Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 308 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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308 des »apoleoiiischen Cyclus vergleichen? Sicherlich majorisirt die Bibel die Anzahl der Kämpfenden bei dem Thal Rephaim. Glücklicherweise wird man aber immer wieder zur Wirklichteit zurückgeführt durch die unveränderlichen Dimensionen Sions. Das erfuhr ich, als ich diese Stätten besuchte; sie gestatten kaum einige Hundert Kämpfende; denn Golgatha, das Thal Josaphat, die heilige Stadt Rephaim, alle diese Stätten, die die Legende vergrößert hat, könnten in der Maschinengalerie der letzten Pariser Weltausstellung genügenden Raum haben. Ich erinnere mich sogar, welche Enttäuschung ich empfand, als ich die Enge der Wiege unseres Glaubens maß, und die mächtige Poesie der biblischen Zeiten schien mir dadurch vermindert." Ist es möglich, in so wenig Worten so viele Jrrthümer anzuhäufen? Zunächst majorisirt hier die Bibel nicht die Zahl der Kämpfenden, ans dem einfachen Grunde, weil sie weder in dem Buche Samuel noch in der Parallelstelle der Chronik irgend eine Zahl angiebt. Dann kommt es ja bei der gesteigertem oder geringern Ingeniosität einer strategischen Bewegung gar nicht auf die größere oder kleinere Zahl der Streiter an. Drittens, wie kann nur ein ernster Mann sich die Aeußerung erlauben, daß Jerusalem mit den Hügeln und Thälern, die es umgeben, Raum genug in der Maschinengalerie hätte! Diese Galerie ist im Ganzen 420 Meter lang und 115 Meter breit, während Jerusalem allein nach den neuesten Messungen über 5000 Meter im Umfang und ungefähr 1500 Meter im Durchmesser hat.- Beiläufig in demselben Umfang, den General Lamiraux dem der Maschinengalerie gleichstellt, hatte Titus ein Belagerungsheer von beinahe 80,000 Mann aufgestellt, während innerhalb der Mauern 24,000 Juden kämpfend den Heldentodt starben. Schließlich, anstatt sich darüber enttäuscht zu fühlen und die biblische Poesie geringer zu schätzen, weil die Wiege der die Welt umgestaltenden Ereignisse, die sich daselbst zugetragen, eine enge ist, ist cs nicht im Gegentheil eine unversiegbare Quelle überwältigender Verwunderung und erhabener Poesie, daß so Großes durch so Winziges bewirkt wurde? Amiti. Ueber U. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. V. us dem Gesagten ergiebt sich ein Moment, das unsere Schätzung der Novellen erhöhen, aber auch ein anderes, das sie verringern muß. Sehr hoch ist ihr kulturhistorischer Werth anzuschlagen. Einen Superlativ möchte ich da vermieden haben, aber beide Erzählungen scheinen mir nach dieser Hinsicht von wenigen andern erreicht, von keiner überboten. Ihr ungemeiner Reichthum an bezeichnenden Einzelheiten, die Treue der Beobachtung sichern ihnen diesen Rang; noch mehr der Umstand, daß sich aus ihnen ein fast lückenloses Gesammtbild des geschilderten Lebenskreises gewinnen läßt. Wollen wir erfahren, in welchen Formen sich das religiöse und bürgerliche Leben einer kleinen jüdischen Gemeinde des östlichen Preußen in der Zeit von 1815 bis 1848, von Beginn der Reaktion bis zur vollen gesetzlichen Gleichberechtigung, abgespielt hat, und von welchem Geiste es erfüllt war, so vermögen uns diese Novellen nahezu erschöpfenden Bescheid zu geben. Kein Kulturschilderer dieser Epoche wird Bernsteins Novellen ungelesen lassen dürfen. Freilich, schon heute ist nicht Alles verständlich, und in währendem Zeitenlauf wird leider Wesentliches unverständlich werden, nicht blos den Christen, sondern auch den Juden. Das liegt an der Sprache, der Darstellungsweise Bernsteins. Vom rein künstlerischen Standpunkt läßt sich sehr Triftiges