Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1895)
- Date
- 1895-06-21
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 regem Gedankenaustausch und Mittheilnng gegenseitiger Erfahrungen wurden die Verhandlungen geschlossen. r. Aus Schlesien, im Juni. Der am 20. v. M. im 51. Lebensjahre lötzlich verstorbene Kaufmann Moritz Schlesinger in Cosel hat der ädtischen Verwaltung als früherer Bezirksvorsteher und seit 1887 als Stadtverordneter bis zuletzt mannigfache Dienste geleistet. In der israeltischen Gemeinde war der Verstorbene ein thätiges Mitglied des Repräsentantenollegiums und des Vorstandes. Durch seinen ehrenhaften Charakter nd seine Herzensgute, durch sein reges Interesse für Gemeindeangelegeneiten und seine anerkennenswerthe schöpferische Kraft war der Heimegangene in den weitesten Kreisen allgemein geachtet, sodaß sein früheitiger Tod eine recht empfindliche Lücke hinterläßt. Bei der am 7. v. M. erfolgten Beerdigung gaben der Magistrat und die Stadterordneten, die israelitischen Gemeindebehörden, sowie ein zahlreiches 5rauergefolge dem Verstorbenen das letzte Geleit. Kantor und Prediger rrolik hielt auf dem Friedhöfe eine ergreifende Gedachtnißrede. Lübbecke, 16. Juni. Durch den Tod unseres allverehrten Vorstehers, des Herrn Markus Löwenstein, ist die hiesige Gemeinde wr einigen Wochen in tiefe Trauer versetzt worden. Zählte doch der verblichene zu den Edelsten und Besten, der seine hervorragende Geistesmb Herzensbildung auf die uneigennützigste Weise in den Dienst seiner Nitmenschen gestellt hatte. Die Herzensgüte und Opferwilligkeit des Entschlafenen verknüpften seinen Namen mit vielen öffentlichen Instituten, Stiftungen und Wohlthätigkeitsanstalten ohne Unterschied der Religion, deinem selbstlosen Wesen und seiner Friedfertigkeit verdankt die hiesige Gemeinde ihr festes Zusammenwirken und ihre harmonische Uebereintimmung in allen synagogalen und Kultusangelegenheiten. Bei seinen Mitbürgern war er hoch geachtet. Ein großes Trauergefolge ehrte den Heimgang des Verklärten. Die Behörden unserer Stadt, der Lehrkörper ^r hiesigen Selekta und fast alle Bürger des Ortes nahmen an demselben rheil. Sie Alle werden seinem humanen Charakter und seinem edler: Herzen ein treues Andenken bewahren. 1. Namslau, 17. Juni. Nachdem wir hier in Namslau alle Vorbedingungen zur Gründung einer Chewra Kadischa zu erfüllen hatten, und wir in der Lage, nun auch hierorts einen solchen Verein zu besitzen, oem alle Gemeinde-Mitglieder, ca. 40 Familien, beigetreten sind. Fünf Tage nach dem Bestehen des Vereines, als dessen Vorsteher die Herren Dr. meä. Steinhardt, Kaufmann Lesser, Kantor Falkenstein gewählt worden sind, hatte dieser zum ersten Male in Thätigkeit zu treten. Es galt, den Senior der Gemeinde, den in seinem 84. Lebensjahre in hochgeachteter Stellung verstorbenen und ca. 60 Jahre hier wohnhaft gewesenen Herrn Selig Bielschowsky zu Grabe zu tragen. Der Verstorbene war viele Jahre hindurch Repräsentant und dann Vorsteher unserer Synagogen-Gemeinde und hat mit Recht den Nachruf verdient, )aß er auf das Beste für das Wohl der Gemeinde gesorgt H k. Nach Repräsentanten-Beschluß sollen die veralteten Statuten unserer Synagogen-Gemeinde zeitgemäß revidirt werden; hauptsächlich hierzu veranlaßt werden wir durch den neuen Steuer-Modus, der von der Kgl. Regierung zu Breslau zum ersten Male in diesem Jahre aufgegeben wurde, nach welchem wir die Gemeinde-Steuer durch Zuschläge zur Staats-Einkommen- Steuer erheben mußten, während wir bisher die Gemeindemitglieder von einer Schätzungskommission einschätzen und alsdann besteuern ließen. Wir wären nun sehr dankbar, wenn wir durch die Leser dieses Blattes zu Statuten aus anderen Gemeinden, die neu und zeitgemäß abgefaßt, kämen, daß wir solche hier mitbeuutzen könnten. Wir bitten, solche an Herrn Adolph Lesser hier zu senden. L. Li. Hechingen, im Juni. Vor Kurzem starb hier die hochbetagte Tochter des Lehrers Bert hold Auerbachs — Frau Lehrer und Rabbiner Reichenberger.. In den ersten zwei Dezennien dieses Jahrhunderts war R. eine der bedeutendsten Lehrkräfte des damals in der Blüthe gestandenen Beth-Hamidrasch. Wie bekannt, war Berthold Auerbach von 1822 bis 1825 Zögling desselben und verkehrte als solcher täglich in der Familie seines Lehrers. Frl. Kahn, die Schwiegertochter des Letzteren — heute in ihrem 87. Jahre stehend — erzählt noch mit Begeisterung von dem begabten, freundlichen Auerbach, der aber auch manchen losen Streich ausführte. „Mein Junge," mahnte oft Herr Neichenberger, wenn Du Dir Mühe giebst, wirst Du ein (= Kapazität, pochemachend). Und so blieb er im Munde der Hechinger der „Godol- ] Hador". — Damals ahnte man