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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-28 · Heft 26 (28.6.1895) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
Seite 311 (sequence 13)
Language
German
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In de» gelbe» Handschuhen und dem Fächer in der Hand steht er mit dein Rücken an die Wand gelehnt;crade »nd steif da; die Personen, die ihm beim Ankleiden behilflich gewesen, natürlich waren alle Männer, entfernten sich mit dem sihilistersürsten Molsche auf ein paar Schritte, mustern ihn aus der Entfernung vom Fuß bis zum Kopf, und einstimmig drücken sie nit großer Zufriedenheit ihren Beifall in den Worten aus: „Eine chöne Dame." In diesem Augenblick tritt Schimele herein. In der Garderobe oird es still, ein Beweis der Achtung, die sie ihm zollen. Schimele bricht dieses Schweigen durch kein Wort. Er nähert ich dein Tische, wo sein Theaterkostüm liegt, und fängt an, cS an- :n,ziehen, mit einem so feierliche» Gesichtsansdruck und einer solchen geistigen Anspannung, wie er gewöhnlich den Tallis und die Tefillin inlegt. Es ist aber auch die höchste Zeit, daß die Künstler ihre avilette beendige». — In dem Theatersaal fangen die Gäste schon m ungeduldig zu werden! (Fortsetzung folgt.) Unterwegs. i. ans dem schönen Karlsbad, aber ans einem noch viel schöneren Fleckchen Erde will ich diesmal meinen treuen Lesern einzelne Reisemomente schildern. Habe ich mir ja 'chon durch mehrjährige Bekanntschaft das gute Recht erworben, ihnen allsommerlich eiwas von meiner Ferienreise erzählen zu dürfen. Ich sitze auf dem Balkon eines Hotels und schaue auf einen weiten See, der ringsumher von mächtigen, schneebedeckten Bergen ungeben ist. Mag der Leser nun rathen, wohin ich mich vor Manuckcipten und Korrespondenzen, vor Anfragen und Besuchern geflüchtet habe. Bietleicht verrathe ich es nächstens selbst — aber heute noch nicht. Heute will ich von meinem ersten Reisemoment erzählen, selbst auf die Gefahr hin, daß dieser die gütigen Leser nicht besonders erfreuen wird. Denn ich muß ihnen von Wien berichten. Mein erster Weg führte mich nach der alten Kaiserstadt an der Donau. Gestehe ich's nur: So oft ich mich der schönen Stadt nähere, pocht mein Herz in gewaltigen Schlägen. Das Beste, was das Lebe» bieten kann, habe ich ja dort zu kühler Ruhe gebettet, und das Höchste, was der Mensch besitzt, lebt mir — dem Allgütigen sei es gedankt — dortselbst. So ist Wien eigentlich meine zweite Vaterstadt; und der Kahlenberg und die Donau und der Slefansthnrm sind auch mir Wahrzeichen, die das schlummernde Heimathsgefühl wecken. Aber was ist ans dem schöne», lustigen Wien geworden? „Wie bist du gefallen, du glänzender Morgenstern!" Heute würde Grillparzer dich nicht mehr die verführerische Phäakenstadt nenne», sondern dir einen andern und viel weniger schmeichelhaften Namen beilegen. Zwar weht dein „Geisterhanch" auch heute noch so gefährlich wie damals, aber der Zauber ist verflogen, den du einst auf Schüler wie auf Meister übtest, und geblieben ist nur der häßliche Bodensatz, den Jeder gern flieht, weil er wie Pesteshauch wirkt. Ja, Wien ist das Eldorado jener häßlichen Bewegung geworden, die man euphemistisch den Antiseinitismns genannt hat. Viel hatte ich darüber gelesen, viel von Freunden und Bekannten erzählen gehört; aber was ich da gesehen und erlebt, übertraf doch das Gelesene und Erzählte. Auf der Straße und in der Pferdebahn, im Cafohause und im Prater, überall, wo früher die harmlose Lustigkeit herrschte, ist jetzt Haß und Streit, Hohn und Spott zu hören. Die gemüthlichste Stadt der Welt ist rasch die ungemiühlichste geworden. Und das Alles hat die weiße Nelke zu Wege