Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 309 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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309 „So?" rief sie und versuchte nur schwach, sich aus seinen Armen zu befreien, „was seid Ihr mir für ein frommer Bachur, daß Ihr uns Mädchen so erschreckt, als wär's eine Sünde, wenn wir herauskommen, um das Mondlicht zu begrüßen?" — „Wohl ist's eine Sünde," entgegnete der Kosminer, „wenn Ihr am Sabbath in den Mond hinein blickt! - Löscht doch Euer Auge sein Helles Licht aus!" - „Charifchen," ontgcgnete sie spottend, „seid Ihr so fromm, wie dürft Ihr am Sabbath versuchen, die Flamme der Schmeichelei in meinem Herzen zu entzünden!" Der arme Bocher, er fühlte sich zurückgeschlagen u. f. w. Man sieht, wie unendlich viel charakteristischer, aber auch dichterisch werthvoller die erste Faffung ist! Das Gleiche läßt sich von sehr vielen anderen Stellen behaupten. Was den Dialog betrifft, so hat Bernstein )ie meisten Worte des Jargons ausgemerzt, auch die Syntax dem Hochdeutschen genähert, aber das ging natürlich nicht ohne große Opfer an Kraft und charakteristischer Färbung der Sprache. Bernstein war da in einer viel schwereren Lage, als die anderen Ghetto- Novellisten, die sich von vornherein eine gewisse leise dialektische Färbung der Sprache zurecht gelegt und diese durchgeführt haben. Er mußte das ursprünglich in anderer Sprache Gedichtete nun hinterdrein ins Hochdeutsche umforme». Kurz, diese spätere Fassung verhält sich zu der ersten, wie eine gewandte Ue Verletzung zum Original. So steht denn der Leser, der im Hebräischen wie im Jargon Zeinen Bescheid weiß, vor einem Dilemma: bei der ersten Fasstmg wird ihm das mühsame und doch so nothwendige Studium der vielen Anmerkungen so wie der Umstand, daß ihm trotzdem Manches ounkel bleibt, den Genuß stören; in der zweiten Fassung hat er's bequemer, verliert aber Vieles. Ich meinerseits mag, seitdem ich die Fassung des Kalenders kenne, die spätere nicht mehr; Anderen läßt sich da schwer rathen. Aber dazu, die Novellen jedenfalls, gleichviel in welcher Fassung zu lesen, kann Jedem gerathen werden. Man glaube den Kritikern nicht, die behaupten, daß sich die Sprachgewalt Bernsteins in seinen Essays ungleich kraftvoller offenbare, cs giebt auch hier viele Stellen, an denen man seine volle Freude haben kann. Daß sich einzelne Inkorrektheiten finden, wie einige Kritiker scharf hervvrgehoben haben, ist nicht zu leugnen, doch haben sie sicherlich nur in der Raschheit der Abfassung ihren Grund. Diese Raschheit mag auch eine andere Schwäche beider Arbeiten verschuldet haben: die Schilderungen, namentlich die humoristischen, gerathen oft ins Breite; sie stehen zur Oekonomie des Ganzen in keinem richtigen Verhältniß. Dies gilt natürlich in tveit stärkerem von dem in zehn Tagen geschriebenen „Vögele" als vom „Gibbor", den Bernstein in minder athemloser Hast schuf. So nimmt z. B. die Episode vom „Eirnw" und seiner Verletzung durch den Bösewicht Kerkow, die mit der Handlung in keinerlei Beziehung steht, etiva ein Zehntel der ganzen ersten Novelle in Anspruch; im „Gibbor" wird matt ähnlichen Fehlern der Komposition nicht begegnen. Dies führt mich, nachdem ich bisher das Gemeinsame der beiden Novellen betont, ans ihre große Verschiedenheit. Nicht blos im künstlerischen Aufbau, auch in der