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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-21 · Heft 25 (21.6.1895) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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292 der israelitischen Gemeinden mit dem Sitze in Prag. Bei vollkommener Gleichberechtigung der beiden Landessprachen bezweckt der Bund die Förderung der Verwaltungs-, Bildungs- und Wohlthätigkeitsangelegenheiten der israelitischen Kultusgemeinden Als Mittel zur Erreichung dieses Zweckes soll unter Anderem ein wirksamer Rechtsschutz gegen gesetzwidrige Angriffe auf Juden und das Judenthum dienen. Religiöse, politische und nationale Fragen bleiben von der Bundesthätigkeit ausgeschlossen. Der Vorsitzende, Landesschulrath Dr. Bendiener, schloß die Versammlung mit einem begeistert aufgenommenen dreifachen Hoch auf den Kaiser, der alle seine Nnterthanen mit gleicher Liebe umfasse und unter dessen kräftigem Schutze die Juden der Zukunft getrost entgegensehen können. Ber Prozeß der Aterianerürüder in Mariaüerg. Von Rechtsanwalt Julius Plotke in Frankfurt a. M. mit Recht ist die ganze gesittete Welt über die Vorgänge heftig erregt, welche das öffentliche mündliche Verfahren vor dem Gericht in Aachen ans Licht gebracht hat. Kranke, geistig und körperlich schwache, der Vertheidigung unfähige Menschen lieblos, hark, ja unmenschlich zu behandeln, zeugt von einer innern Rohheit, die umsomehr empören muß, als sie unter dem Deckmantel liebevoller Fürsorge verübt wurde. Zu der Gefühlsrohheit gesellt sich die Heuchelei! Gewiß ist cs die Aufgabe der für das öffentliche Leben wirkenden Organe, zunächst der Presse, diese Schäden klar zu legen, offen zn besprechen, sie in das hebe Tageslicht zn rücken und mit aller Kraft dahin zu wirken, daß solch' schlimme Mißstände schleunigst beseitigt, die Schuldigen zur Verantwortung gezogen und daß Maßregeln getroffen werden, durch welche ähnliche Vorkommnisse für die Zukunft verhütet, und die Leidenden lind Hilfsbedürftigen unter wirksamen staatlichen Schutz gestellt werden. Ein Unrecht aber ist es, wenn aus den Vorgängen in einer Krankenanstalt, aus der Brutalität einzelner Personen, generelle Schlüsse gezogen werden, für welche die erwiesenen Vorgänge keine Anhaltspunkte bieten. Man will Waffe» gegen die katholische Kirche oder gegen das Centrum, — und man sucht zu diesem Zweck die Rohheiten einzelner Katholiken zn Vergehen der Gesammtheit zn stempeln! Was hat mit Mißständen in einer Heilanstalt die katholische Kirche zu thun? Was berechtigt, die Ausschreitungen einzelner gefühlsroher Personen einer politischen Partei in die Schuhe zu schieben? Die katholische Presse sucht die Mißstände nicht zu vertuschen, die „Germania" verlangt eine strenge Untersuchung, „damit die wirklich vorgekommenen Vergehen ihre Sühne finden, und dann noch besonders, weil die katholische Krankenpflege in Deutschland sich eines so ausgezeichneten und wohlbearündeten Rufes erfreut, daß wir jede Abweichung davon durchaus klargestellt und in ernstester Weise je nach den Vorgefundenen Verhältnissen bestraft bezw. beseitigt zu sehen wünschen." — Es wiederholt sich eben hier der Fehler, welcher bei Benrtheilung von Vergehen Einzelner so häufig begangen wird, daß man sich nicht damit genug zu thun glaubt, die Sühne für das Vergehen der Einzelnen zu verlangen, s i e der Strafe zu überliefern, sondern daß man ganze Klassen für die Schuld Einzelner büßen lasse» will. Es wiederholt sich