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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-21 · Heft 25 (21.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Mts. im Leinziger Garten eine Versammlung des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde statt. Schon lange vor Beginn der Versammlung, zu der Ein- .adungerr an sämmtliche Gemeindemitglieder in 8. und S\Y\ ergangen waren, mar der geräumige Saal bis aus den letzten Platz gefüllt. Nachdem Herr .Rechtsanwalt Jonas, der stellvertretende Vorsitzende des Lokal-Komitees für oen Westen Berlins, mit einigen einleitenden Worten die Erschienenen berußt hatte, ertheilte er Herrn Prof Dr. Ludwig Geiger das Wort zu einem Vortrage über das Thema: „Zur Geschichte des jüdischen Schulwesens u Berlin". Ter Redner stützte sich in seinen interessanten Ausführungen, wie er in der Einleitung bemerkte, auf sein Buch „Geschichte der Juden u Berlin", sowie auf Berichte von den Rektoren Dr. Holzmanu und Dr. Adler, eine Arbeit, die demnächst im Druck erscheinen wird. — „Der Tag der Ausstellung des Ansiedelungs-Privilegiums für die aus Wien vertriebenen österreichischen Juden mit ihren Familien, der 10. September 1671, ist der Gründungstag der Berliner Gemeinde. Eine öffentliche Synagoge war den Juden nicht gestattet, ebenso lag das jüdische Schulwesen im Argen. Die ersten Schulmeister stammten aus Polen. Dumpf lastete die Unwissenheit auf der jüdischen Jugend. Erst Mendelssohns Hervortreten, erst sein Beispiel brachte eine Besserung. 1761 wurde der Plan einer jüdischen Armenschule ausgearbeitet, die Einrichtung aber erst 1778 ourch David Friedländer mit Kraft und Einsicht zu Ende geführt. Der Hauptzweck der Schule war, die deutsche Sprache und deutsche Bildung den Kindern zugänglich zu machen. In den ersten 10 Jahren des Bestehens dieser Freischule sollen 5 — 600 Knaben, mit den nöthigen Kenntnissen ausgerüstet, die Anstalt verlassen haben. Sie wurden Sendboten eines neuen Geistes für ganz Deutschland. Allerdings dauerte diese erste auf David Friedlander zurückzusührende Blüthe der Anstalt nicht lange. Das drückende politische Joch mußte den geistigen Aufschwung lähmen. Dem Manne des praktischen Wissens, der seine Kenntnisse nur nun Besten der Glaubensgenossen verwenden wollte, stand als Helfer ein Mann der philosophischen Erkenntniß, Lazarus Bendavid, zur Seite. Er war fast ein Menschenalter jünger als Mendelssohn; mit Friedländer vereint, hat er der zweiten Blüthezeit des jüdischen Geistes in Berlin seine Theilnahme zugewandt. 20 Jahre lang hat er der jüdischen Freischule ohne Entgelt und unter eigenen Opfern vorgestanden. Auch christliche Kinder hatten die Anstalt seit Bendavids Antritt besucht. Da griff ein Verbot der Regierung hemmend ein (1819) und machte die Schule immer mehr zur verachteten Winkelschule. Erst Leopold Zunz ,1823) unternahm es, die Gemeinde durch eine Denkschrift für die Verbesserung des Schulwesens zu interesstren. Ihm, im Verein mit Moser und Bendavid als einer Kommission zur Organisation der Gemeindeschule, wurde die Rettung der Reste der Freischule und ihre Ueberleitung in die Gemeinde übertragen. 1826 wurde die Gemeindeschule eröffnet und die Leitung Leopold Zunz', die er aber nicht lange behielt, übertragen Das Bedürfnis; nach pädagogisch ausgebildeten Lehrern zeigte sich mächtig. Rabbiner Simon Weyl war der Erste, der das Fehlende erkannte. Allein seine Anregung blieb ohne rechte Ausführung. Da entwarf Zunz, der in Moritz Veit einen Förderer für die Sache fand, einen Lehrplan für ein Seminar, und schon 1839 wurde ein solches begründet und er als Direktor desselben berufen. Die Anstalt bestand 10 Jahre und wirkte segensreich. Aber sie war doch nicht recht lebensfähig, weil ihr keine Uebungsschule für die reiferen Zöglinge zur Seite stand. Dieser Uebelstand wurde in der neuen Anstalt, die 1858 unter dem Rektorat von A. Horwitz durch die Fonds von Talmud Thora errichtet wurde, beseitigt." Redner rühmte an Horwitz die Genialität seiner Begeisterung, Glauben und Bildung zu vereinen, der seit 1854 auch der Gemeinde-Knabenschule Vorstand, welche unter ihm eine grundlegende Vorbereitung für die