Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-21 · Heft 25 (21.6.1895) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228120--51898-3272666
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

o Berlin, dessen ältestes Mitglied er war, zur letzten Ruhe gebracht. Vor der religiösen Feier versammelten sich die Leidtragenden um die Familie. Hier nahm Justizrath Meyer das Wort, um in dankbarer "Anerkennung der Verdienste zu gedenken, die der Verstorbene, der früher auch Vorsteher der jüdischen Gemeinde gewesen, der Oesientlichkeit geleistet hat. Vor der aufgebahrten Leiche hielt dann Rabbiner Dr. Mcrpbaum die Gedüchtrüßrede. Die Bestattung erfolgte in Weißensee. ---- Berlin, 14. Juni. Ein Kabel-Telegramm bringt die Kunde, daß Martin Noeder, der bekannte und geschätzte Komponist, der bewährte Kapellmeister, am 10. d. M. einer Lungenentzündung erlegen ist. Martin Boeder war ein geborener Berliner aus einer alten, frommen, jüdischen Familie. Sohn eines bekannten hiesigen Kaufmanns, sollte auch er dem Handel sich widmen. Ein unwiderstehlicher künstlerischer Drang führte ihn der Musik zu. Noch sehr jung wurde der hübsche, junge Musiker Orchestermitglied, dann Kapellmeister einer italienischen Operngesellschaft, mit der er durch Spanien, Portugal, Amerika reiste. Diese Künstlerfahrten hat Reeder, der auch schriftstellerisch begabt war, sehr lebendig geschildert. Im Jahre 1880 kehrte Boeder in die deutsche Heimath zurück und brachte eine Oper mit, „Vera", die im November 1.881 am Stadttheater in Hamburg lebhaften Erfolg erzielte. Seitdem lebte Boeder wieder in Berlin, bethätigte sich vielfach als Dirigent, als Gesangslehrer und Schriftsteller. Seine Lieder fanden Anklang und werden viel gesungen — Rothmühl insbesondere machte sich um ihre Entführung verdient. Eine Tondichtung großen Stils, „die heilige Elisabeth", in der „Philharmonie" aufgeführt, erweckte lebhaftes Juteresse. Vor etwa jechs Jahren wurde Boeder uach Dubliu berufen, von da kam er zur Leitung des Konservatoriums nach Boston, in Irland sowohl wie in Amerika machte sich Noeder um die Pflege deutscher Musik sehr verdient. Martin Boeder ist im April 44 Jahre alt geworden. Er hiuterläszt mehrere größere Kompositionen, u. A. eine eigenartige Oper. In der Musikwelt, in der Noeder geschätzt und beliebt war, wird man den frühen Heimgang des liebenswürdigen und reich begabten Künstlers tief beklagen, in dem auch der Redakteur dieses Blattes einen alten, lieben Freund verloren hat. Berlin, 10. Juni. Die Antisemiten haben ein älteres Gedicht Felix Dahns wieder ausgegraben und zu antisemitischen Zwecken verwandt, indem sie demselben die Aufschrift gaben: „Zu den antisemitischen Wahlsiegen in Wien", also eine bewußte Fälschung. Dagegen hat nun der Dichter folgende Erklärung veröffentlicht: „Mehrere Wiener und Berliner Zeitungen drucken ein Gedicht von mir: „Gruß an Deutsch- Oesterreich" ab, mit dem Zusatz „zu den antisemitischen Wahlsiegen in Wien". Dieser Zusatz ist eine freche Lüge. Das Gedicht ist vor etwa zwölf Jahren in Königsberg entstanden, darnach schon gedruckt und nun 1892 in der V. Sammlung meiner Gedichte wieder abgedruckt. Es enthält durchaus keine Beziehung auf Juden. Breslau, den 11. Juni 1895. Felix Dahn." Daß Felix Dahn kein Antisemit ist, hat er 1892 in einem Schreiben ausgedrückt. Damals hatte Herr v. Tiest-Daber die Behauptung verbreitet, Dahn hätte sich in einem Vortrag öffentlich als Judenfeind bekannt. Der Dichter widerlegte 1892 diese Behauptung durch eine Zuschrift an die „Kreuzzeitung", und an Herrn Dr. Gustav Karpeles schrieb er: „Mich hat diese Airdichtung in lebhafte Entrüstung versetzt; unter meinen nächsten Freunden sind Juden, die ich zu den trefflichsten Menschen zahle, die ich kenne. Wie sollte ich die Lebensgemeinschaft mit ihnen ausgehend — Ich habe sofort meine nachdrücklichste Verwahrung an mehrere Zeitungen geschickt und werde Ihnen sehr dankbar sein, wollen Sie diesen meinen Zeilen weiteste Verbreitung geben. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Felix Dahn Breslau, 7. November 1892." * Berlin, 14. Juni. Der Strafsenat des Kammergerichts verhandelte gestern in der Revisionsinstanz die von dem Dr. med. Kurt Pariser, Dr. phil. I. Ginsberg und dem Rentier A. Salomon zu Berlin gegen den Herausgeber der „Täglichen Rundschau" Dr. Friedrich Lange angestrengte Privatklage. Das hiesige Schöffengericht II. hatte den Angeklagten auf Grund der Schlußfeststellung, daß er zu Berlin 1893 die in Deutschland lebenden Juden, also auch die Kläger durch die Presse beleidigt habe, zu hundert Mark Geldstrafe eventuell zwanzig Tagen Gefängniß verurtheilt. Der erste Richter fand namentlich in der Auslassung, „daß die Ausbeutungssucht und Gewissenlosigkeit aller unserer Inden" mit der arglistigen Raubgier der jüdischen Verbrecher Abter