hier dasselbe Schauspiel, dessen Gegenstand wir Juden leider gar oft gebildet haben und noch heutigen Tages bilden. Wir wissen es, wie weh cs thnt, als Gemeinschaft ungerecht behandelt zu werden. Lehrt etwa die katholische Kirche, daß man Kranke mißhandeln soll? Verlangt etwa die Eentrumspartei, daß man Irre in Schmutz verkommen lassen, mit Fußtritten behandeln soll? Dennoch scheut man sich nicht, diese Gemeinschaften in den Streit um die Vergehen Einzelner hinein zu ziehen! — Was früher und gestern noch den Juden geschah, geschieht heute den Katholiken und kann morgen bei Protestanten sich ereignen! Aus einzelnen Vorgänge» suchen besondere Jnteressenkreise gegen andere ihnen unbequeme Kreise Kapital zu schlagen! Dieselbe Heuchelei, welche uns bei einzelnen Krankenpflegern in Mariaberg anwidert, macht sich auch in der Oeffentlichkeit breit. Unter dein Deckmantel der Fürsorge für die Acrmsten unter den Kranken verbirgt sich das Bestreben, für kirchliche oder politische Sonderinteressen etwas zu gewinnen. Diese Vorgänge nnd ihre Behandlung in der Oeffentlichkeit sollten allen für die breiter« Schichten wirkenden Kreisen die Lehre geben, welch' hartes Unrecht darin liegt, die Schuld Einzelner einer Gesammtheit aufzubürden, wie schwer eine solche Ungerechtigkeit die betroffene Gemeiuschast schmerzen muß und wie dies vergiftend auf die Massen wirkt, Rtiß trauen, Haß und Verbitterung erzeugt! Erinnerungen an Milheim von Gutmann. Von Emanuel Baumgarten. II. ie Abstattung von konventionellen Besuchen war nnd ist nicht meine starke Seite. Eingedenk der Sentenz (Prov. XXV. 17).: „In des Genossen Haus setz' selten nur den Fuß, Du könntest werden sonst zum Ueberdruß," habe ich mich jederzeit davor gehütet, diese letzte Konsequenz erfahren zu müssen. Vornehmlich hielt ich mich von dort fern, wo die soziale Pflugschar tiefe Furchen gezogen hat. Wilhelm v. Gutmanns Ansehen war in rapidem Aufstieg; in nie geahnten Progressionen entwickelten sich die Verhältnisse seines Hauses; seine merkantile und gesellschaftliche Stellung ließ ihre Spitze bis in die Sphäre der oberen Zehntausend reichen: — meine Besuche bei ihm wurden seltener. Feinfühlig, wie Entmann war, erkannte er bald die diesfalls mich bestimmenden Motive und fand sich in Folge dessen veranlaßt, meine Wohnung, die sich weit oben in der Mariahilfer Hauptstraße befand, aufzusuchen. Er traf mich nicht zn Hause. In herzgewinnender Weise stellte er sich meiner anwesenden Frau mit der Bemerkung vor, daß er mein ältester Freund sei nnd sich unmbere mich jetzt fast nie bei sich zu sehen. Nachdem er einige Zeit verweilt hatte, schied er mit der dringenden Einladung an mich, in früherer Weise in seinem Hause zu verkehren. Ich gestehe aufrichtig, daß ich deshalb mein Verhalten nicht änderte. Aber wo und wann die Gelegenheit hierzu sich ergab, traten nach wie vor die sympathischen Gesinnungen, die wir für einander hegten, in unverfälschtem Ausdrllck hervor. Ich kann auch llicht umhin, an dieser Stelle ans vollem Herzen ein Habe Dank! ihm nachzurufen für alle die Freundlichkeiten, die er mir im Leben erwiesen. Es ist mir nicht erspart geblieben, mit tiefer Betrübnis; wahrzunehmen, daß selbst Verbindungell, die lediglich im Dienste der Gemeinnützigkeit stehen, Gegenstalld garstigen Neides imb arger Scheelsucht bilden tonnen. Es mögen jetzt sieben Jahre sein, da erhielt ich von ©utmnnn brieflich die Einladung, ihn zu besuchen.

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