Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1895)
- Date
- 1895-06-21
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
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299 gefaßt, sich so lief in sein Leben emprägen und wer weis;, vielleicht;ar wichtige Konsequenzen für die Zukunft seiner Kinder trugen verde. -- Soviel aber ist schon jetzt sicher, daß dieser Tag eine neue Aera in Zipas Leben bezeichnet. Wie viel unbeschreibliche Freuden werden ihr in diesen folgenden Wochen zu Theil werden, mtb wie ief fühlte sie den Stolz auf ihren Gatten! Schimele änderte nun ein wenig seine sitzende Lebensweise und erließ sein Haus für den ganzen Vormittag; diese Zeit verbrachte!?r bei dem Kantor, wo er sich im Gesang einübte, welche Kunst er chon früher, welliger zum Scherz als für den Ernst, besessell hatte. Die Abellde versammeltell die Truppe wieder in Schimele's Stllbe, Ke Künstlerdilettanten in vollem Ensemble. Mit delll liebenswürdigen Stolz, ben Leuten eigen zu seil! pflegt, die eine hohe Position einnehmen, bat Schimele seine provisorischen Kollegen, sie müßte;; ihn; die Ehre erweisen und zu ihm kolllmen; ne thaten es mit Freudell ttnb mit einer gewissen Befriedigullg hrer Eigellliebe. Es ist ja gewiß angellehm, täglich mit Jemandem oerkehren zn tonnen, der so unendlich höher steht als wir. Der Aelnpner, der Kürschner nnb der Schildermaler fühlten sich geehrt durch die Möglichkeit des täglichen Verkehrs im Hause des Gelehrteil, aber da sie sich mit einer groben, niebrigen Arbeit beschäftigten, die hnen täglich vierzehll oder sechzehn Stunden nah;;;, konnten sie allch erst spät am Abelid komlnen. Dalln aber wurde es gewöhnlich in der ffeinen Stube so heiß mre in einem stark geheizten Ofen. — Sie erstickten förmlich, lind lvenn Schimele das einsah, ging er ihnen ntit gutem Beispiel wran, er zog seinen lallgen Rock aus, und so in der Weste und ocn nicht gerade schneeweißen Aermeln, setzte er sich auf ben, bei mn Fenster stehenden Tisch. — Die Gäste folgten ihnl bann, und nachdem Jeder von ihnen „mit Verlaub" gesagt, zogen auch ne ihre Röcke aus und setzten sich, wo es gerade traf: auf den Koffer, die Lehnenstühle und auf die Erde. Dieser Platz blieb nnrner für den sechszehnjährigen Meier, vulgo Delila, welchem auch als dem Jüngsten llicht erlaubt war, sein graues Röckchell auszusieheii. — Das gmlze Bild repräsentirte sich ungefähr so, daß Schimele, auf dem Tisch sitzelld, die Oberhand über bie ganze Gruppe hatte, aus bereu Mitte die hervorragenden Pullkte bildeten: Selbstbeherrscher der Philister vulgo der Schildermaler mit dem lütowirten Gesicht und ben glänzenden, in rother und blauer Farbe leuchtenden Händen, das Gesicht der Delila vulgo Meier, rund wie Kn Apfel, purpurroth und verschämt wie eine Pfingstrose und glänzend vom Schweiß wie von Thautropfen. — Wenn die Szene in dieser 'Weise geordnet war, begann alsbald die Probe, das gemeinsame Singen, und dann der Reihe nach der Sologesang; das Ganze wurde belebt und dirigirt durch den Kürschner, welcher in der Tiefe des Zimmers stand, mit beiden Händen den Takt schlug und von Zeit zu Zeit dem kleinen Meier, der wahrscheinlich aus zu großer Schüchternheit verpaßte, wenn die Reihe an ihn kam, einen freundschaftlichen Rippenstoß gab. — Damals fing Zipa an, ein Gefiihl so süß wie Honig zu nähren. Obwohl sie die Frau des Hauses war, brauchte sie gar nicht daran zu denken, die Gäste zu bewirthen. Es ist das zwar kein guter Ton, aber was thun? Auf den vokaldramatischen Soireen bei Schimele und Zipa wurde nun einmal nie etwas servirt. Wenn einer von den Gästen sich durch den Gesang müde gemacht hatte, trank er reines Wasser, ganz reines Wasser ohne Wein oder Zucker. Und da Zipa nicht, wie sonst eine Wirthin, sich von der Gesellschaft zu trennen brauchte, mn ihre häuslichen Angelegenheit zu besorgen, so saß sie auf der Erde ganz in der Nähe des Ofens, nahm ihre