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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-21 · Heft 25 (21.6.1895) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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295 Beschluß erhobenen Antrags überantwortet: „Der rheinische Rabbinerverband beschließt, seine Wirksamkeit vorzüglich auf die Ertheilung des Religionsunterrichts in kleinen, nicht leistungsfähigen Gemeinden zu richten und die erforderlichen Schritte zu thun, um die Mittel dazu aufzubringen. Wegen vorgerückter Stunde müssen Punkt 6 und 7 von der Tagesordnung abgesetzt werden, und es erfolgt die Wahl des Vorstands für das erste Vereinsjahr. In denselben werden die Herren DDr. Horowitz, Frank und Samuel gewählt. Als Ort für die nächste Generalversammlung wird Godesberg bestimmt. Um 7V2 Uhr wurde die Versammlung geschlossen, welche bei allen Theilnehmeru einen bedeutenden Eindruck hinterlassen und das Gefühl erzeugt hatte, daß hier ein verheißungsvolles und segensreiches Werk seinen Anfang genommen habe! Möge sich diese Hoffnung bewahrheiten und der neue Verband seinen hohen Aufgaben zum Heile des Judenthums gerecht werden! Möge er der wirksamen Unterstützung der Gemeinden und der Behörden theilhaft werden. Der Schriftführer: Dr. Samuel. Ueber K. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. V. ebenso will ich hier die Analyse überhaupt unterbrechen, um einc Frage zn beantworten, die sich den, Leser nuwillkiirlich aufdrängen muß. Alles, was wir bisher an diesen Novellen sestgestellt haben, ist anders, als an allen anderen Ghetto- Geschichten desselben Werthes — wie erklärt sich dies? Warum ist Bernstein unter den bedeutenden deutschen Ghetto-Novellisten der Einzige, der ein von Fanatisnnis und Aberglauben umschattetes Leben unpolemisch schildert, der Einzige, der seine Dichtungen nur für Jude» bestimmt hat, der Einzige, der nicht als deutscher Dichter, sondern als Jude ins Ghetto gegangen ist?! Der Bildungsgang Bernsteins, seine sonstige Stellungnahme zu in Judenthum, sein sonstiges Wirken als Schriftsteller geben uns ans diese Frage keine Antwort, im Gegentheil, ihre Betrachtung muß die Frage noch zuspitzen. Kein anderer Dichter dieses Stofskreises hat unter dem Druck des nationalen, talmndischen Judcnthums so lange und schwer gelitten wie Bernstein; Auerbach und.Koinpert rangen sich nach kurzem Kampf und ohne Wunden los, Moseiithal, geschweige denn die jüngeren Autoren, habe» den Druck überhaupt nicht an ihrem eigenen Leibe erfahre». Demgemäß nehmen sie auch Alle nur eben den Standpunkt eines maßvollen, besonnenen, religiösen Fortschritts ein; ein Radikaler war nur Bernstein. Er war's im Leben wie in seinen Schriften; sein Name steht nnter der Berliner Erklärnng vom 1". März 1845, „daß das rabbinifche Jndenthum im Ganzen und im Einzelnen mit unserer wissenschaftlichen Ueberzeugung und den Anforderungen des Lebens nicht im Einklang steht", sein Name unter dem Aufruf, „eine Synode zu berufen, die das Judenthnm in derjenigen Form erneuere und festsetze, in welcher es in uns und unseren Kindern fortzuleben fähig und würdig ist". Wo er im eigenen Namen sprach und handelte, ging er als Gelehrter wie als Publizist »och viel weiter. Ich erinnere nur an fein kühnes Buch: „Ursprung der Sagen von Abraham, Isaak und Jakob"; an die zahllosen Artikel, in welchen er die Orthodoxie geißelte, jeden Versuch jüdisch-nationaler Aspirationen mit Skorpionen züchtigte. Man sieht, hier liegt ein Bruch in den: Gesammtwefen des Mannes, eine Inkonsequenz vor, die gar nicht zu übersehen ist. Auch ich habe dies psychologische Räthsel nie übersehen, nur daß ich bis vor Kurzem keine Erklärung dafür halte. Was andern Kritiker», z. B. Laistner, zur Aufklärung