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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-21 · Heft 25 (21.6.1895) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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293 Nach einigen Worten freundlicher Begrüßung begann er mir manche Einzelheiten aus dem Geschäftsleben seines verstorbenen Vaters zu erzählen. „Wissen Sie, warum ich auf das Alles zurückkomme?" fragte er, als er mein erstauntes Gesicht bemerkte. „Weil ich ein anonymes Schreiben erhielt, worin mir mitgetheilt wird, daß Sie sich in abfälliger Weise über das geschäftliche Verhalten meines seligen Vaters gegenüber Ihrem verstorbenen Vater geäußert haben." Jetzt erwachte mein Erstaunen erst recht. Nie in meinen! Leben hatte ich von irgend einer Beziehung zwischen unseren gottseligen Vätern gehört. Die Konstatirnng dieser Thatsache genügte vollkommen, um den Werth der gedachten Denunziation auf das richtige Maß zurückzuführen. Wußte doch Gutmann überdies, zu welchen Mitteln von gewisser Seite gegriffen wurde, um Lockerungen in meinen Verbindungen herbeizuführen. Das seniper aliquid liaeret bewährte sich in diesem Falle nicht. Unser langjähriges gemeinschaftliches Wirken auf dein Gebiete glanbensgenössischer Interessen bot vielmehr immer von Neuem Anhaltspunkte für einen gegenseitigen engeren Verkehr. Das Wehrgesetz, das auch Bestimmungen über die Militärpflicht von Beflissenen der jüdischen Theologie enthält, war für mich ausreichender Anlaß, in einer Eingabe an den hiesigen Kultusvorstand - ich gehörte demselben damals noch nicht an — auf die nun nicht mehr abzuweisende Nothwendigkeit der Kreirung eines Rabbiner Seminars die Aufmerksamkeit zu lenken. Es fanden deshalb Berathungen statt, denen ich zugezogen wurde. Das damalige Mitglied des Vorstands-Kollegiums Tr. Ignaz Kuranda vertrat unter Anderm die Ansicht, daß es sich ans mannigfachen Gründen empfehle, den Sitz einer solchen Anstalt nach Prag und nicht nach Wien zu verlegen. Dem trat Gutmann in einen! ausführlichen Memorandum entgegen. Das Schriftstück ließ an Klarheit und Beweiskraft nichts zu wünschen übrig. Der Präsident der Gemeinde Joseph Wertheimer konnte nicht umhin, dem Streben Gutmann's in einem Aussatze, der int „Jahrbuch für Israeliten" erschienen ist, ehrende Anerkennung zu zollen. Dieser Aufsatz gab in einer öffentlichen Vorstandssitzung zu einer Interpellation Anlaß. Wertheimer hatte es unterlassen, in seinem Aufsatze auch nur mit Einem Worte zu erwähnen, daß ich die Anregung zur Behandlung der in Rede stehenden Angelegenheit gegeben habe. Der bekannte Publizist Vorstandsmitglied Adolf Neustadt interpellirte nun dieserhalb den Vorsitzenden, iudein er ausfiihrte, daß mir das Verdienst an der Aufrollung dieser Frage gebühre. Wie von der Gerechtigkeitsliebe Gutmanns nicht anders zu erwarten war, pflichtete er den Ausführungen Neustadt's bei. Der Gedanke, daß es unter den gegenwärtigen Verhältnissen hoch an der Zeit sei, endlich die Gründung eines solchen Instituts, das schon Kaiser Franz I. als nothwendig bezeichnete, zu beschleunigen, verließ Nlich nie, und ich ergriff jede sich darbietende Gelegenheit, ihn zum Ausdruck zu bringen. Auch diese Blätter nahmen von einem meiner diesfülligen Anträge Notiz. Die Berathung über die Säkularfeier des Sterbetages Mendelsohn's gab mir erwünschten Anlaß, abernulls die Erledigung der Frage zu nrgiren. Ich ließ es aber diesmal nicht dabei bewenden, sondern trat sofort in medias res. Auf Grund der mittlerweile vollzogenen Statutenänderung des Beth-hamidrasch-Vereins, wonach, entgegen den früheren Bestiunnungen, demselben nunmehr das Recht eingeräumt wurde, eine Anstalt zur Heranbildung von Rabbinern und Religionslehrern zu gründen, that ich im Einverständnisse mit meinen Kollegen im Vorstande dieses Vereins, Dr. Adolf Jellinek, Arminia Eohn, Wilhelm Ritter von