freilich noch nicht, daß dieses Ichickwtou j ornans des Hechinger Schülers von der ganzen gebildeten Welt bestätigt werde. Als Auerbach einmal die Familie seines früh verstorbene!: Lehrers hier besuchte, sah er das Bild desselben an der Wand hängen. Stumm und ergriffen blieb er vor demselben stehen. Nur die Worte „Mein Freund! i n:ein Lehrer" lispelte der Dichter vor sich hin. Nach einer Weile drehte! er sich un: und fragte Frau Reichenberger: „Hat er noch meinen „Spinoza" j gelesen^ Er wird wenig Freude daran gehabt haben!" Die Frau! erwiederte, daß ihr Gatte mit voller Begeisterung an allen Werken seines! ehemaligen Schülers hänge, wenn er auch mit der Tendenz nicht innner j einverstanden sei. „Ja," meinte der Dichter „es war mein Glaubensj bekennt::: ß; er hat mich gewiß verstanden trotz seiner starren Ortho-! doxie. Er wird da auch eingesehen haben, warum ich nicht Rabbiner! werden konnte, warum ich meinem Geiste diejenigen Feffeln nicht anj legen durfte, die vom Ornate des Geistlichen aller Konfessionen — auch j der nnsrigeu — nun einmal nicht zu trennen sind. Es ist vielleicht so! besser!" Von der Familie des Lehrers und Rabbiners Reichenberger i lebt hier außer der bereits erwähnten Schwägerin auch eine Enkelin,! Frl. Haunchen R., die Den Handarbeits-Unterricht in der israelitischen; Schule leitet und in diesen: Fache Vorzügliches leistet. j 1. München, 17. Juni. Au: 1(7 Januar 1874 ist in Bayern zum j ersten Male ein Jude als Berufsrichter und zwar Map Berlin aus! Fürth, nebenbei bemerkt meines Wissens ein Nachkomme des Casseler Rabbiners Löb Berlin zum Assessor an: damaligen Stadtgerichte Nürnberg ernannt worden. Er ist nmunehr nach 21 jähriger Dienstzeit als Stadt-! gerichtsassessor, Amtsrichter und Landgerichtsrath znn: Oberlaudess gerichtsrath am Oberlandesgericht Nürnberg befördert. >! Orstrrreiäi-Ungarn. □ Wien, 16. Juni. In einer der letzten Reichsra thssitzuugen überreichte Dr. Bloch eine Petition des politischen Volksvereins in Wien, welche sich gegen Veröffentlichung und Verbreitung des vom Abgeordneten Schneider in der letzten Sitzung seiner Interpellation beü gelegten Pamphlets unter dem Titel: „Die Wahrheit über das Judenthum" richtet. Die Petition weist nach, daß das obige Flugblatt auf Fälschung und gröblichster Entstellung beruhe und nur zu den: Zwecke j fabrizirt wurde, un: mit den Mitteln der Lüge und Bethörung den Haß! und die Feindseligkeit gegen das Indenthnm anzufachen. Die Petition i gipfelt in der Bitte, das Abgeordi:ete::haus möge den Justiznnnister auf! fordern, gegenüber diesem verleumderischen Pamphlete die Anwendung der bestehenden Gesetze anzuordnen. Abgeordneter Dr. Bloch bemerkt zu dieser Petition, daß das Flugblatt unerhörte Schmähungen und Ver leumdungen gegen das Judenthum enthalte. Der Verfasser desselben sei im Jahre 1885 vom Wiener Landesgerichte wegen Betruges zu mehr-! monatlichem Gefängniß verurtheilt worden. Er beantragt, diese Petition; dem stenographischen Protokolle vollinhaltlich beizuschliehen. Dieser Auj trag wurde angenommen, gab aber in der Sitzung von: 14. d. M. dem! antisemitischen Abgeordneten Schneider Gelegenheit zu den gröblichsten j Beschimpfungen des Dr. Bloch, die wüstesten Szenen wurden aufgeführt,! und der Präsident schien dem maßlosen Treiben gegenüber machtlos. — I In Währing versuchte neuerlich ein verkommenes Weib, Die Geschichte des „Bl utmärchens" aufzufrischen; vor Gericht citirt, gab die Angeklagte, eine geriebene Person, die erst Trunkenheit und dann, der Mode des Tages huldigend, Geistesverwirrung zur Entschuldigung vorgebracht! hatte, vom Richter in die Enge getrieben, ein umfassendes Geständniß j ab, und ein integrirender Theil dieses Geständnisses war auch die Angabe,! sie habe dem hochwürdigen Pfarrer Deckert und ebenso seiner Wirth-; schafterin bestimmt erzählt, daß ihr gestohlenes Kind zu rituellen Zwecke:: j mißbraucht worden sei, eine Darlegung, die sie auch unmittelbar bei! ihrer Anhaltung bei der Polizei geliefert hat. Der Belastungszeuge in! diesem Blutmärchen-Prozesse,Pfarrer Dr. Deckert, versicherte dagegen, j die Angeklagte habe ihm nur mitgetheilt, ihre Tochter sei seit Samstag! abgängig, er bestritt dagegen selbst auf wiederholtes Befragen des Richters, j den zweiten Theil des von der Angeklagten abgelegten Geständnisses. Er erklärte, daß dieselbe vom „rothen Mann" oder vom „Abschlachten" gar nichts gesprochen habe, ja, er hätte ihr auch Derartiges selbstverständlich nicht geglaubt. Es mag ja sein, daß der hochwürdige Zeuge in seinem Innern von der Hinfälligkeit solch unwürdiger Gerüchte überzeugt ist, nach seinem sonstigen Auftreten aber erscheint dies denn doch nicht so