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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-21 · Heft 25 (21.6.1895) · p. Seite 297

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 297 (sequence 9)
Language
German
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297 vorliest. Aber die Gesichter der Zuhörenden sind gespannt, nur der kleine Knabe, der auf die Brust des greisen Großvaters sein Haupt neigt, und das alte Mütterchen, das im Bette an der Wand schläft, halten auch in physischer Beziehung Sabbath Menucha, „Sabbathruhe". Mau kann lange, lange vor dem Bilde verweile», das in seiner naturalistischen Eigenart so ganz und gar von der künstlerischen Behandlung des gleichen Gegenstandes durch Professor Oppenheim abweicht. Der Vorleser am Fenster, mit der bäurischen Mütze und den etwas plumpen, slavischen Zügen, ist nicht im Geringsten idealisirt, ein leichter Flaum kräuselt sich erst auf seiner Oberlippe, und er scheint m religiöser Beziehung das sortschrittliche Element in der Familie j uorzustellen. In der einen Fensterecke lauscht ein Mädchen oder eine junge Frau mit blassen Gesichtszügen. Hinter den jetzt ausgebrannten Jabbathlenchteru sitzt ein anderer bärtiger Man» und hält die Hand über einem religiösen Buche, ihm gegenüber eine gut charakterisicte Frau im Sabbathstaat, und ohne daß wir das Gesicht derselben sehen können, merkt man, daß diese gespannt znhörl. Ans der Ferne gesehen, tritt namentlich das Profil des sinnenden Greises und des blassen jungen Mädchens deutlich hervor, ebenso wie Alles, was zur Dekoration des Zimmers gehört, das Bild an der Wand, die Fruchtschaale auf dem Tische. F. Hirschenberg lebt, wie ich höre, selbst in Lodz und hat in diesem Bilde seiner Faniilie gezeichnet. Andere Bilder aus dem jüdischen Leben von diesem Künstler haben die irüherm Ausstellungen gebracht. Seines Landsmannes, Michael Wywiorski's, Bild „Aus Littauen" zeigt uns den Wald, den Mickiewiez so herrlich besungen. Die Poesie der schönen Landschaft tritt etwas zurück hinter der rauhen Prosa, denn man ist eben mit vcm Fällen und Fortschaffen der herrlichen Bäume beschäftigt. Der teil Jahrzehnten in Danzig ansässige Strhowski führt uns mit einem „Abend an der Weichsel" auf einen jener Boydaks oder ^ietreidekähne, die unter Leitung eines polnischen Juden mit reicher Ladung von Rußland aus nach den deutschen Ostseehäfen gehe». Das Bild zeigt eine gewisse Weichheit und Berschwonimenhcit der Stimmung, die Schiffer lausche» den melancholischen Weisen eines volnischen Flößers. Wenn wir nach einer Erfrischnngspause im Park wieder Saal 1, vie Stulptnrenhalle, betreten, so richten wir unfern Blick auf me gleich am Eingang stehende Gruppe Kain und Abel von Will). W a nd s ch II e i d e r, Berlin. Soeben ist der Brudermord vollbracht worden. Kain hat noch den Steinhammer in der plötzlich schlaff gewordenen j rechten Hand, verstört schaut er zur Seite. Der Künstler hat Maß i iii halten verstanden, um so tiefer und nachhaltiger ist der Eindruck j oer vorzüglich modellirteu Gruppe. Das unter Nr. 2061 des Ka-!;alogs angeführtc Werk von Reinhold Begas, ebenfalls „Kain und Abel ist noch nicht eingetroffen. Aus der großen Zahl der Gemälde, welche ihren Stoff angeblich den ersten Kapiteln der Genesis entlehnen, sei heute noch die „Eva" von S. Heim erwähnt. Eine ingeheure Schlange, die auf einem mit prächtigen Früchten bedeckten i Daum sitzt, reicht der Eva den Apfel. Der geistige Gehalt des Bildes j st gleich Null. l Man sollte keine Bilder ans dem Stoffgebiet der Bibel male»,! venu