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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-21 · Heft 25 (21.6.1895) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 296 (sequence 8)
Language
German
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296 „Bernstein kam von Danzig aus zu uns nach Jnowrazlaw, wo mein Vater als Arzt lebte, und wohnte bei uns im Hause. Er war damals ungefähr fünfzehn Jahre alt und blieb etwa ein Jahr bei uns, bis er nach Fordon auf die Rabbiner-Schule kam; wir hatten einen damals berühmten Rabbiner, Spiro. Bernstein war ein außerordentlich munteres Bürschchen, langaufgeschossen, schmal aber kräftig, heiter und jederzeit zu Witz und zur Selbstironie geneigt. Sein Wesen war, was man nennt, excentrisch, seine Natur aber durch und durch liebenswürdig und voller Harmlosigkeit. Schon damals lag ganz in seinem Wesen begründet, daß er nur eine gewisse Portion Schwermuth und Trübsal ertragen konnte, sobald er in seinem Innern durchgekämpft hatte, was ihn erregte und niederdrückte, so schüttelte er es vollständig ab, — auch bei Dingen, die ihm sehr, sehr nahe gingen, und es brach dann plötzlich wieder seine alte heitere Grundnatur durch. Wir lebten in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Wir waren fünf Mädels, eine immer ausgelassener und übermüthiger als die andere; der Vater studirte und hatte seine Praxis, die Mutter war leider geisteskrank und nicht im Hause, dafür die alte Großmutter. Als zu uns heiteren Mädels noch der fröhliche, fünfzehnjährige Vetter kam, da hörte der Uebermuth im Hause gar nicht mehr auf. Die Kämpfe um das letzte Stümpfchen der einzigen, selbstgezogenen Talgkerze gehören mit zu meinen liebsten Kindheitserinnerungen. Unsere ganze Familie saß um diese eine trübe Talgkerze bei der Arbeit. Bernstein aber und ich, wir hatten so unsere Privatneigungen und Arbeiten und wollten gern noch für uns allein lesen und ftubtreit — man muß bedenken, daß er, als er zu uns kam, kein Wort Deutsch lesen konnte und es erst bei uns lernte. Blieb nun hie und da ein kleines Restchen Kerze übrig, so erhob sich sofort ein Kampf zwischen uns Beiden. Bernstein war ein langer Kerl, ich jünger und viel kleiner, natürlich blieb er oft Sieger. Aber wie kämpften wir darum! Ich sprang öfter auf einen Stuhl und hielt die Kerze hoch, damit er sie nicht erreichen könne, dann machte er sich den Spaß, mich sammt der Kerze auf den Arm zu nehmen und im Triumph herumzutragen, worüber ich natürlich wüthend wurde und ihm das Haar zerzauste. Es studirte beim Rabbi noch ein anderer Jüngling, doch der war uns unangenehm Er hatte die gewöhnliche planier des Bocher mit all' ihrer häßlichen Streitsucht, davon war bei Bernstein keine Spur zu finden, so energisch und sogar leidenschaftlich er stets seine Meinung vertrat; er war bei all' seiner Gelehrsamkeit ein harmloses Kind und im Verkehr mit uns Mädchen noch ganz besonders reizend. Bei unfern Verhältnissen im Hause war keine Rede, daß Bernstein in einem Bette schlief. Es wurden des Abends drei Stühle zusammengeschoben und darauf ein paar Bettstücke gelegt, und da schlief er auch ganz prächtig. Nun waren wir Mädels aber noch so harmlose .Kinder, daß es uns den größten Spaß machte, ganz in der Frühe des Morgens aufzuspringen, ins andere Zimmer zu schleichen und ihm die Stühle unter dem Körper fortzuziehen. Dann sprang er natürlich auch auf und wollte uns durchwichseu, und dann gab es in den Händchen eine ganze Jagd durch die Wohnung. Ja, so harmlos waren wir! Als Bernstein ein Jahr später nach Fordon tarn, beging er die erste Dummheit seines Lebens: er verliebte sich in ein unschönes, etwa .Wjähriges Mädchen, und zwar in seiner heftigen Art gleich so energisch, daß er behauptete, er würde sie gewiß heirathen. So oft er nun von Fordon aus zu uns herüber kam, neckten wir ihn mit seiner schönen Braut, er blieb aber ernsthaft dabei, er heirathe sie doch, sobald er nur recht viel Geld verdienen könne. Dabei blieb er volle zwei Jahre, bis er nach Berlin ging. Dort löste sich diese Geschichte natürlich in Wohlgefallen auf; es dauerte auch nicht