Knie in die Hände, schaute und hörte. Sie blickte natürlich nur ans ihren 'Mann und hörte nur ihm zu. Wenn Andere sangen, blieb ihr Gesicht gleichgiltig, manchmal sogar nahm es eine geriugschätzende verächtliche Miene au, wenn aber die Reihe an den auf den: Tische in der Weste und den weißen Helndsärmelu sitzenden schlanken Gatten kam. dann, oh, daun! strahlte dieses dunkle, vom Schatten des Ofens sich abzeichnende Gesicht vor Stolz, und drückte eine so rührende, unbeschreiblich entzückte Glückseligkeit aus, das; Jeder, der sie in solchen; Augenblick angesehen, hätte ausrufen müssen: „Eine glückliche Frau!" Ja, an diesei; unvergeßlichen Abenden war Zipa glücklich, stolz mtb heiter. — Sie vergaß da ihren Laden, ihre Gläubiger, die Treppen, welche sie mit ihren müden Füßen Tag aus Tag ein hinanl;ef, nnb für welche ihr der Athen; fehlte, die unartigen Köchinnen und boshaften Konkurrentinnen, die Wächter der öffentliche!; Ordnung, nnb so vergaß sie alle ihre Sorgen und Betrübnisse und dachte nur! . . . „O, wie schön, wie sein er ist, wie schm; singt er, nnb wie ihn die Menschen achten!" — Manchesmal fügte sie noch hinzu: Gott ist gnädig zu nur, daß er nur so ein Glück gegeben." — Tie Proben dauerten manchnml bis ein oder zwei Uhr in der Nacht, aber Zipa machte nicht für einer; ''Augenblick die Augen zu. Ter fronnue Enoch wollte gleichfalls den; Beispiel der Mutter folgen, aber wenn er da wie gewöhnlich in den; Winkel mit der grauen Katze saß, schlossen sich seine Augenlider gegen seinen Wille;; zuu; Traume von selbst zu. Das Käppchen rückte sieh vom Kopfe, der jeden ^Augenblick an den Ofen anstieß. -- Was die andern Kinder anbetraf, so lag Liba auf den Federbetten, sehr hoch, mit weit geöffneten Augen, der kleine Zopf ging anseinander, und die Büschel ihrer Flachshaare fielen auf das blasse Gesicht herab. — Die kleine Ester schlief ebenfalls ein, hinter dem Rücker; ihres Vaters ans den; Tische ausgestreckt, unter welchen; die weihe;; Bänder des dort schlafenden kleinen Mendel hervorlugten. Der kleine Lesser erweckte sich von Zeit zu Zeit und mischte seine sonore Altstinnne mit der; Stimmen der Sänger, aber in diesen; feierlichen Augenblicke flimmerte sich Niemand mit ihn. (Fortsetzung folgt.) \ Fitterarischv MiZtheilungen. — Friedrich Böhm. Das Alte Testament im evangelischen Religionsunterricht. Wissenschaftliche Beilage zuu; Jahresbericht der Friedrich - Werderschen Oberrealschule zu Berlin. Ostern 1895.; Berlin 1895 R. Gaertners Verlagsbuchhandlung; Gar manchen Leser dieser Zeitung, besonders diejenigen, welche mit den Religionsunterricht ox olTicio zu thun haben, wird die 'Abhandlung des Herrn Professors Böhm interessireu. Ist sie auch von einem uns völlig fremden Standpunkt aus und für Leser geschrieben, die veranlaßt : werden sollen, den alttestamentlichen Unterricht mit freundlicheren Augen anzusehen und ihm in seiner hohen Bedeutung gerecht zu werden, kann auch i für uns Juden die Erörterung der Frage nach der Berechtigung des ''Alten Testaments als Gegenstand des Religionsunterrichts niemals zeitgemäß! werden, so ist doch von höchsten; Interesse auch für uns der Nachweis,! daß, so lange Religionsunterricht in der Schule ertheilt werden soll, die! Unterrichtsverwaltung an seinen Grundfesten nicht rütteln lassen kann ■ und das Alte Testament allen Angriffen gegenüber seine Stellung behaupten wird. Besondere Beachtung der Lehrer verdient die Art und Weise, wie der Verfasser die alttestamentlichen Erzählungen tu ihren; Sinne erfaßt und den .Kindern nahe legt. So wenig wir auch uns mit allen Auseinandersetzungen des Hern Verfassers einverstanden erklären tonnen, so erkennen wir doch überall den erfahrenen Pädagogen, der nicht blos ahnt, rvelche Schätze im Alten Testament für den Unterricht verborgen liegen, sondern Dank seiner wohlgegründeten Kenntnisse und der Liebe zum Gegenstände sie auch zu heben versteht.