gebracht. Ja, die lveiße Nelke. Denn diese ist die Lieblingsblume und das Erkennungszeichen der Wiener Antisemiten. Ich habe leider die Biumensprache nicht studirt »nd kann deshalb die Bedeutung dieses Blumensymbols nicht näher erläutern, nur dies Eine kann ich konstatiren, daß man der weißen Nelke im Knopfloch und auf dem Kleide in Wien auf Schritt und Tritt begegnet, und daß ein junger jüdischer Arzt aus der Provinz, der jüngst im Prater spazieren ging und nichtsahnend eine weiße Nelke in sein sehnendes Knopfloch gesteckt hatte, deshalb in eine regelrechte Keilerei verwickelt wurde. Natürlich ist rmter solchen Umständen die Trennung der Konfessionen eine sehr scharfe. Kein objektiver Beobachter wird cs de» Inden verargen, wenn sie sich zurückziehen, und Niemand wird behaupten können, daß das öffentliche Leben Wiens dadurch gewonnen habe. Selbst im dritten Cafe-Hause im Prater, wo unsere Glaubensgenossen sonst in der Majorität lvaren, ist der Antisemitismus eingekehrt, so klagte mir letzthin ein geborener Wiener mit wahrem Schmerz; denn seit mehr als dreißig Jahren geht er an jedem Sommerabend dahin. Und bei den jüngsten Wahlen zur Bernfsgenvssenschaft hat die Majorität der Wiener Kellner antisemitisch gewählt. Diese Thatsache ist vielleicht das charakteristischste Symptom für die augenblicklichen Wiener Verhältnisse. Nur ein einziger Ort, nur ein einziges Lokal ist in dem ganzen, großen Wien, das die Wogen des Antisemitismus bisher vergeblich umbranden. Dort vermochten sie bis jetzt nicht cinzndringcn, so heftig sie dies friedliche Eiland auch mnsptttt haben. Es ist dies — das Tingeltangel, in dem eben zum vierzehnhunderten Male die „Klaberjaspartie" gespielt wird!! Hier sitzen Semiten und Antisemiten, Polen und Deutsche, Männer, Frauen und leider auch Kinder jeglichen Bekenntnisses so friedlich »nd einträchtig beisammen, als existirte in Wien absolut nichts von einer judenfeindlichen Bewegung, und lachen über die uralten Späße von Simon Dalles so fröhlich und harmlos, als wüßte man dort nichts von der schweren Noth der Zeit, die man ja in Wien nicht anders heilen zu können vermeint, als indem man die „großen Mischen Vermögen" redlich theilt. Tenn nur so kann „dem kleinen Mann von Wien" gründlich geholfen werden. Es giebt allerdings, wie ich wohl nicht erst zu versichern brauche, auch noch verschiedene andere Orte, wohin der Antisemitismus aus naheliegenden inner» Gründen nicht zu dringen vermag, und ich kann es mir ersparen, diese Orte anfzuzählen, obwohl dies vielleicht doch nicht ganz so unnöthig wäre, wie es den Anschein hat, da nicht bei all' diesen immnnen Orten und Kreisen die Selbstverständlichkeit einfach vorausgesetzt werden darf. Antwortete doch ein bekannter Wiener Witzbold neulich auf die Frage, was er denn eigentlich noch vom Jndenthum halte? nach kurzer Besinnung : „Außer den Grünfcld- Konzerten - nichts!" Aber nicht dieses humane Institut, das ja außerdem jetzt geschlossen, sondern ein anderes, vor antisemitischen Ausschreitungen gleichfalls geschütztes, habe ich im Auge, in das mich ein ortskundiger Freund führte, als ich ihn bat, mich einmal unter wirkliche Wiener Juden z» bringen. Freilich mußten wir zu diesem Zivecke selbst eine kleine antisemitische Bewegung machen, indem wir van der Leopoldstadt Uber die Ferdinandsbrücke, welche die Juden von ihren Gegnern trennt, nach der innern Stadt gingen — aber unsere Selbstverleugnung und unsere Mühe wurde reichlich belohnt durch die kulinarischen Genüsse, die uns hier dargeboten wurden. Ich will Niemandem zu nahe treten und keinen Menschen kränken, aber was die jüdische Kochkunst Wiens zu leisten vermag, das steht

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