und Genossen verwandt sei, den jedem einzelnen Juden gemachten Borwur der Ausbeutungssucht und Gewissenlosigkeit, der auch die Privatkläger als Juden treffe und sie zur Anstellung der Privatklage legitimire. In der Berufsinstanz hatte nun das Landgericht in einer für Lcnenbegrissi viel zu feinen Deduktion den Beweis zu erbringen gesucht, daß die Bc leidigung zwar eine sehr schwere sei. daß aber die Kläger absolut feil-. Recht zur Anstrengung der Klage gehabt hätten und der Beklagte iv Folge dessen freizusprechen sei. In der Nevisionsinstanz schloß sich an formellen Gründen das Kammergericht dem freisprechenden Urtlnm ebenfalls an, da der Vorderrichter festgestellt habe, daß der betreffend. Artikel nur gegen Auswüchse des jüdischen Volkscharakters gerichtet ge wesen sei und daher straflos bleiben müsse. Diese Feststellungen entzöge! i sich aber der Nachprüfung in der Nevisionsinstanz | JS Aue- Westpreufleu, 10. Juni. Wie man hört, hat Her:! Stadtrath Dr. Samt er, der seit Dezember 1875 dem Danziger Magistrat! als besoldetes Mitglied angehört, wegen vorgerückten Alters und Kräni : lichkeit seine Pensionirung zum 1. Oktober beantragt. — Für du | diesjährige Flößereiperiode ist vielen jüdischen Holzkommissionäre!! aus Galizien und Rußland, die schon in früheren Jahren in Thor,! als solche gewirkt haben, die Aufenthaltsberechtigung nicht ertheill! worden. Bekanntlich müssen die erwähnten Kommissionäre, wenn sie fiel | int Weichselgebiet während der Flößereiperiode aufhalten wollen, sich dl Erlcmbniß hierzu von dem Herrn Oberpräsidenten erwirken, widrigen : falls sie jeden Augenblick Ausweisung zu gewärtigen haben. Diesi Erlaubnißscheine wurden schon in den letzten Jahren erst nach sorg faltiger Prüfung der Verhältnisse der betreffenden Kommissionäre ertheili die ihre Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit Nachweisen mußten. Denunziationen preußischer Kommissionäre gegen die auswärtigen und Anzeigen bei letzteren gegen einander mögen wohl öfter den Anlaß zur Versagung des! Aufenthaltsscheines gegeben haben. — In Schweiz starb plötzlich der j langjährige Vorsteher der Gemeinde und „Stadtälteste" Herr S. I. Cohn! im achtzigsten Lebensjahre. Zu der Beerdigung waren n. A. der Ge ' Heime Regierungsrath und Abgeordnete Landrath Dr. Gerlich, der Superintendent und der zweite evangelische Geistliche, der Magistrat und - die Stadtverordneten-Versammlung erschienen. Auch bei der Gedächtnis;! rede, die später von dem Herrn Rabbiner Dr. Nordheimer in der Synagoge gehalten wurde, waren die Honoratioren der Stadt anwesend, u. A. der Landrath, der Bürgermeister, der Stadtverordneten-Vorsteher. j der Kreisschulinspektor, der Direktor der Töchterschule. ii. Culm a. W. im Juni. Vor einigen Tagen ist hier Herr Arnold Ruhemann, Vorsteher der jüdischen Gemeinde, gestorben.; Der Verblichene, dessen Name weit über die Grenzen seiner Vaterstad! z bekannt gewesen, war während seines ganzen Lebensein Mann von ent! schieden liberaler Gesinnung; er war nicht nur seit langen Jahren Vorj steh er der Synagogengemeinde, sondern auch Stadtverordnetenvorsteher! und sogar Mitglied des Kreistages (der erste und einzige Jude in unserer Provinz, der dies Ehrenamt bekleidete.) Wie beliebt und verehrt er auch bei den nichtjüdischen Mitbürgern war, geht daraus hervor, daß an dem Tage vor seinem Dahinscheiden, als sich die Nachricht von seinem bevor , stehenden Ende in der Stadt verbreitete, auf Veranlassung des Probstes! in der katholischen Kirche für seine Genesung gebetet wurde. Dieser! Zug vou Loyalität verdient wohl die weiteste Verbreitung. < Aus ^berschlesierr, im Juni. Am 2. Juni fand in Gleiwitz eine Versammlung des oberschlesischen Rabbinerverbandes statt. Zunächst wurde für die weitere Zeitdauer von drei Jahren Herr Rabbiner Dr. Cohn-Kattowitz zum ersten, und Herr Rabbiner Dr. Münz- Gleiwitz zum zweiten Vorsitzenden gewählt. In eingehender Weise wurde hierauf darüber berathen, wie an maßgebender Stelle dahin ge^ wirkt werden könne, dem jüdischen Religionsunterricht an den höheren Lehranstalten einen obligatorischen Charakter zu verleihen. Eine besonders eingehende Debatte ries die Frage hervor, wie zunächst in allen oberschlesischen Rabbinergemeinden eine bestimmte, sich gleiche Ziele setzende Seelsorge in Synagoge, Schule und Haus gepflegt werden könne, damit bei dem regen Verkehr und den zahlreichen Beziehungen der oberschlesischen Gemeinden die seelsorgerische Arbeit in der einen Gemeinde die der andern fördere und der dadurch geschaffene, starke einheitliche Geist in den Gemeinden fördernd und anregend wirke. Mehrere heilsame Beschlüsse, die insbesondere auf das Werk der Erziehung und Heranbildung der Jugend sich richten, waren das Ergebniß der anregenden Verhandlungen. Nach t, \ V

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.