Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-21 · Heft 25 (21.6.1895) · p. Seite 298

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228120--51894-3272662
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

298 Berathen hat und was? Am Ende doch'?! — Was konnte sic sonst berathen? Natürlich nichts anderes, als etwas, was die christliche Welt empfindlich schädigen oder unterwühlen soll, wie dies klar und wahrhaft überzeugt eine Broschüre beweisen kann, die, ich bürge Ihnen dafür, von einen, sehr klugen Mann geschrieben und non einem noch klügeren ins Polnische übersetzt ist. Sie führt den Titel: „Tie Eroberung der Welt durch die Inden." Sic wollen sich um jeden Preis die Welt erobern (so ein kriegerisches Volk!), und wahrlich haben sie jetzt ein Mittel berathen, welches sie aus irgend eine Weise zum Zwecke führt. Nun aber die Mittheilung! Josel, der Kürschner, macht diese * furchtbare Eröffnung, daß sie berathen haben — in den Tagen des nächsten Pnrimfestes Theater zn spielen!! — Nur? Nur- Theater für Arme zu spielen — wirklich? Ja, wirklich! Nachdem sie also diesen haarsträubenden Entschluß gefaßt haben, an, nächsten Purim Theater zn spielen, haben sie auch noch beschlossen, Reb Schimele zu bitten, daß auch er zur Gesellschaft gehören möge. Reb Schimele hat eine schöne Stimme zum Singen, eine sehr schöne sogar, und Niemand würde besser wie er die erste Partie singen können. — Ter Kantor selbst hat ihnen das gerat!).'», der Kantor, welcher, wie sich ja von selbst versteht, wunderbar singt und alle Stinnnen in der Gemeinde genau wie seine kennt. Reb Schimele ist ein gelehrter, ein sehr gelehrter Mann. Niemand wird in der Gemeinde eine lebhaftere Sympathie für dieses Unternehmen erwecken könne», als er, und Niemand auch wird vor der Gemeinde der Sache einen größeren Ernst geben als er. Rabbi Baruch selbst, der für die Armen sehr eifrig Sorge trägt, bittet ihn darum, für eben diese Armen einen größeren Vortheil dadurch z» erzielen. — WaS wollen sic nun aber spielen? Sie wollen ein Stück unter dem Titel „Ter starte Simson" anssühren, welches Reb Schimele wahrscheinlich kennt twas kennt die Klugheit des Reb Schimele überhaupt nicht?» und in ivelchem sich solch schöne Reden und Lieder befinden! — Josel, der Kürschner, endigt seine Rede, aber hinter seiner Keinen und untersetzten Gestalt reckt sich der große, breitschultrige Maische, der Schildermacher, hervor, und mit einem halb schüchternen und halb heitere» Lächeln macht er die sehr zutreffende Bemerkung, daß Reb Schimele schon ans diesem Grunde der gemeinsinne» Bitte entgegentömmen müsse, weil es ja doch wohl am entsprechendsten sein würde, wenn die Rolle des „starken Simson" auch wirklich „der starke Simson" spielen wollte! Jener biblische Held hieß doch Simson, und der Rabbi heißt auch Simson, und wenn jener eine ungewöhnliche Kraft besaß, so besitzt dieser eine ebenso große Kraft. Tiese richtige, artige und witzige Bemerkung Moische's fand allgemeinen Beifall. In der That, Schimele ist der Diminutiv von Simson, so wie Moische — Moses, und Josel — Josna bedeutet. Sic vermuthen vielleicht gar nicht, meine verehrten Leser, was für herrliche und allgemein geehrte Erinnernngen sich an die Namen knüpfe», die sich unter diesen einfachen, oft wegen ihrer Verrenkungen verlachten Ghetto-Namen verbergen! — Sie haben oft von Moische, Josel und Schimele gehört, und nicht gewußt, daß Sie es mit den biblischen Helden Moses, Josna und Simson zu thun haben. — Wenn Sic sich überhaupt das Lachen über derartige Dinge abgewöhnen wollten, so könnten Sie noch