Gutinann, die geeigneten Schritte, uni hohenorts die Bcwilligung^zur Altiviruug [ber Anstalt zu erlangen. Als nun seitens des Ministeriums für Kultur und Unterricht im Sinne des einschlägigen Gesetzes vomlJahre 1850 hauptsächlich der Nachweis über das Vorhandensein der zur Existenzsähigkeit einer solchen Anstalt erforderlichen materiellen Büttel gefordert, und dieselben mit mindestens jährlich 15000 fl. beziffert wurden, erklärte sich Wilhelm von Gutmaiin mir gegenüber sofort bereit, in Gemeinschaft mit seinem gleich edelsinnigen Bruder David die zur Sicherstellung dieser Rente noch nothwendigen Fonds beiznstellen. Hier lasse ich den Faden meiner Darstellung über diese Angelegenheit fallen; die Zeit für dessen Fortspinnuug halte ich noch nicht für gekonnneu. Er ist leider nicht verschont geblieben von dem Lose der gleichen. Wenn Jacoby es als das Unglück der Potentaten bezeichnete, daß sie nicht die Wahrheit hören wollen, so ist es das Unglück der Plutokraten, daß man ihnen gegenüber die Wahrheit verdunkelt. Wilhelnl von Gutman hat, wie er sich rücksichtlich des Bethhamidrasch und der jüdisch-theologischen Lehranstalt zeigte, treu dem — ich möchte sagen — Credo gehandelt, .mit dem wir den Tag der Versöhnung beschließen: „Es ist uns nichts Anderes geblieben, als diese Thora." Er liebte die Thora, er förderte ihre Pflege, er hatte die volle Werthschätznng für die Männer, welche ihrem Studium obliegen. Ungleich mehr noch lag ihn! am Herzen, für die Knltivirnng des praktischen Judenthums zu wirken. Analog der Sprüche Eccles. XII. 13 hatte er die Formel: „Jude sein, heißt: Mensch sein." Darauf eben ist es zurückzuführen, daß er, wo und wie er konnte, bemüht war, für den Gedanken, eine Ethik des Judenthums zu verfassen, Propaganda zu machen. Ein solches Werk sollte Schwert und Kelle zugleich sein: ersteres zur Abwehr verlälnnderischer Angriffe von außen, letztere zur Heilung von Rissen im Mauerwerk des eigenen Religionsgebüudes. Wie die Bekämpfung des Antisemitisnrus, beschäftigte ihn unablässig die Hebung des religiösen Bewußtseins unter unfern Glaubensgenossen im Geiste einer geläuterten Weltanschauung. Den — inan kann sagen — heiligen Eifer, welchen er in dieser Richtung entwickelte, konnte inan recht wahrnehmen in den: Komitee, welches sich auf seine Anregung im Anfänge der achtziger Jahre konstituirte und die Wahrnehmung glanbensgenössischer Interessen int Innern und im Aenßern sich zur Aufgabe rnachte. Dieses Komitee, welches aus den Vorstandsrnitgliedern Dr. Ignaz Kuranda, Moritz Ritter von Borkenan, Dr. Leopold Kompert, Dr. Philipp Manthner, Wilhelm Ritter von Gutmann, Enlanuel Banmgarten, sowie Albert Freiherr von Rothschild, Baron Harry Worms (London), Prof. Dr. Lazarus und Ludwig Löwe (Berlin) bestand, nahm seine Sache ernst, und keine Frage blieb unberührt, welche die interne und externe Wohlfahrt unserer Glaubensgenossen betraf. Die vis movens dieses Komitees war jedoch Gutmann. Keine geistige und körperliche Anstrengung, kein gesundheitliches und materielles Opfer war ihm zu viel, wenn es galt, die Arbeit zu fördern. Er unternahm in ihrem Interesse weite Reisen, und die in der Koblenzer Konferenz gefaßten Beschlüsse waren nahezu ausschließlich sein Werk. Die von mir herausgegebenen Schuften: „Die Bluibeschuldigung. Von christlicher Seite benrtheilt" und „Gntmeinung über den Talmud der Hebräer. Von Carolus Fischer" sind als Ausführung der beiden ersten Punkte der Koblenzer Konferenzbeschlüsse anzusehen. Die Druckkoften der beiden Auflagen der erstgenannten Schrift bestritt Gutmann. Es wurde Sorge getragen, daß" sie in die Hände aller civilen und geistlichen behördlichen Instanzen gelaugte. Wie werthvoll das war, zeigte sich im Tisza-Eszlarer Prozeß; die Verteidigung schöpfte daraus manches wirkungsvolle Material für ihr Plaidoyer.

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