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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-21 · Heft 25 (21.6.1895) · p. Seite 300

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 300 (sequence 12)
Language
German
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300 Gern schließen wir uns seinem Wunsche an: „Gebe Gott unfern Schulen recht viele von seinem Geist erfüllte Religionslehrer, damit der Segen, der auch für unsere Zeit noch immer aus dem Eilten Testament hervorquellen soll, wieder offenbar und allgemein anerkannt werde." Dr. M. Schaefer. Spvecffsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! (^chou mehrfach habe ich mir erlaubt, au dieser Stelle Beweise völliger Unkenntnis; des Judenthums seitens christlicher Theologen, selbst solcher, deren eifriges, jahrelanges Studium auf dem Gebiete des Alten Testaments liegt, anzuführen und sie eines Besseren zu belehren gesucht. Ich möchte darum auch heute eine merkwürdige Aeußeruug erwähnen eines der namhaftesten christlichen Alttestamentler unserer Zeit Kein Geringerer nämlich als Well Hansen behauptet in seinem neuesten Werke „Israelitische und jüdische Geschichte", Berlin 1894, in dem Kapitel, das über das Evangelium handelt (S. 308 ff.), unter Anderen; Folgendes (S 313): „Auf die moralische Verantwortlichkeit wird der höchste Nachdruck gelegt, lim Evangelium), das Gericht bedeutet die Nothwendigkeit der Rechenschaftsablage vor Gott, — ein Gedanke, der dem richtigen Iudenthum ziemlich fern liegt." Ich traute meinen Augen kaum, als ich diesen Satz las. Wenn Einer, so darf ich behaupten, im „richtigen Judenthum" erzogen worden zu sein, ich kenne daher, wie alle gleich um erzogenen Glaubensgenossen, von frühester Kindheit an den Glauben dcr Rechenschaftsablegung vor Gott nach dem Tode, und zwar aus einer sehr alten Quelle, die, wie Kundige wissen, in jedem heutigen jüdischen Gebetbuche nach altem Ritus steht, um in den Samstagen nach dem Pessach bis zum Laubhüttenfeste nach den; Mincha- (Nachmittags-) Gebete abschnittweise, — je ein Abschnitt (Perek) allsabbathlich — von Alt und Jung gelesen zu werden. Ich meine natürlich die wohl bekannten Pirke A both (die Sprüche der Väter). Da heißt es aber in der ersten Mischnah des dritten Abschnittes (Perek) folgendermaßen: „Akabja ben Mahalacl sagt: Beachte drei Tinge und du wirst nie in die Gewalt der Sünde kommen: Wisse, woher du kommst, und wohin du gehst, und vor wem du einst Rechenschaft wirst geben müssen Woher du kommst3 von einem übelriechenden Tropfen! Wohin du gehst? nach einem Orte des Staubes, des Gewürms und der Made! Vor wem du einst wirst Rechenschaft zu geben haben? Vor dem Könige aller Könige, dein Heiligen, gepriesen sei er " Und in der 28. Mischnah des folgenden Abschnittes sagt der im zweiten Jahrhundert n Ehr. lebende Eleazar Hakkappar: „Die Geborenen müssen sterben, die Gestorbenen werden neu belebt, die Neubelebten gerichtet werden, auf daß man wisse, daß es einen Gott giebt, der da ist der Bildner und Schöpfer, der Alles weiß, der da ist Richter, Zeuge und Ankläger, der einst richten wird, er sei gepriesen. Tenn vor ihm ist kein Unrecht, kein Vergessen, kein Ansehen der Person und keine Bestechlichkeit. Wisse, daß Alles auf die Rechnung kommt. Nicht vertröste dich dein böser Trieb damit, daß die Unterwelt dir eine Zufluchtsstätte sein werde: denn, wie du gezwungen, ohne deinen Willen geboren wirst, lebst und stirbst, so wirst du gegen deinen Willen dereinst gerichtet werden und Rechenschaft ablegen vor den; Könige aller Könige, dem Heiligen, er sei gepriesen." Darf man also, frage ich, angesichts dieser Aussprüche behaupten, daß der Glaube au die Rechenschaftsablage vor Gott dem Judenthum „ziemlich fern liegt"? Doch nein, Wellhansen kennt, wie ich genau weis;, die Pirke Aboth, ich habe sie im Wintersemester 1*76 77 hier in Greifswald mit ihm gelesen, und ich erinnere mich noch ganz genau, wie er nach Schluß der Lektüre gesagt hat: „Die sind wirklich schön!" Um so mehr war ich erstaunt, als ich in den; oben erwähnten Kapitel seines neuesten Buches „das Evangelium", die Worte las la. a. D S. 317 Anm 1): „Die jüdischen Gelehrten meinen. Alles, was Jesus gesagt hat, stebe auch im Talmud. Ja, Alles und noch viel mehr. Wie hat er es nur angefangen, das Wahre und Ewige aus diesem Wust der Gesetzesqelehrsamkeit herauszufinden? Warum hat es niemand anders gethan 2 Und ist es sicher, wenn ein Ausspruch Jesu im Talmud dem Rabbi Hillel zugeschrieben wird, daß dann der Talmud Recht hat? Kann nichts aus dem Evangelium in den Talmud gerathen sein