viele neue und sehr interessante Dinge erfahren. Aber freilich das Lachen! — Wenn man mich sowie Zipa fragen würde, was ist auf der Welt das Beste und das Schlechteste zugleich? so möchte ich antworten: „dal Lachen". Schimele oder Simson dachte lange über das ihm vor getragene Projekt nach; was man da von ihm verlangte, war keine Meditation und auch keine schwierige rituelle Entscheidung, abc. eine That, und dann noch dazu etwas, womit Schimele bis jetz noch nichts zu thun gehabt hatte. — Die That erschreckte ihn. - ES muß ihm gar schwer fallen, sich zu entschließen, hinauszutretc! aus der engen Zelle seines Zimmers — mit einem Worte, zn wirken und dazu noch für eine oberflächliche Sache wie Theaterspielen wird das nicht seinen Ernst kränken? wird das nicht seine Wünsche erniedrigen? Er dachte lange nach und daun stand er auf mü sagte: „Wenn der Chase» sagt, daß ich so eine schöne Stimm zum Singen habe, wenn Rabbi Baruch mich darum bittet, uni wenn es für die Armen ist, so gehe ich darauf ein und will mn dazu gehören! —" Darob große Freride in der ganzen Gesellschaft, welche auä nach einer kurzen Panse Schimele empfindet. — Wenn Schimel. kein Jude wäre, so hätte er gesagt und hätte sicherlich auch da Recht zu sagen: „Lieben Leute, ich bin selbst arm." — Da c aber ein Jude und noch dazu ein frommer war, so hatte er diese- Recht nicht, und sagte es auch nicht, denn seine Frau besaß eil Unternehmen, das sich auf ein Grundkapital von 30 Rubeln stützte Sie kochte jeden Tag eine Griessnppe mit Kartoffeln, und fü Freitag und Sonnabend kaufte sie sogar anderthalb Pfund Fisil oder Fleisch; und sie müßte doch znstimmen, daß das ganz aus gezeichnete Verhältnisse für eine Familie sind, die aus sieben Per sonen besteht. Aller dieser Lebensbedingungcn sich erfreuend, kam Schimelgar nicht auf den Gedanken, daß er unvermögend sei, und daß ebensgut für ihn hätte Theater gespielt werden können. Tie Gesellschaft, die ihn eingeladen, fing nun an, Schimele z> erzählen, wer außerdem »litspielen werde. Der große breirschultrige Moische paßt gerade für die Roll, des Philister-Königs; er wird sie auch singen. — Isaak, de Klempner, wird der Minister und Vertraute des Königs sein, midie zwei Rebbes werden die zwei Greise darstellcn, welche vor den König der Philister weinen. Pieier, der Sohn des Kürschners Josel (erröthet jetzt vor Schani wird die Delila vorstellen, er ist so jung und hat ein so zarte Gesicht, daß er sich zn einer sehr schönen Dame leicht wird metn morphosiren können. Andere Philister sind vorläufig noch nicht da, aber wir Habei sie schon in pello, sie sind gegenwärtig noch alle Schuster im Tischler, die bis spät in die Nacht arbeiten müssen, so hatten s> keine Zeit, mit hierher zu kommen. „Der Kantor wird uns einstudiren, und wir werden uns bc ihm zu den Proben versammeln, für die Kostüme uild andere Aus gaben hat Rabbi Baruch versprochen, bei den reichen Kaufleute! das Geld zu sammeln. Wir allein werden übrigens auch das» sorgen —. Warum nicht? Wenn der liebe Gott uns so ein Gln gegeben hat, daß wir Alle zu leben haben, so müsseir wir ihn dafür danken und denen helfen, welchen er ein solches Glück nick erwiese» hat!" Josel, der Kürschner, wird nicht mitspielen, er ivird aber ge wissermaßen der Regiffeilr sein und Sorge tragen, daß Alles fei: passend und richtig sein solle. Nach dieser Erklärung gingen die Gäste mit vielem Dank unehrerbietigem Gruße fort, und Schimele fiel es zunächst noch gar nicht ein, daß der Entschluß, den er vor ein paar Augenblicken

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.