Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 307 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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307 Pariser Briefe. /c) P a r i s, im Juni. hat dieser Tage hier das hundertjährige Gründungsfest der besten Schule Frankreichs, der höher« Normalschule, welche die Professoren der Universitäten und Lyceen heranbildet, mit einem gewissen Prunk gefeiert. Was dieses Fest kennzeichnet, ist der Umstand, daß es, im Gegensatz zu den gewöhnichen Festen, welche diese Schule bei verschiedenen Anlassen bis jetzt begangen, ein entschieden religiöses Gepräge trug. Die katholischen, protestantischen und israelitischen Schüler veranstalteten in einer Kirche, in einem Tempel und in einer Synagoge einen Gottesdienst mit Predigt. Bei dieser Gelegenheit hielt der Gi-and Rabbin de France, H. Zadoc Kahn, eine jener begeisterten und beredten Ansprachen. durch welche er die förmlich an seinen Lippen hängenden Zuhörer zu gewinnen und zu entzücken weiß. Wenn ich das religiöse Gepräge dieses Festes besonders hervorhebe, so geschieht es darum, weil uns dadurch ein tiefer Einblick iu eine merkwürdige, religiöse Umgestaltung gewährt wird, in welcher Frankreich jetzt begriffen ist, die langsam und im Stillen vor sich geht, und von der man vielleicht im Ausland um so weniger Ahnung hat, als selbst hier zu Lande Viele sie übersehen oder unterschätzen; ich meine den sogenannten Neokatholizismus, eine Bewegung, die außer den Katholiken auch viele Protestauten, ja selbst Israeliten, je nach ihren konfessionellen Richtungen, mit sich fortreifet. Sie besteht darin, daß man, um nicht in dem Positivismus oder gar in dem Skeptizismus, die das Leben seines Reizes berauben, zu verschlammen, auf das heute unhaltbare uralte, traditionelle Rcligionswesen ein philosophisches pfropft, das dem modernen Gefühl entspricht und sich mit der modernen Wissenschaft verträgt. Einer der hervorragendsten, eheulaligen Direktoren der Hähern Normalschule, H. Bersot, ein Freidenker, hatte derselben einen Stempel voll Freigeisterei aufgedrückt, und diese seine Denkungsweise hatte er allen seinen Zöglingell eingeimpft, so daß die gesummte frallzösische Universität, mit wenigen Ausnahmen, bis vor Kürzeln diesem Geiste huldigte. Einige Normalschüler silld ihm treu geblieben und feierten neulich das hundertjährige Gründungsfest der Schule in keiner Kirche, in keinem Tempel, in keiner Synagoge, sondern auf Bersot's Grabstätte. Die meisten aber folgen der neuen Richtung, der hier zu Lande alle Konfessionen, sogar die jüdische (weshalb ich dies ererörtere), mehr oder weniger folgen. Der Professor der Philosophie an der höhern Normalschule hat ein Buch veröffentlicht, in dem er zum Schluß kommt, daß das Heil der niodernen Welt einzig und allein in der Rückkehr zu einem verklärten Katholizismus ist. H. Brunetiere, der Professor der Litteratur an derselben Schule, kam neulich von Rom, woselbst er den Papst besucht, mit der Erklärung zurück, daß die moderne Wissenschaft bankerott sei. Die jüdische Jugend Frankreichs bleibt von diesen Aeußeruugen, die nach und nach in den öffentlichen Schulen einsickern, nicht unberührt. Man findet auch unter den jüdischen Schriftstellern die Ansicht, daß die Religion der Zukunft vielleicht eine Kompromission zwischen Judenthum und Christenthum sein mag, was doch das Hauptdogma des Christenthums, mit dem für das Judenthum an kein Kompromiß zu denken ist, unmöglich macht. Diese Schriftsteller faseln aber von einem Christenthum ohne dessen Hauptdogma, und demzufolge schreibt Herr Rein ach in seinen! in meinem vorigen Briefe erwähnten Artikel: „Das Judenthum wird sich in einen farblosen Deisnuls umgestalteu, welcher der äußersten Linke des Protestantismus ziemlich ähnlich sein wird." Glücklicherweise ist H. Reinachs Diagnose aus der Luft gegriffen. Er hat nämlich dasjenige hervorzuheben