Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1895)
- Date
- 1895-06-21
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
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290 der Vater die Schranken nicht ehrt, die dem väterlichen Einfluß durch die Natur gesetzt sirrd, wenn er sich gekränkt unb verletzt zeigt durch die selbstständige, mit der seinigen divergirende Ansicht seines Sohnes, so ist die natnrgerrräße Folge, daß selbst ein treues Kind zu Konflikterr getrieben wird, und daß es, gezwungen, in einiger! Dingen gegen die väterliche Autorität sich zu wehren, sie dann auch in andern Punkten verletzt, wo es unbedingte Pflicht gewesen wäre, sie in Ehren zu halten. Es ist eine Pflicht der Eltern, den Krudem die Erfüllung des fünften Gebotes nicht zu erschweren. Wenn henzutage das väterliche Wort nicht mehr die Geltung hat wie ehedern, so liegt die Schrild zürn Theil daran, daß oft zu viel Geltrnrg für dasselbe in Anspruch genorrnnen rvnrde und wird. Und hat denn der Staat so gar keinen Arrlaß den Bürgern geboten, ihn als ihren Feind anzusehen? Gab es nicht Fürsten, die das Land als ihre Domäne betrachteten und, nnbeküunnert um Wohl und Wehe der Unterthanen, nur für ihr Wohlleben sorgtet!? Sind die Völker nicht gemißbraucht worden für die Zwecke der Herrscher und haben sich wappnen und haben Blut und Leben lassen rnüssen, um den Ehrgeiz oder die Rachsucht ihrer Fürsten zu befriedigen? Giebt es nicht heut noch Länder, in denen bevorzugte Klassen das Herrenrecht ansüben zu ihrern Gewinn und Vortheil? Der Mißbrauch der staatlichen Autorität hat das Mißtrauen der Bevölkerung geweckt und jenes gefährliche Vorurtheil gegen die Vertreter der Obrigkeit in den Massen erzeugt. Wie sehr haben die Leiter des religiösen Lebens weit über Gebühr das Recht der Persönlichkeit auf eine eigene Meinung eingeschränkt, selbst in unserer Bütte, wo doch für hierarchische Gelüste kein Boden war, und wie oft wurde der Fragende, der irgend einen veralteten Brauch nicht verstehen und nicht billigen konnte, mit den Worten abgefertigt: es steht geschrieben, nicht in der Thora oder auch nur irn Talmud, sondern oft bedeutete es nur: es steht geschrieben in dem obskuren Werke irgend eines halbverschollenen Gelehrten, und rver solcher auf so schwankenden Füßen stehenden Autorität sich nicht beugen wollte, der galt als Ketzer, als Sünder. Da erzeugte der Druck den Gegendruck, und weil früher die Persönlichkeit, das Individuum keine Stirnrne hatte, will sie jetzt allen: bestimmend sein in der Ordnung des religiösen Lebens und nach freier Willkür regeln, was doch nur irn Zusammenhang mit der geschichtlichen Entwickelung unseres Glaubens sich ordnen läßt. Daß jedoch dieser Trotz gegen die Autorität nichts Neues ist, wie so oft der Gegenwart vorgeworfen wird, sondern daß auch in den uralten Zeiten ehrgeizige, eigenwillige Menschen oft mit denselben Phrasen, die heut im Munde der Volksbeglücker so Viele irreführen, gegen die weisen, zur Herrschaft berechtigten Männer sich anfgelehnt haben, zeigt uns die Erzählung von Korach und seinem Anhang. Wenn eine Obrigkeit es verdiente, vorn Volke in Ehren gehalten zu werden, so war es die des Mose; welche Gefahren hatte er nicht um dieses Volk erduldet, seit jenem Tage, da er in Aegypten den Frohnherrn, der einen Israeliten quälte, in loderndem Zorn getödtet hatte. Aber schon bei diesen! ersten Schritt ins öffentliche Leben, bei dieser ersten gefahrvollen That zum Heile seiner Brüder erfuhr er, wie das Uebelwollen unb der böse Sinn demjenigen auflanern, der opferfreudig sich dem Volke weiht. Aus seines Volkes Mitte erstanden ihm die Feinde, die Angeber, welche seine That den Aegyptern verriethen, daß er flüchtig werden mußte. Und derselbe böse