und dort unter falscher Flagge segeln? Und daß der Talmud rein auf mündlicher Ueberlieferung beruhe, ist ein großer Aberglaube; er fußt vielfach auf Litteratur und nimmt Bezug auf Litteratur." So kann aber nur Einer reden, der di., rabbinische Litteratur aus zweiter und dritter Quelle kennt. Dagegen das, was ihm aus erster Quelle zugeflossen ist, wie die Pirke Aboth. I ignorirt. Wären aber diese von Jesus oder den Aposteln überliefere j was hätte man da nicht alles christlicherseits die Erhabenheit einer Rc j ligion, die solche Lebens- und Sitteuregeln ausstellt, zu rühmen und zu j preisen gewußt! Und in den „Sprüchen der Väter" findet sich keine Spur von Ge setzesgelehrsamkeit. Aber selbst in dem, von Wellhausen geschmähte, „Wust" findet man mit der größten Leichtigkeit auf dem großen aggadische-! Gebiete so manche Perle, so manchen Geist und Herz erfreuenden und erhebenden sinnigen Spruch, der Richtschnur und Norm Jahrhundert, hindurch dem Judenthum war und noch ist, wenn mau nicht, wie es bc. den allermeisten christlichen Theologen der Fall ist — von ganz geringen Ausnahmen abgesehen — als das einzig wahre Bild des pharisäischen. Judenthruns betrachtet, wie es im neuen Testament Mth. 23 geschildert wird, und daher es gar nicht der Mühe für werth hält, in die rabbinische Litteratur einzudringen und sich eines Besseren belehren zu lassen, wa auch bei Wellhausen der Fall ist, wie man aus seinem ganzen Slapitc „das Evangelium" ersehen kann. Daß aber all das „Wahre und Ewige" aus diesem erst in der Talmud geflossen sei und hier unter falscher Flagge segele, dürfte dost eine sehr kühne und kaum haltbare Vermuthung sein; wie sollten an geblich spezifisch christliche Gedanken und Aussprüche nach den Rabbiner schulen von Nahardea, Sura und Pumbaditha gekommen sein? Außerdem sind etwa dieselben Lehren, die das Evangelium predigt, nicht auch bei andern Völkern zu finden? Vom Buddhismus ganz abgesehen, ha: der jüngere Stoicismus, wie bei Epiktet und Mark Aurel, nicht dieselben sittlichen Grundsätze als höchstes Ziel menschlichen Strebens Hingestell! wie das Evangelium? Oder ist jener auch nur vom Christenthum be einflußt? Es ist aber höchst interessant zu beobachten, daß christliche Theologen, wenn sie auch noch so kirchlich liberal sind, bei Veurtheiluua des Neuen Testaments immer den apologetisch-doguiatischen Standpunkt festhalten und Alles ignoriren, was dem widerspricht und ihn über den Haufen zu werfen geeignet ist. So heißt es bei einem andern liberalen christlichen Theologen, Professor Jülicher in Marburg, „Einleitung in das Neue Testament", Freiburg und Leipzig 1894 (S. 230): „Die modern jüdischen Versuche, die Jesusreden der Synoptiker, nur, weil es an Pa j rallelen, ein paar Mal auffallend ähnlichen, in Mischna und Talmud j nicht fehlt, als parteiisch ausgewählte „Lichtstrahlen" aus der viel reicheren Rabbinerweisheit zu behandeln, sind gerade so unverständig wü die Meinung emer rabiat gewordenen Kritik, in jenen Reden sei eigentlicb nur der Niederschlag von Idealen und Stimmungen der ersten drei christlichen Generationen zu erblicken. Mit solchen Ausdrücken aber, wie „unverständig und rabiate Kritik" schafft man noch lange nicht beglaubigte und erwiesene Thatsachen ans der Welt. Was endlich Wellhausens Behauptung betrifft, daß der Talmud nicht auf mündlicher lleberlieferung beruhe, sondern vielfach auf Litteratur fuße und auf sie Bezug nehme, so glaube ich bei aller Hochachtung vor der wissenschaftlichen Bedeutung Wellhausens doch nicht, daß er uns die Quellen des Talmuds angeben kann, zumal wenn man bedenkt, daß seine Kenntniß desselben eine sehr geringe ist. In seinem vor zwanzig Jahren erschienenen Buche die Pharisäer und die Sadducäer sagt er (S. 123 Anm. 1), daß er „außer der Mischna und einigen Abschnitten der Mischna nichts im Zusammenhänge gelesen habe," und da seine Studien seit Jahren bekanntlich mehr auf dem Gebiete der altarabischen Litteratur und Geschichte liegen, so dürfte er schwerlich seitdem sich mit dem Talmud auch nur einigermaßen eingehend zu beschäftigen Muße gefunden haben; das hindert aber leider selbst die edelsten christlichen Theologen nicht, über ihn so abfällig mie möglich zu urtheilen, schon in maiorem christianae religionis gloriam. Rabbinische Litteratur ist und bleibt nun einmal das corpus vile. dem gegenüber Ali- und Neutestamentler christlichen Glaubens sich Alles erlauben dürfen. Ihr ganz ergebner Dr. B abad. Tunt und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Banckwiü in Berlin.

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