dafür, aber auch nicht minder Triftiges dagegen sagen. Die ungemeine Treue und Natürlichkeit des Dialogs, die lebensvolle Frische der Schilderungen sind Vorzüge, die nicht blos für den Kulturhistoriker, sondern auch für den Aesthetiker schwer in die Wagschale fallen. Nur werden sie leider durch die Mischung der drei Sprachen ausgewogen; in der ursprünglichen Fassung ist sie soweit getrieben, daß man kaum sagen kann, die Novellen seien hochdeutsch, nur eben mit starker Beimischung des Jargons und des Hebräischen geschrieben; die drei Sprachen gehen vielmehr kunterbunt durcheinander, wenn auch das Hochdeutsche überwiegt. Das ist und bleibt ein arger Fehler des Künstlers, der nicht zu entschuldigen, nicht zu beschönigen ist; noch mehr, das ist gewiß, wie Adolf Dux sagte, eine „Barbarei", und daß Bernstein in dieser Beziehung keine Schule gemacht und kaum einen Nachfolger gefunden hat, wird Niemand bedauern Nur sollte man darüber auch der Vorzüge nicht vergessen. Mir scheint vom künstlerischen Standpunkt die Wagschale im Gleichgewicht: neben sehr vielem Licht ist sehr viel Schatten vorhanden. Einige urtheilen darin milder, aber sehr Viele härter. Ich glaube, daß ein äußerer Umstand dabei mitwirkt, der freilich rein subjektiv ist, dessen Einfluß sich aber doch Niemand entziehen kann. Wer die ursprüngliche Fassung recht versteht, wird der „Barbarei" kaum inne; wer fast in jedem Satz einem Wort und fast auf jeder Seite mehreren Sätzen begegnet, die er nicht versteht, wird über diese ästhetische Verirrung hart urtheilen, eben weil sie den Genuß für ihn aufhebt. Dessen war sich Bernstein nicht bewußt, wollte es auch, wie mir Auerbach einmal drastisch erzählte, nie zugeben. „Es stehen ja auch schon im Kalender Anmerkungen da!" pflegte er zu sagen. Freilich sind ihrer viele da; oft stehen zehn auf der Klein-Oktav-Seite, so daß „Vögele" im Kalender ordentlich wie ein gelehrtes Werk aussieht. Viele, aber doch nicht genug: wer des Jargons und des Hebräischen unkundig ist, wird fast ebenso oft rathlos bleiben, als er aus dem kleingedruckten Drittel der Kolumne Belehrung empfängt. Ader angenommen, daß Alles erklärt wäre: für den Genießenden stünde die Sache, nicht bester. Die Anmerkungen heben die künstlerischen Fehler nicht auf, sie erweitern nur den Kreis Jener, welche die Dichtung lesen können. Noch schlimmer wirkt das Hilfsmittel, das der Dichter im „Gibbor" gewählt hat, da hat er die Worterläuterungen in Klammern dem Text beigefügt. So liest der Kundige Alles zwei Mal, zuerst den Satz im Jargon oder das hebräische Wort und dann die Erklärung. Während im „Vögele" nur der Unkundige mit der Zeit eine gewisse Ungeduld verspüren mag, wenn sein Blick fortwährend zwischen Text und Anmerkungen hin und her wandert, empfindet sie im „Gibbor" der Kundige mit ihm. Als sich der Dichter gegen seine ursprüngliche Absicht entschloß, die Novellen auch einem christlichen Leserkreise vorzulegen, mußte er vorher ihre Sprache zu diesem Zwecke gründlich ändern. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß dabei keine Zeile, kein Wort aus anderen, als aus sprachlichen Gründen wegfiel oder geändert wurde. Aber schon diese Gründe bedingten eine weitgehende Aenderung. Man wird anerkennen müssen, daß Bernstein vielen Fleiß darauf gewendet,die Sache geschickt gemacht hat — und doch, wie unendlich viel ist dabei verloren gegangen! Zunächst jene Stellen, die eben ganz gestrichen werden mußten, weil sie unübersetzbar waren oder eines ganzen Kommentars bedurft hätten; andere wieder sind gekürzt und umgearbeitet. So lautet z. B. das Liebesgespräch in „Vögele", das ich S. 274 zitirt habe, in der!hochdeutschen Fassung: