Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Ar. 26. Allgemeine Berlin» 28. Juni.1895. eitung des Iudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Nedacteur: Gustav K arpeles. Begründet von Rabbiner Dr-Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Expedition: {Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zuwendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ÄNhalt. Leitartikel: Die Lage der Wischen Schnlamtskandidaten. — Die Woche. — Die Enthüllung des Luther-Denkmals. Von Pros. Dr. H. Steinhal. — Dr. Moritz Grünwald. Von Dr. R. Vierer. — 40. Jahresversammlung des Vereins isr. Elementarlehrer Westfalens und der Rheinvrovinz. — Zur frage der Ausbildung der Rabbinen in England. — Pariser Briefe. — Ueber 1 Bernstein. Y. Bon Karl Emil Franzos. —Feuilleton r Der starke Simson. Erzählung von Elise Orszeszko lFortsetz.). - Unterwegs. I. Bon G. K. — Atterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Hraudenz, Aus der Provinz Posen, Posen. Bromberg. Köslin. Arnswalde. Erfurt. Wien. Budapest. Erlau. Tanger. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. — Briefkasten der Redaktion. — Geschäftliche Notizen. Me Lage der jüdischen Schnlamtskandidaten Berlin, 25. Juni. ie Zahlen in Nr. 22 betreffs der jüdischen Lehrer an höheren Schulen in Preußen sprechen eine beredte Sprache. Die Provinzen Pommern, Hannover. Schleswig-Holstein, Westfalen und Rheinprovinz haben keinerlei pro facultate docendi geprüfte Ährer jüdischen Glaubens an höheren Lehranstalten. Dennoch haben ich bei s ä m m t l i ch e n königlichen wisienschaftlichen Prüfungskommissionen für das Lehramt an höheren Schulen 1893/94 nur 12 Kandidaten mosaischen Gtaubens der Prüfung unterzogen. Vergleicht man damit den übermäßigen Andrang unserer tudirenden Glaubensgenossen zur Medizin und Jurisprudenz, so muß nan mit Bedauern für dieses Jahrzehnt einen starken prozentualen Rückgang an Oberlehrern jüdischen Glaubens mit Sicherheit voraus- >estimmen. Die Provinz Posen z. B. hat zwar zur Zeit 3 fest anqestellte Oberlehrer jüdischen Glaubens, Schlesien 5, dagegen Hilfslehrer nur 1, Schlesien 0. und zur Zeit haben beide Provinzen meder einen Probekandidaten noch einen Seminarkandidaten jüdischen Maudens. An Nachwuchs jüdischer Philologen fehlt etz fast in jeder Provinz, und wird es nicht lange dauern, so wird auch in Berlin Ue Zahl (18) der Oberlehrer jüdischen Glaubens zurückgegangen sein. Diejenigen, welche Karriere gemacht haben, — von 49 Oberlehrern jüdischen Glaubens führen 9 den Professorentitel, — gehen noch auf me Aera Falk zurück. Die Zahl der Probekandidaten jüdischen Glaubens beträgt zur Zeit in ganz Preußen nur 4 (2 Berlin, 1 Westpreußen, . Brandenburg). Das erinnert an die Zeiten, in denen der Kultusiiiinister v. Mühler ein Reskript erließ des Inhalts, daß keinem jüdischen Kandidaten für das höhere Lehrfach durch Bestehen des Examens ein Anspruch auf Anstellring erwachse. Diese zum wissenschaftlichen Borwärtsstrebcn äußerst ermunternde Mittheilung sollte jedem Kandidaten jüdischen Glaubens vor der Zulassung zur Prüfung gemacht werden. Kultusminister Dr. Falk änderte die seltsame Verfügung dahin ab, daß überhaupt keinem Kandidaten durch Ablegung des Exainens ein Anspruch auf Anstellung erwachse, daß also die besondere Mittheilung an die jüdischen Kandidaten pro facultate docendi künftig zu unterlassen sei. Wenn man bedenkt, daß vor nicht viel mehr als 3 Jahrzehnten noch ein preußischer Kultusminister in der Kammer erklärte, höchstens an den nicht ausdrücklich evangelisch gestifteten Universitäten Bonn und Breslau könnten jüdische Professoren angestellt werden, und damit die heutige Zahl von Lehrern jüdischen Gtaubens an den preußischen Universitäten vergleicht, so muß man sich die Frage vorlegen, warum soll, was für die Universitäten recht ist, für die Gymnasien unbillig sein? Warum hat übrigens auf diesem Felde gerade die sonst der Energie nicht ermangelnde israelitische Jugend so schnell die Fahnenflucht ergriffen? Es ist wahr, für die Mehrheit des junge» Nachwuchses unter den Lehrern ist im Verhältniß zu der schweren und verantwortungsvollen Aufgabe derselben die Sicherheit für die Zukunft eine zu geringe, ihre Stellung innerhalb des Lehrerkollegiums eine zu unsichere. Wenn man aber bedenkt, daß dem echten Pädagogen gerade der Beruf eines Gymnasiallehrers so recht ein Herz und Geist zugleich befriedigender ist, so muß diese Abkehr von einem Fache, das tüchtigen Kräften immer noch eine Laufbahn eröffnet und noch lange nicht an derselben Ueberprodnktion leidet wie andere wissenschaftliche Fächer, noch andere Gründe haben. Zunächst liegt ein Grund bei den christlichen Leitern der höheren Lehranstalten. Ein sonst liberaler Gymnasialdirektor, der jetzt eines der hervorragendsten preußischen Gymnasien leitet, hat uns einmal erklärt, er rathe keinem Juden zur philologischen Karriere, es sei denn, daß derselbe sich zum Universitätslehrer eigne, wobei er der wissenschaftlichen Befähigung der Juden volle Anerkennung zollte. Zum Beweise seiner Unparteilichkeit erzählte er von den pädagogischen Mißerfolgen eines getauften Juden am Gymnasium in D. Auf der andern Seite ist es von ganz besonderer Bedeutung, zu konstatiren, daß die jüdischen Lehrer an den höheren Schulen fast überall ihres Amtes zur vollen Zufriedenheit der Vorgesetzten Behörden walten. Es ist uns trotz eifrigen Nachforschens kein Fall bekannt geworden, daß ein jüdischer Lehrer irgendwo Anstoß oder Unzufriedenheit erregt hätte. Ueberall haben sie durch ihr Benehmen, durch ihre pädagogischen Fähigkeiten und durch ihren Fleiß sich die allgemeine Achtung errungen, gar oft sogar erzwungen. Dieses Zengniß ist ihnen von den Schulbehörden wiederholt ausgestellt worden, und darum glauben wir bestimmt, daß auch auf diesem Gebiete beharrliches Streben trotz aller Widerwärtigkeiten zum Ziele führen muß.