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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-28 · Heft 26 (28.6.1895) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
Seite 310 (sequence 12)
Language
German
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310 Zipa weint, inzwischen läuft sie aber dvch hin und her über die Gusse, oder sie setzt sich müde »nd wehmüthig gestinnnt, hinter den Ladentisch. Auch Tiba weint mit ihr und besorgt dabei die Wirthschast. Sie wird auch nicht ins Theater gehe», weil das Kleid, das sie trägt, ihr einziges ist, und da es in Stücke zerfällt, ist cs ihr »»möglich, in einem solchen Zustande sich unter den Leuten zu zeige»; auch sind ihre Schuhe nicht besser. Ter fromme Enoch dagegen bleibt ganz gleichgiltig gegen das Abendfest, und da er sogar gegen all' dieses aus streng religiösen Gründen viel einznwendcn hat, beschließt er eigensinnig, sich vom Hanse nicht zu entfernen. Ester und Mendele bereite» sich für das Theater vom allerfrühesten Morgen an vor, sie warten nur, bis sich die Nachbarkinder des Klempners und des Schildermalers auf den Weg machen, nm ihnen sofort zu folgen. Z» diesem Zwecke, fast bei Tagesanbruch schon, zog Liba der kleinen Ester ihre blauen Atlasschnhe an, die mit weißen Fäden gestopft und mit grünen Schnürchen gebunden waren, und versteckte, soweit cs möglich lvar, die weißen Bänder Mendels unter seiner kleinen rothen Jacke. Es lvar schon fast Abend, aber weder Schimele war weggcgangen, noch sah man die Kinder Moische's vor dem Hanse. — Endlich, gegen Ende des Festtages, nach einem langen und eifrigen Gebet, verläßt Schimele das Haus mit langsamem Schritt und tief sinnend. Hinter ihm, Schritt für Schritt, gehen die tleine Ester »nd Mendele, sich an den Händen haltend. In demselben Augenblick öffnet sich plötzlich die Thür des im Hofe stehenden Hauses, und cs stürzt hinterher eine lärmende Gesellschaft, bestehend ans kleinen Mädchen und Jungen, den Kindern Moisches und Isaaks. Tic kleine Ester und Mendele stoßen ein Trinmphgeschrei ans. Sie verlassen den Bater und vereinigen sich mit der Schaar der kleinen Kinder. Aber all' diese kleinen Nachbarn sind älter lvie sie, haben längere Füße und können auch weitere Schritte machen. Dabei sind sie sehr lustig, weil sie so schön herallsgeputzt sind; die Mädchen besonders strahlen in den frisch gewaschenen Erelonkleidchen und den rothen Tüchlein, die ihre Köpfe bedecken. — Sie laufen lärmend und lachend und Lenken gar nicht daran, ans die zwei kleinen Wesen zu achten, die hinter ihnen her mit glühenden Gesichtern jagen. Sie sehen und bemerken gar nicht, daß die blauen Schuhe von Ester im Schnee stecken bleiben, und zwar so, daß man sie gar nicht herausholen kann, und daß das Käppchen von Mendele fortwährend vom Kopfe herunter fällt. Wegen dieser Schuhe und jenes Käppchen müssen sie immersort stehen bleiben, und oh, diese Bänder! sie sind wieder hervorgerntscht ans der kleinen Jacke und beschweren noch die ohnehin schon wankende» Schritte. Schon hat die lustige kleine Gesellschaft das Ende des Gäßchens erreicht und entfernt sich immer weiter und weiter; denn sie eilt rasch durch die mit Schnee bedeckten Boulevards. Die kleine Ester und Mendele strengen ihre ganzen Kräfte an, endlich gelangen auch sie an das Ende des Gäßchens. Aber wo sind die, welche sie führen sollten? Sie sind ans dem Boulevard nicht mehr zu sehen, wahrscheinlich sind sie durch eine Seitenstraße gegangen und irgendwo verschwunden! Was nun? Sollen sie Beide allein weiter gehen, es wäre schon gut, aber — vor den Angen dieses kleinen Paares, welches sich wieder an den Händen hielt und am Eingang in das Güßchen stehen blieb, weiten sich unermeßliche unendlich große Räume ans. Was für eine ungeheure Größe und welch' unbekannte Welt! Ihr Alter ist Schuld daran, daß sie hier »och nicht gewesen sind. Wie können sie jetzt in die unbekannte Welt hinausgehen? Wenn sie auch über die weite Flüche hinaustvmnien, wie sollen sie dann weiter gehen? Bon allen Seiten der Ebene öffnen sich lange steile Schluchten, und in diesen ertönt ein schrecklicher Lärm und ein ewiges Gerassel! Welche Schlucht eigentlich führt zu dem ersehnten Ziel ihrer Reise? S haben keinen Begriff davon. Was thnn? Ganz einfach, nac, langem Zandern und Gucken ballt Ester ihre beiden Fäustchen un legt sie an die Augen, aus denen ein Strom von Thrünen hervw bricht. Mendele folgt schleunigst ihrem Beispiel, nur mit dem Unterschied, daß er wehmüthig und herzzerreißend schreit: „Tatele' Estirchen ist älter und weiß, daß der Vater sie nicht hören kam weil er schon sehr weit weg ist; aber die Mutter ist naher. S korrigirt dann den Bruder und schreit: „Mamele." — Mit dies: Rufen und unter Thränen kehren sie um und gehen durch d Gassen nach Hause. Zll derselben Zeit tritt Schimele, der vo: der Sorge seiner beiden Kinder nichts ahnt, in die Theatc garderobe ein. Hier ist es voll, geräuschvoll und roth — sehr roth. D Rothe strahlt besonders zurück von Moische, dem Schildermaler, d> in der Garderobe in vollem Kostüm, das er schon sein Mittag trüg herumspaziert. Breitschultrig, kräftig, mit abgehärteten Nerven un durch die schwere physische Arbeit entwickelten Muskeln, ist Moiscl viel weniger empfindlich und gewissenszart wie Schimele. Dato fühlt er auch nicht als Philisterfürst eine so große Verantwortliche der Aufgabe, »in beim Volke hohe Achtung und Sympathie zu e wecken. Er ist sehr lustig und voll guter Gedanken. Man sieht c ihm gleich an, daß er die Seele des ganzen Unternehmens ist. - Er sieht auch wirklich sehr stattlich aus, wie es sich für eine Monarchen eines so großen Landes ziemt. Sein Kostüm biltu: rothe Beinkleider und eine ebensolche Blouse mit einer goldene Tresse als Güriel. Sein Kopf ist von einer goldenen Krone in rothen Punkten gekrönt, und am Gürtel trägt er einen veritablr Säbel, den er von einem Soldaten entliehen hat. Moische ist ' roth, daß Jemand, der seine Rolle nicht kennt, denken könnte, > habe die Rolle eines mittelalterlichen Scharfrichters zu spielen. J> Grunde genommen aber ist das Kostüm ein getreues, der Wärt entsprechendes, und das Gesicht mit einer majestätischen Pappnn mit einem durch Kohle gefärbten schwarzen Schnurrbart und spitze: Bart a tu Napoleon sieht königlich ans. — Er geht schon seit ei paar Stunden so durch die Garderobe, klirrt mit dem Säbel, sim leise nnd ruft laut und energisch die nöthigen Kommandoworte fu seine Soldaten. Es ist gewiß keine kleine Armee, die aus vn gemeinen Soldaten und einem Führer besteht. Ter Führer oder General ist zugleich der erste Vertraute un Minister des Herrschers. Isaak, der Klempner, strahlt förmlich i seinem gelben, mit kleinen silbernen Blechen besäten Anzüge. Vo Natur brünett, aber da Simson und der Philisterherrscher ebenso!! brünett sind, so hat er sich der Abwechslung halber eine feuerrot! Perrücke gewählt, die er noch mit einem kleinen Strauß vo grünem Gras geschmückt hat. Die gemeinen Soldaten haben en fächere Kostüme, aber doch schön genug, um ihrem Herrscher Eh zu machen. All' diese Ritter sind, wie sich das auch wohl für Ritter ziem sehr zeitig zur Stelle, um das Kriegsfeld zu betreten. Nur Dein als Dame ist noch nicht fertig. Dort in einem Winkel der Garderob wo sich die meisten Leute angesammelt haben und ein toller Läro herrscht, sitzt Meier, der Sohn Josels, des Kürschners; er fällt so in Ohnmacht vor Scham und heimlicher Freude, wenn man ihm an die Riesenkrinoline ein blaues Kleid anzieht und in die Verrück die ihm in wollenen Locke» auf die Schulter fällt, zwei grov rothe Rosen einsteckt. Das Gesicht Meiers ist rund, fast kindlick noch dazu so roth wie jene zwei Rosen. Mit stiller Verwunderun zieht er auf seine großen Hände, die seit langer Zeit schon den Vater bei seiner Arbeit behilflich sind, die hellgelben Handschuhc

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