Gymnasien und Realschulen durchführte. Seit 1859 ist das Seminar Gemeindeinstitut geworden. „1884 wurde die Präparandenschule begründet, die sich als ein sehr segensreiches Institut erwies. Während so für die Knaben nach jeder Richtung gesorgt war, lag der Unterricht für die Mädchen lange im Argen. Im Jahre 1835 war der Grund für die Mädchenschule gelegt worden, der eine lange Zeit Engelmann Vorstand. Ihm folgte 1869 der als Gelehrter und Pädagoge hochverdiente Steinschneider. Aus einer schlecht besuchten Elementarschule hat sich die Mädchenschule in eine gut geleitete Mittelschule verwandelt, die heute unter Leitung des gegenwärtigen Direktors sich bis zu 8 Klaffen entwickelt hat. Die Kämpfe waren schwer, sie sind auch heute noch nicht überwunden. Viele treten für die Auflösung der beiden spezifisch jüdischen Schulen ein." Redner vertritt die Ansicht, daß diese jüdischen Schulen noch heute nothwendig sind; sie bieten mehr als die Komrrrunalschulen und bilden mehr für den Kampf des Lebens ans. Es wird hier den Schülern eine gründliche Kenntnis; der jüdischen Religion beigebracht. Redner erörtert zum Schluß die Nothwendigkeit, von Gemeindewegen auch für die Vorbildung der Rabbiner in der Unterstufe der Ausbildung besser zu sorgen und plaidirt für eine ähnliche Anstalt zur Vorbereitung für die Hochschule, wie sie die Lehrerpräparandie bereits für das Lehrerseminar darstellt. An den mit wohlverdientem Beifall aufgenonnneuen Vortrag schloß sich eure lebhafte Diskussion an, an der sich besonders die Herren Dr. Herm. Veit Simon und Apotheker Löwenstein betheiligten. Letzterer verwies auf die Nothwendigkeit, schon jetzt eine kräftige Agitation für die im Herbste bevorstehenden Nepräsentanteuwahlen zu entwickeln und nur solche Männer als Kandidaten aufzustellen, die auf dem Boden des Programms des liberalen Vereins stehen. L2 Berlin, 18. Juni. Bei den Wahlen zum Direktorium der Akademischen Lesehalle sind neben den zwei Vertretern des V. D. St. auch zwei Kandidaten der Parteilosen und ein Kandidat der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung gewählt worden. In der gestern stattgesundenen konslituirenden Sitzung ist Herr Friedmann (Parteilos) zum ersten Schriftführer und Herr Lippmann (F. W. V) zum Kassenwart gewählt worden. Berlin, 16. Juli. Aus London kommt uns die Trauerkunde, daß am 10. d. M. dort der rühmlichst bekannte Oberrabbiner von Bulgarien, Dr. M. Grünwald, plötzlich in der Vollkraft der Jahre gestorben ist. Dr. Grünwald war als Kandidat für die Predigers!elle der lUenution ol' Synagogues nach London berufen worden und erkrankte daselbst am vergangenen Freitag. Wir behalten uns vor, das Leben und Schaffen des gelehrten, fleißigen und begabten Mannes, der auch uns ein treuer Mitarbeiter war, ausführlich zu besprechen und rufen dem theuren Dahingeschiedenen für heute nur aus bewegten! Herzen ein letztes Lebewohl zu. Ehre seinem Andenken! f.) Berlin, 14. Juni Der Stadtverordnete Spediteur B. Bernhardt, Neue Königstr. 60, ist am Sonntag nach längeren Leiden im 79. Lebensjahr gestorben. Ein Mann, der sich seine bürgerliche Stellung von unten aus im edelsten Sinne des Wortes selbst geschaffen hatte, gehörte er vom Jahre 1861 an ununterbrochen der Stadtverordneten- Versammlung an und war insbesondere 15 Jahre lang ein sehr thätiges Mitglied des Rechnungsausschusses, dessen Vorsitz er auch lange Zeit führte. Er war ferner Mitglied einiger wichtigen Verwaltungs- Deputationen. In allen Lebenslagen ist er bestrebt gewesen, die an ihn herantretenden Pflichten voll zu erfüllen; in seiner unbegrenzten Herzeusgüte ist er Vielen ein echter und rechter Wohltäter geworden. Im Jahre 1865, dem Konfliktsjahre, wurde er von der Stadlverordneten- Versammlung zum unbesoldeten Stadtrath gewählt, jedoch von der Negierung nicht bestätigt. Seine Wahlperiode als Stadtverordneter laust Ende 1897 ab, weshalb eine Ersatzwahl für ihn vorzunehmen ist. Der Verstorbene wurde am 12. d. M. unter reicher Betheiligung des Magistratskolleginms und der Stadtverordneten-Versanunlung, der Bereinigten Berliner Spediteure und des Vereins junger Kauflmte zu

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