einen Vortrag über den „Jugendgottesdienst", der viele anregende Momente enthielt und allseitig Beifall fand. Die Vorstandswahl ergab die Wiederwahl der bisherigen Herren: Vorsitzender Landrabbiner Dr. Salzer-Stadtlengsfeld, Stellvertreter Steinhardt-Magdeburg und Kassirer Heilbrunn-Gehaus. Am zweiten Tage hielt Herr Popper-Mühlhausen eine Lehrprobe über das Gebet, der eine kurze Besprechung folgte; sodann nahm Herr Steinhardt- Magdeburg das Wort zu seinem Vortrage: Ueber die Aufgaben des zu gründenden Deutsch-israel. Lehrerbundes. In etwa einstündiger Rede wies derselbe die ganze Unhaltbarkeit der jetzigen Zustände innerhalb der jüdischen Lehrerwelt nach und zeigte, wie nur durch ein gemeinsames Vorgehen aller jüdischen Lehrer Abhilfe geschaffen werden könnte. Der Redner forderte Errichtung von jüdischen Elementarschulen, obligatorischen jüdischen Religionsunterricht analog den übrigen Konfessionen, definitive