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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-28 · Heft 26 (28.6.1895) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
Seite 302 (sequence 4)
Language
German
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302 Tie Rassenhetze ist leider besonders vergiftend in Blut und Snst unseres Schnllebens, und zwar gerade innerhalb der höheren Schulen eingedrnngen. Trotz alledem möchten wir ideal strebenden Jüngern der Wissenschaft zurufen: „Verlieret nicht bcn Muth"; schon wurden schwerere Hindernisse überwunden. Nie Woche. Berlin. 25. Juni. or den großen Ereignissen des Tages treten unsere kleinen Sorgen und Beschwerden bescheiden in den Hintergrund. Tie große Friedensrede des deutschen Kaisers giebt auch uns neuen Mull) und frische Hoffnuug für die Zukunft, vor Allem der Satz: „Haben wir einen Blick geworfen auf das ewige Meer, so werfen wir einen Blick auf das Meer der Völker. Aller Völker Herzen richten sich hierher mit fragendem Blick. Sie erheischen und wtiuschen den Frieden Im Frieden nur kann Welthandel sich eutentwickeln, im Frieden nur kann er gedeihen, und den Frieden werden und wollen mir ansrecht erhalten." * Ter Antrag Virchow lind Genossen wegen der Anstellung jiidischer Lehrerinnen beschäftigte am 20. die Berliner Stadtverordnetenversammlung. Wir gebet! hier den Bericht der Tagesblätter wieder. Stadtv. Virchow: Es ist schon seit einigen Tagen durch die Presse bekannt geworden, daß ein Angriff gegen unser Schulwesen im Anzuge sei. Wie weit diese Angelegenheit schon gediehen ist, ist unbekannt. Die beregte Verfügung des Provinzial-Schulkollegiums würde einer großen Anzahl unserer Mitbürger eine große Beschränkung ihrer bisherigen Thätigkeit auferlegen. Ich will nicht eingehen in die Geschichte unserer städtischen Leiden in Bezug auf den Religionsunterricht auf unseren Schulen; die Stadtverordnetenversammlung hat immer gleichmäßig an dem Gedanken festgehalten, daß die Religion nicht dazu da sei, die Menschen zu veruneinigen, sondern sie zu einigen. (Beifall.) Von diesem Gesichtspunkte aus haben wir geglaubt, die Scheidung zwischen den Konfessionen immer auf das geringste Maß zurückzuführen, und im Laufe der Dezennien hat sich die Schulbehörde allmählich darin gefunden, so daß man hoffen durfte, zu einem Frieden auf diesem Gebiete zu kommen. Jetzt zeigen sich aber immer mehr bedrohliche Anzeichen, daß vom Standpunkte der Religion aus auf alle unsere öffentlichen Verhältnisse eingewirkt werden soll. Der Antisemitismus hat im Laufe der letzten Zeit doch zweifellos Fortschritte gemacht und man merkt Spuren, die auch die Behörden zu demselben hineinsühren. Eine solche Bewegung ist es nun auch, die durch die neuen Vorgänge uns entgegentritt. Ich will nicht sagen, daß auch unsere oberste Schulbehörde antisemitisch sei, aber ich will darauf Hinweisen, daß Jeder frühzeitig vor seiner Thür kehren möge, um den Gefahren zu entgehen, die eine solche allgemeine Seuche mit sich bringt. (Beifall.) Wir wollen in den Schulen für unsere Jugend eine allgemein menschliche Erziehung, aber nicht vom Standpunkte einer bestimmten Konfession und Religion aus, wir wollen nicht, daß die Kinder von ihrer frühen Jugend aus in ihrem Anschaunngswesen in eine solche einseitige Richtung gedrängt werden. Jetzt scheint das Schulkollegium zu dem Standpunkte zurückkehren zu wollen, daß nichts mehr in der Schule gelten soll, was nicht religiös gefärbt ist. Was soll es denn in aller Welt schaden, wenn ein jüdischer Lehrer Unterricht im Lesen und Schreiben giebt. Wenn man in solchen Dingen auch die Religion an die Spitze stellt, so ist das Mißbrauch. (Sehr wahr!) Ich habe Zuschriften von jüdischen Lehrerinnen bekommen, die schon lange im Amte stehen und sich nun plötzlich bedroht sehen, ans ihrem Amte herausgebracht zu werden. Niemand von uns verlangt ja, daß der Religionsunterricht an sich in die Hände eines Angehörigen einer fremden Religion gegeben werden dürfe. Wenn ein solcher Fall sich zugetragen haben sollte, so beruht er doch wahrscheinlich nur auf einem Mißverständniß und Mißgeschick und darf nicht aufgebauscht werden, als ob er Regel wäre. (Beifall!) Es ist nicht zu begreifen, wieso die Religion in jeden Unterrichtszweig geschoben werden soll. Der Unterricht muß so geleitet werden, wie er sachlich geleitet werden soll. Der Unterricht im Lesen muß so objektiv gehalten werden wie der Unterricht im Schreiben. Der von mir gestellte Antrag