Geist, der ihm seine Jugend verstört hatte und durch den er die herbe Lehre erfahren, daß. wer den! Volke dient, sich nur den Undank verdient, er tritt ein halbes Jahrhundert später in Korach und seiueni Anhang den: Mose entgegen. Korach zeigt uns, wie alt die Kunst ist, das Volk durch schöne Worte zu berücken. Mose, nun ja, er war der Fürst seines Volkes; aber wenn irgendwo, war hier die Herrschaft ein Dienst; er durfte es vor Gott bekennen: nicht einen Esel habe ich von ihnen erhoben; und nicht einen von ihnen habe ich beleidigt. Und nun kam Korach, der einen hohen Rang einnahm in! Stamm der Leviten, aber der von jenen! unersättlichen Ehrgeiz wie von einem Feuer geplagt war, der sich nur!nit der ersten Stelle begnügt, nun kam der hochbegabte, redegewandte Mann, und mit geschickten Worten wußte er die Herzen der Volksführer zu gewinnen und ihre Eifersucht auf Mose zu erwecken, daß sie hintraten vor Mose und Aron und Unglimpf schleuderten wider diese reinen Männer. Wie geschickt wußte er zu reden, um das Volk aufzuregen; „das ganze Volk ist heilig, in seiner Mitte ist Gott": hatte sich Gott nicht am Sinai beut ganzen Volke offenbart? Hatten sie nicht an! Sinai das Wort vernommem: ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heilig Volk? Und nun wollten Mose und Aron einen besonderen Grad von Heiligkeit, und überhoben sich über die Gemeinde Gottes! Wie fromme Reden! Gott und Heiligkeit führten sie im Munde, und teuflische Plane hegten sie im Herzen; wodurch überhoben sich denn Mose und Aron? Das Volk erwies ihnen Ehre, weil die Stirn des Einen leuchtete von den sonnigen Gedanken, die sein Haupt durchstrahlten, und weil der Andere durch sanfte Worte jeden Zwist schlichtete und den Frieden trug in die Stätten des Streites und der Fehde; nahmen sie für sich die Heiligkeit in Anspruch? nein, sie waren heilig, lveil sie dieselbe nicht in Anspruch nahmen; aber das Volk war zweissellos entzückt von Korach, der sie so hoch erhob, während Mose, der redliche, sie so oft mit ernsten Worten mahnte und strafte; sie ahnten nicht, daß Korach den Mose nur stürzen luollte, um sich an seine Stelle zu setzen. find Mose fiel auf sein Antlitz und betete. Welch ein Schauspiel, Mose betend, für die, die das Opfer seines Lebens mit schnödem Undank, mit Empörung lohnten. Mose sprach: Morgen, da wird Gott kund thuu, wer ihm gehört. Vergebend wollte er den Ausrührern und dem bethörten Volke Zeit lassen, wieder zu sich zu kommen; eine aufgeregte Masse kann meist nur durch harte Strafe wieder gebändigt werden. Das Verhängnis brach über Korach und seine Genossen herein, und erst nachdem es Zeuge gewesen des grausen Unterganges, gehorchte das Volk wieder seinem alten Meister. Die Völker bedürfen der Autorität, zu der sie aufschauen, nach der sie sich richten; wer diese Achtung vor der Autorität untergräbt, der handelt entweder leichtsinnig oder frevelhaft. Aber die Ehrfurcht vor der Obrigkeit ist selbst dem, der von ihrer Nothwendigkeit an! innigsten überzeugt ist, nur möglich, wenn die Herrschenden dein Geineinwohl dienen. Mose ist hier das hohe Vorbild: wer im Besitz der Macht von sich sprechen kann: ich habe Niemand etwas genommen, ich habe Keinen beleidigt, der darf auch, wenn die Verleumdung gegen ihn anstürmt, der Hoffnung Ausdruck geben: Es bricht der Morgen au, der kund thut, wer zu Gott gehört. Me Woche. B e rl in , 18. Juni. erliner Schulangelegenheite» sind es, die in dieser Woche auch weit Uber unsere Stadt hinaus eine gewisse ^'€7 Erregung hervorbnngen werde». Zwischen dem Berliner Magistrat und dem brandenbingischen Probinzialschulkollegium ist ein Konflikt ausgebrochen, dem man eine hohe grundsätzliche Bedeutung nicht absprechen kann. Hervorgerufen wurde er durch die