lange, daß er seine nachmalige Frau kennen und lieben lernte." Neben werthvollen Ausschlüssen über Bernsteins Wesen giebt uns diese anspruchslose Mittheiluug auch dafür eine Erklärung, daß der Ton der heitern Idylle im „Vögele" dem Dichter nicht allzufern lag. Alles in Allem aber: ist die Tonart der beiden Novellen eine Inkonsequenz gegen das sonstige Schaffen Bernsteins, dann eine, um derentwillen man keinem Dichter grollen wird: eine Auflehnung des Gemüths gegen das Diktat des Verstandes. Mer Salon 1898. Von M. Friedeberg. I. ei der Eröffunng der diesjährigen Kunstausstellung sagte der Kultusminister Bosse u. A. Folgendes: „So geheimniß voll auch der Zusammenhang sein mag zwischen der Kunst und dem heimischen Boden, auf dem sie erwächst, so gewiß ist es, daß die Kunst selbst nicht Halt macht vor den territorialen Grenzeu der Völker. Die re'me Freude am Sehen und Erkennen des Schönen und Wahren ist uns Allen gemein. und dieser allgemeine menschliche Zug der hohen Kunst erstreckt seinen Zauber a: ch hinüber über die Grenzpfähle der Nationen." Hat somit die diesjährige Ausstellung, die zum ersten Male auch geschlossene Gruppen der französischen, englischen und polnischen Künstler aufweist, eine erhöhte Bedeutung, die auch uns in ihrer Abkehr von dem leider jetzt so häufig zum Feldgeschrei erhobenen Urteutonenthum sicherlich nicht unsympathisch ist, so sind doch and) aus dem religiösen Stoffgebiet und aus deni sozialen Leben des Jndenthnms eine Reihe werthvoller Kunstwerke vorhanden, die für die Leser dieses Blattes eine Sonderbetrachtung erheischen. Mag sich in den großen Hauptsülrn des Salons am Lehrter Bahnhof die schaulustige Menge vor den Modebildern stauen, die oft lediglich auf die Sinnlichkeit speknliren und dadurch „ein groß Publikum" finden, wir wollen ans den auch räumlich oft weit entfernten, abseitsliegenden Kabineten unser« Lesern hier die interessantesten Stücke von den 2376 Nummern des Katalogs namhaft machen, soweit sie Juden und Judenthum angehen. Zunächst suchen wir die Synagoge auf und besuchen — natürlich nur bildlich gesprochen — die „Portugiesische Synagoge in Amsterdam" (E. Frankfort, Amsterdam, Nr. 33o). Das Bild hängt in Kabinet 29; es ist schlicht und natürlich gemalt. Obwohl ich noch nie in der Lage lvar, einem Gottesdienst nach sephardischein Ritus beizuwohnen, erhalte ich von diesem tünstlerischen Ausschnitt aus der Amsterdamer Synagoge einen ergreifenden Eindruck. Wir sehen etwa 20 in den Tallis gehüllte Männer in tiefer Andacht. Nur der sich an den Almemor, auf dem der Borbeter steht, anschließende vordere Theil der Synagoge mit einigen Reihen der Beter ist wiedergegeben. Auf der Brüstung des Almemors brennen, wie bei uns, Lichte in hohen Kandelabern. An der Seite des Omeds, unmittelbar an der hohen Treppenlehnung, sitzen zwei Knltusbeamte, die, ebenso wie der Vorbeter, einen Dreimaster auf dem Hallpte tragen. Die tiefe Andacht und die durchweg würdevolle Haltung der Betenden erhöhen den Eindruck des Bildes, das den Eindruck der unmittelbaren Natnrwahrheit macht. — Im Saal 52, wo die polnischen Künstler ausgestellt haben, hängt ein sowohl rein technisch, wie dem künstlerischen Eindruck nach ungleich werthvolleres Gemälde „Sabbathruhe" von F. Hirßenberg (Lodz). Dieses Bild hat kulturgeschichtlichen Werth, es ist eine ergreifende Elegie auf die Leiden unseres Stammes, und doch bat der Maler durch keinerlei Tendenz den reinen Charakter seiner Kunst getrübt, die sich hier unmittelbar an die Wirklichkeit hielt, ohne aus Geld- oder Ruhmbegler durch irgend ein marktschreierisches Mätzchen Sensation machen zu wollen. Wer so natürlich ohne eine Spur von romantischem Aufputz arme Juden malt, der ist ein Glaubensgenosse und ein Künstler von tiefer, seelischer Empfindung. Alle männlichen Personen in dem einfach, doch nicht dürftig ausgestatteten Zimmer, in das der Maler uns führt, haben das Haupt bedeckt. Wir wissen nicht, ob es ein hebräisches, religiöses Buch oder ein Werk aus dem allgemeinen Wissensfchatze ist, aus dem der junge Alaun am Fenster

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