wünscht festgestellt zu sehen, was bisher vom Provinzial-Schulkollegium angeordnet worden oder in Aussicht gestellt ist und wie sich der Magistrat zu verhalten gedenkt. Ich hoffe zuversichtlich, daß es nicht gelingen wird, die humane Form, in welcher bisher die Anstellung der Lehrerinnen erfolgt ist, zu Gunsten eines kleinlichen und neidischen Konfessionalismus zu unterdrücken. Stadtschulrath Dr. Bertram: Berlin hat 80 000 jüdische Einwohner und 3469 jüdische Kinder in seinen Gemeindeschulen. Unsere jüdischen Mitbürger nehmen regen Antheil an dem öffentlichen Leben, und seit dem Freundschaftsbunde zwischen Mendelssohn und Lessing steht die geistige Kraftentfaltung zwischen Juden nnd Christen in dauernder Wechselwirkung. Der interkonfessionelle Zustand unserer Volksschulen besteht seit 20 Jahren. Schon daraus ergiebt sich in der hier zur Debatte stehenden Frage eine Uebereinstimmung zwischen Vieser Versammlung und dem Magistrat (Beifall). Wir haben zweierlei zu unterscheiden: eine prinzipielle Frage und eine Brennfrage, die sich mit erledigen wird, wenn die prinzipielle Frage erledigt sein wird. Die letztere ist älteren Datums: vom Oktober v. I Vor zwanzig Jahren sollten vier neuere Schulen ohne besonderen Konfessionscharakler errichtet werden. In der Antwort vom September 1874 wurde vom Minister gesagt, daß vorläufig keine Entscheidung darüber getroffen werden solle. Der Antrag des Magistrats wurde später erweitert, weil es sich herausgestellt hatte, daß mit wenigen Ausnahmen die Gemeindeschulen reine Schöpfungen der politischen Gemeinde sind. Vier Schulen können als spezifisch konfessionell-evangelisch betrachtet werden, dazu treten sechs spezifisch katholischkonfessionelle Schulen, alle übrigen haben keine konfessionelle Färbung. Die Anträge des Magistrats, an diese anderen Schulen je nach den lokalen Bedürfnissen auch jüdische und katholische Lehrer zu berufen und diesen den Religionsunterricht für die Schüler ihrer Konfession zu übertragen, wurde vom Minister unter dem 11. August 1875 genehmigt und damit der interkonfessionelle Charakter der Gemeindeschulen festgestellt. Dies wurde unter dem 13. Dezember 1884 aufs Neue bestätigt. Neuerdings sind eine ganze Anzahl von Schulen errichtet worden, in denen ein katholischer Religionsunterricht ertheilt wird, nur unter dem Vorbehalt, daß Aenderungen getroffen werden sollen, wenn sich ein Bedürfniß dazu zeigt. Der überwiegende Theil der jüdischen Bevölkerung wünscht eine Absonderung ihrer Kinder nicht, sondern wünscht einen gemeinsamen Unterricht zum friedlichen Wettbewerb. (Beifall.) In diesem Sinne ist seit zwanzig Jahren die Berufung auch jüdischer Lehrkräfte zu ordentlichen Lehrern erfolgt, und man hat bisher keinerlei Zweifel darüber gehabt, daß man auch den Unterricht in der Lektüre und in der Geschichte ihnen überlassen könne. Jetzt allerdings, als im Oktober v. I. die Bestätigung einer jüdischen Lehrerin erbeten wurde, erging der Bescheid, daß man erst das Bedürfniß dazu Nachweisen solle. Dies ist geschehen. Der Besuch der Gemeindeschulen durch jüdische Schulkinder hat sich im Laufe der Jahre fast über das gesammte Stadtgebiet verbreitet, und der Nachweis des Bedürfnisses war deshalb nicht schwer, er befriedigte aber das Provinzialschulkollegium nicht. Es verlangte unter dem 15. Februar einen statistischen Nachweis, ob nicht die jüdischen Lehrkräfte, in Gemäßheit der geographischen Nachbarschaft, im Stande seien, den jüdischen Religionsunterricht für alle jüdischen Kinder zu ertheilen, falls ihr Unterricht auf jenes Gebiet beschränkt bleibt. Eine angestellte Statistik hat ergeben, daß auf eine evangelische Lehrkraft 52.7 evangelische und dissidentische Kinder, ans eine katholische Lehrkraft 15 7 katholische Kinder, auf eine jüdische Lehrkraft 63.07 jüdische Kinder entfallen. Das zeigt also, daß die städtische Schulverwaltung von der ihr im Jahre 1867 ertheilten Ermächtigung nicht übertriebenen Gebrauch gemacht hat. Es muß abgewartet werden, was das Provinzial- Schulkollegium auf diese Statistik sagen und wie sie die Bestätigungsfrage in Bezug auf die erwähnte Lehrerin erledigen wird. — Ganz nebenher geht nun ein Vorfall, von dem man es lieber hätte sehen müssen, daß es nicht geschehen wäre. In Folge einer heftigen Influenza- Erkrankung, die an einer Schule nenn Lehrkräfte ergriff, hat eine jüdische Lehrerin in der That aus der biblischen Geschichte lesen lassen und

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