unterlassen, was zur Aufstellung einer Diagnose unentbehrlich ist, nämlich dem Patienten den Puls zu fühlen. Hätte er es gethan. so hätte er an den mächtigen Pulsschlägen des Judenthums erkannt, daß das Leben in ihm noch kräftig pulsirt, daß es fühlt, es habe seine Sendung noch nicht erfüllt, daß ein philosophischer Deismus nicht dazu hinreicht, um den Menschen hienieden zu stärken und zu trösten, sondern daß es dazu einer positiven Religion bedarf, die, wie das Judenthmn, zu gleicher Zeit zum Geiste und zum Herzen spricht. Dieses Erwachen des religiösen Gefühls in den Klassen, bei denen sonst ein gewisser spöttelnder Skeptizismus ä la St. Benve zum bonton gehörte, veranlaßt jetzt viele Gelehrten, sich häufiger mit den geologischen, ethnographischen und geographischen Angaben der Bibel zu beschäftigen. So hat neulich H. Dieulafoy, ein durch seine archäologischen Forschungen in Persien und in den an dasselbe grenzenden Gegenden bekannter Gelehrter, bei der französischen Akademie der Inschriften ein Memoire eingereicht, in welchem er, bei Gelegenheit seiner jüngsten Reise in Judäa, die die Erforschung Der Topographie Palästinas zum Zwecke hatte, die Feldzüge Davids gegen die Philister Schritt für Schritt rekonstituiren will. Aus seinen Studien hat er die Ueberzeugung geschöpft, daß die Israeliten nicht nur, wie man bis jetzt glaubte, ein kriegerisches Volk waren, das, in seinem blinden Vertrauen auf den Beistand „des Gottes der Heerschaaren", sich mit wildem, unwiderstehlichem Ungestüm auf seine Feinde stürzte, sondern daß sie „Wunder der Strategie und Taktik geleistet haben, die der heiligen Sache würdig waren, die sie vertheidigten." H. Dieulafoy gründet seine Aenßernng unter Anderm auf die Verse 22, 23, 24 und 25 im Kapitel 5 des zweiten Buch-) Samuels und speziell auf die Worte: „Wende dich in ihren Rücken und gehe auf sie zu, gegenüber Bekaiui". Dem Reporter eines der bestnnterrichteten Pariser Blätter, „Le Matin", der von H. Tieulefoy Näheres über das eingereichte Memoire erfahren wollte, setzte dieser Folgendes auseinander: „Vor David hatten die Israeliten keine geschulten, permanenten Soldaten; er war der Erste, der Soldtruppen unter dem Namen Kerethi und Pelethi anwarb, die kriegsgeübt waren und den heimischen Truppen als Vorbild dienten. Von nun an konnte die Taktik die Hauptrolle in seinen Feldzügen spielen. Als nun das kriegerische Volk der Philister den ihm seit der Einnahme von Jebus (Jerusalem) zu mächtig gewordenen David bekämpfen wollte, ehe dieser Zeit gehabt hätte, sich in dieser auf dem fast unersteigbaren Fels Sion gelegenen Burg zu befestigen, so verließ David die Burg, ließ die Philister ungestört dieselbe vom Thal Rephaim her belagern und verdankte dann den Sieg einer merkwürdigen strategischen Bewegung, die die größte Aehnlichkeit mit derjenigen hat, welche Friedrich der Große bei Mollwitz und Roßbach und die Auftro-Russen bei Austerlitz später ausführten. Nach einem Flankenmarsch und einer plötzlichen Frontveränderung umzingelte er nämlich beu linken Flügel der Philister und griff sie mit Ungestüm von der Rückseite an." Der Reporter, der nun ober dem strategischen Wissen des gelehrten H. Dieulefoy mißtraute, begab sich stracks vou dem Gelehrten zu dem General La mir nur, der an der Spitze der französischen Kriegsschule, woselbst die französischen Stabsoffiziere beraugebildet werden, steht, um die Aeußeruugen des Archäologen durch die des Taktikers zu kontroliren. Dieser fertigte aber den Reporter auf eine Weise ab, die sicher nicht dazu geeignet ist, die Reputation des Generals zu erhöhen. „Was Taktik, was Strategie? rief er aus. Ein Indianer (Peau Rouge) wäre auf denselben Einfall gekommen! Die Schlacht bei Rephaim zählt nicht mehr in der Evolution der Kriegkunst als die Schlachten bei Marathon und Mantinäa. Wie kann man nur die winzigen Mannschaften jener Zeiten mit den kolossalen Heeresmassen