Tonart heben sie sich scharf von einander ab. Mit dem Versuch, diese Verschiedenheit festznstellen und dann der ungemeinen Ktmst der Charakteristik, die wieder beiden Dichtungen gemeinsam ist, gerecht zu werden, sei dieser Essay in nächster Nummer beschlossen. e_ m iLUunniL^m IIWfMIImii w -.iTT -1 I- ' I i FEUILLETON P 1 gräimiimnuntip M -.1 1-1 Brr starke Simson. Eine Erzählung von Elise Orszeszko. (Fortsetzung.) ^Vp^urim! Purim! — Vor, ich weiß schon nicht wie viel tausenden von Jahren beabsichtigte der grausame Haman, Minister des Königs Ahasver, das ganze Volk Israel ausznrottcn, — aber es wurde durch die Klugheit Mardochais und durch die Schön! heit Esters gerettet. Haman wurde auf den Galgen gebracht und das israelitische Volk vom Verderbnis; erlöst — und so feiert es bis auf den heutigen Tag die „Jahrzeit" seiner Rettung mit einer stolzen, innigen Freude, als ob es nicht ztun zweitatlsendsten Male, sondern zum zweiteit oder dritten Male wäre. Zmn Andenken des Galgens, den Haman den Kindern Israels zugedacht, werdeit Kuchen von einer merkwürdigen Form gebacken, die in der Sprache der „Gasse" „Hamantaschen" genannt werden. Purim! Purim! Alle Bewohiter der „Gasse" sind in die Wirbel einer ungeheuren Freude und Heiterkeit hineingezogen. — Vom Greise bis zum Kinde, vom Bettler bis ztun Reichen, Alle freuen sie sich. In jedem Häuschen werden an diesem Tage lange, rührende Gespräche über die schöne und gute, ach und wie gute Ester geführt! Uebcrall segnet man ihren Namen und den deS klugen Mordochais. Glückliche Mensche», diese Ester und jener Mordochai! Im Innern der Erde ist ihre Asche bis zum letzten Atom verschrvunden, und ihre Erinnerung ist noch heute gesegnet durch Millionen von Herzen, und von was für Herzen! Ihr „niedrigen, undankbaren, egoistischen" Herzeir, daß ihr einen so großen Vorrath von Gefühl und herzinniger Dankbarkeit besitzt, mögen Ester und Mardochai bezeugen! Schimcle freut sich natürlich zumeist mit den Anderen, und den ganzen Tag segnet er das Gedächtniß von Ester und Mardochai. Seine Freude ist nur durch ein Gefühl feierlicher Ehrfurcht getrübt, welches er zwar nicht vor dem Publikum, vor welchem er auftreten soll, empfindet, wohl aber vor der Größe und Wichtigkeit der Aufgabe, die er auf sich genonnnen hat. Wenn er dem Volke einen so großen Mann, wie es Simson ltnzweifelhast war, vorstellen und dabei irgendwie dessen Andenken verletzen sollte, so würde er sein Gewissen mit einer schweren Sünde belasteit. Nein, er muß imponirend, groß, utächtig sein, wie Jener es war! Er fühlte schon in seiner Brust stürmische Gefühle wogen, die ihm vorher gänzlich fremd gewesen, er fühlt, das; ein mächtiges Begehren, wie Bangigkeit, Wehmuth und Freude zugleich, unerklärlich sein Herz bedrängt, welches, je mehr der Abend heranrückt, desto stärker Pocht und wächst; ja, es tvächst, als ob es immer weiter werden und sich ausdehnen wollte. Den ganzen Tag spricht er nicht mit Zipa, er möchte schon sprechen, aber er kann nicht. Und Zipa weint. Wie sollte sie nicht weinen, wenn sie nicht im Theater sein und ihren Mann nicht ans der Bühne auftreten sehen kann. Sie ist schon für den ganzen Abend bei einer „gnädigen Frau" versagt, die ihre Dienste nothwendig braucht. — Dabei muß sie auch während der Zeit den Laden hüten, da sie dann sicherlich Niemand wird vertreten ivollen.