hinreichte, leuchtete mir durchaus nicht ein. Weil Bernstein, meine» sie, für einen jüdischen Kalender geschrieben, so habe er sich eben ganz de» Anschauungen seiner Leser angepaßt, das schien mir schon aus äußern Gründen unhaltbar. Mußte Jemand, auch wenn er bereits 1837 und 1838 für einen jüdischen Kalender schrieb — diese Jahre nahm ich ja damals als Entstehungszeit an — in der That befürchten, das; die Leser an liberalen Anschauungen Anstoß nehmen würden? Und dann: war einem energischen, überzeugungstreuen Schriftsteller, als welcher sich Bernstein doch sein Leben laug bewährt hat, so ohne Weiteres zuzumuthen, daß er seinem Leserkreis zu Liebe seinen eigenen Standpunkt verschweigen würde?! Auch mit der Zeit stimmte es mir nicht: 1832, 20 Jahre alt, hatte er nach schweren Kämpfen den Kaftan abgestreist, und 1837 sollte der 25jährige bereits dem rabbimschen Judenthnm gegenüber so mild, so objektiv geworden sein?! So fragte ich venu bei ihn, selbst an: Wann sind die Novellen geschrieben, wie erklärt sich ihre Färbung? Seine Antwort kennt der Leser, er schwieg aus die erste Frage, und beantwortete die zweite dahin, er habe einst an einen nationale» Messias geglaubt, heute glaube er au einen Messias für Alle. Das war kaum anders zu verstehen, als daß er die Novellen noch als Anhänger des rabbinischen Judenthums geschrieben, aber dazu stimmte weder jener befreiende Humor, noch seine sonstige Thätigkeit bis 1839. Kurz, die Sache blieb seltsam. Anders heute; heute vermögen wir das Räthsel so weit anszukläreu, als sich derlei überhaupt aufklären läßt. Zunächst: er war ein 46jühriger Mann; die Kämpfe der Jugend lagen hinter ihm. Und ferner, der Verlust der Gattin hatte ihn einsam, sein Gcmüth weicher gemacht; voll wehmüthiger Sehnsucht gedachte er seines jungen Glücks, seines Brautstandes und darüber hinaus seiner Jugend im Ghetto. Achnlich stimmte ihn ein Brieswcchsel mit seiner Lieblingscoujine, Frau Johanna Neumann geb. Kühlbrandt, der gerade damals besonders eifrig gepflegt wurde, iveil er des Trostes bedurfte, die heitere geistvolle Iran war einst seine Gespielin gewesen; auch in ihren Briefen war viel von der längst versunkenen, trotzdem und alledem schönen Jugendzeit die Rede, lind davon sprachen auch die Freunde, Wertheini und Goldbam», in deren Hause der Einsame viele Abende verbrachte. So lag in jenen Tagen, da ihm durch Werthei», der äußere Anstoß zur Abfassung der ersten Novelle kam, die Vergangenheit i» verklärtem Licht vor ihm; die Schatten sah sein Gemüth nicht. Nur ein echter Dichter konnte jener Anregung so folgen, wie es Bernstein that, aber auch er Hütte cs nicht vermocht, wenn nicht der sehnsüchtige Drang, die Vergangenheit zu erneuern und festzuhalte», gerade damals so lebhaft i» ihm gewesen wäre. Wie er diesem Drang fast imwillkürlich nachgab, so war es nicht etwa ein bewußter Kalkül, sondern etwas Selbstverständliches, daß er in beiden Novellen so viel Porträts nach de», Leben, so viel Selbsterlebtes einfließen ließ. Die „heilige Golde" ist seine verstorbene Frau Lina; „Vögele" die Cousine Johanna, er selbst, der damals tiefbetrübte Wittwer, der an kein neues Glück glauben mochte, hat sich als „Salme Menuist" im „Gibbor" abkonterfeit, die „Malkoh" ist die verklärte Gestalt feiner Großmutter, die sich auch ihres „königlichen Geblüts", der Abkunft von Schaul Wahl berühmte, und von der Bernstein das Mahnwort: „Wir kommen her von den starken Herzen", geerbt und seinen Kindern überliefert hat. Diese Mitthcilnngen, die ich einer Tochter Bernsteins, Frau Professor Meyer in Braimschweig, verdanke, seien durch eine Aufzeichnung des Urbilds der „Vögele", Frau Johanna Neumann, ergänzt, die ich ans derselben Quelle erhalten:

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