man keine religiöse Empfindung besitzt, mtb am allerwenigsten j ürrf man für bloße Aktstndieu in paradiesischer Nacktheit Bezcichj aiingen aus der Bibel wählen. Darin sind die Franzosen ehrlicher, j sie neunen ihre Nudidäten „Grille" oder „Ameise" oder sonstwie, sie j oerlegen ihre Gruppen in die griechische Mythologie mit ihrer sinnj sichen Wildheit, aber sie lassen den Geist des alten Testaments, der rin streng sittlicher, puritanischer ist, unangetastet. Wie die diesjährige Kunstausstellung beweist, hat unsere Zeit für die religiöse Malerei nicht viel übrig. Es sind viele mit religiöser Mystik verbräinte Genrebilder voll theatralischer Pose da, aber die echte lautere tiefe Empfindung fehlt. Bom jüdischen Standpunkt aus wollen wir damit nicht rechten, die Religion steht uns höher als die Kunst, wir wollen keine Mengung dieser beiden für sich selbstständigen geistigen Gebiete, und darum protestiren wir gegen Alles, was unter falscher Flagge segelt. m MMMi g^niKiininiii(iiiiiiKuniniu(iiiiiitüiiiini^ii;;i:.«ui!ri■ y•;; ‘v.rriiv- ■i.iiiyo 1ü I 1 FEUILLETON •1 8» MMMIv ImuUumsi!! m 1 1 Der starke Simson. Eine Erzählung von Elise Orszeszko. (Fortsetzung.) ^as mich betrifft, so theile ich ganz die Meinung Zipa's über das Aenßere ihres Gatten und finde noch, daß. wenn man ihn mit einem Auge betrachtet, welches etwas von dem Lichte des Engels des Wissens und des Engels des Mitleids besitzt, so kann man viel denken, vermnthen und bedauern! Wenn aber dieser Jude meine Leser so wie mich interessirt, so können Sie ihn oft genug betrachten, wenn Sie um dieselbe Zeit durch denselben Hof durchgehen wollen. Denn so, wie wir ihn heute sehen, sitzt er täglich unverändert an dem Tische, mit dem blassen Gesicht durch das matte Licht der Lampe beleuchtet, au das Fenster gewendet, über sein Buch gebeugt oder in die Höhe starrend. Manchesmal könnt Ihr ihn auch mit seinen ßittüent sehen; die kleine Esther hockt ihm auf den Knieen, der kleine Lesser klettert auf seinen Rücken und wühlt mit den kleinen Händen in dem Rabenhaar. Dann aber ist er sehr lustig, er vergißt die babylonische Gefangenschaft und die Leiden des Exils und lacht mit den Kindern und küßt sie herzlich auf die Backen. Nun werden wir endlich unsere Betrachtungen über Schimele endigen, weil sich gerade die Thür der Wohnung des Schildermalers öffnet und eine Schaar von schwarzen Gestalten herauskonnut, die sich sachte über den Hof unter der über ihren Köpfen drohenden Hand in Schimele's Wohnung hineinschleichen. Folgen wir ihnen. Die Stube kennen Sie ja schon aus meiner Beschreibung. Es ist jetzt schon sehr eng geworden, da sechs Leute hereingekommeu |iub. Ich stelle sie Ihnen vor: Isaak, der Klempner. Moische, der Schildermaler. Josel, der Kürschner. Meier, der Sohn des Kürschners. Die zwei Andern kenne ich leider selbst nicht. Für diese Leute hat wahrscheinlich Moische seine Wohnung so glänzend beleuchtet und sie unterhielten sich lärmend. — Aber was wollen sie denn von Schimele haben? — Sie begrüßen ihn mit großer Achtung, ja mit einer solchen Verehrung, daß man gleich sieht, wie diese einfachen Handwerker die immense Größe des Gelehrten über sich erhaben fühlen. Schimele begrüßt sie liebenswürdig, mild, aber mit einem Ernst, der seiner Würde entspricht. Aus der Mitte der Versammlung tritt sodann Einer, der als der Beredteste oder Aelteste betrachtet wird, heraus: Josel, der Kürschner. Mit einer gewissen Schüchternheit bringt er vor, was die hier versammelte Gesellschaft beratheu hat. —

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