Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1895)
- Date
- 1895-06-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin» 21. Juni 1895 59. Jahrgang. Ar. 25. Allgemeine eitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.; Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, i Postoder direkt von der Expedition in Berlin > unter Streifband bezogeir Vierteljahr!. 3 M. r Nedactenr: Gustav .N arpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig PlhUippson-Lonn. Vertags-Grpeöition: Lerlin, Jerufatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 85V.. Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin, j 3ltt)dU« Leitartikel: Koracki. das Urbild eines Aufwiealers. — Die j Woche. - Der Prozetz der Alexianerbrnder in 'Uiariaberg. Bon Rechtsanwalt! ..ulius Plotke. — Erinnerungen an Wilhelm von Gutmann. H. Bon Eni an uel j Ban mg arten. — Verband der Rabbiner der Rbeiilprovinz. — Ueber A. Bernj s ein. V. Bon Karl Emil Franzos. -- Der Salon 1895. I. Von Bl. Friede- ' l erg. — Feuilleton: Der starke Simson. Erzäblung von Elise Orszeszko! ^orts.). — Littevarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Fkorresporrvernen und Nachrichten: Berlin, Aus Westpreutzen. Cülm a. W.. Aus Oberschlesien, Aus Schlesien, Lübbecke. Aamslan. Hechingen, Biüinben, Wien. Warschau. — Don Nah und Fern. — Miscetterr. — Briefkasten der Redaktion. Sprach, das Urbild eines Aufwieglers. Berlin» 18. Juni. ielleicht zu feinet Zeit ist der Kampf, der Ansturm gegen die Autorität, gegen die herrschenden Machte in der Familie, in Religion und Staat so lebhaft gewesen, als in der > nserigen. Unendlich Viele lassen heutzutage keine andere Autorität selten als ihren Willen, als ihr Denken, und es ist noch gut, wenn lieser herrische Wille nicht ganz gedankenlos ist, wenn die Menschen, die entschlossen sind, nur ans sich die Richtschnur ihres Lebens zu rehmen, nicht ganz ihrer Leidenschaft folgen, fonbevn wenigstens i vch Nachdenken über die Forderungen ihres Willens. Wie gesunken und fast geschwunden ist heut in vielen Häusern die Achtung vor dem Wort der Eltern; wer kaum in das Jünglings- Ster hinausgeschritten ist, dünkt sich der väterlichen Zucht entwachsen uib betrachtet es wie eine unerträgliche Tyrannei, wenn die Eltern bin und wieder das, was sie für Recht erachten, nicht nur wünschen, 'ändern befehlen. Dos natürliche Band der Liebe, das zwischen Kltern und Kind gewoben ist, hat die gefährlichste Probe zu bestehen, lenn diese irgend eine Handlung, die nach ihrer Ueberzengnng das Stück der Kinder fördert, in etwas ernsterem und strengerem Ton fordern. Diese Unbotmäßigkeit übertrügt sich auch auf das staatliche deben. Es ist etwas Wahres in dem Vorwurf, daß Biele im Staat ihren natürlichen Feind sehen, daß ihnen jede Obrigkeit zuwider ist. i ns keinem andern Grunde, als weil sie über ihnen steht, weil sie l icht verstehen, sich nnterzuordnen und sich zu fügen. Giebt es doch uie ganze Schule, die das Wort Anarchie, die Gesetzlosigkeit, welches ms der Inbegriff alles Entsetzlichen ist. gerade als das Ziel, aufs innigste zu wünschen, hillstellt, nach ihm sich nennt und es als einen laradiesischen Zustand preist, wenn Jeder thull töime, was ihm beilebt. Giebt es doch in den civilisirten Landen mächtige Parteien, die die völlige Demolirung des Baues staatlicher Ordnung anstreben, mn das absolute Nichts an seine Stelle zu setzen. Aber selbst wenn wir von diesen Ausschreitungen des politischen Denkens wld Plauens einen Augenblick absehen, lebt nicht in weiten Kreisen ein trotziges Sichauflehnen gegen die Anordnung der Obrigkeit, sehen mir nicht die Neigung weitverbreitet, wo etlva ein Bürger mit der staatlichen Gewalt in Konflikt geräth, für den Ersterli Partei zu nehmen Mld die Vertreter des Staates von vornherein llnd ohne Prüfung als die Ungerechten zll betrachten? Vollends auf dem Gebiet der Religion, wie Biele wollen da voll einer Autorität absolut nichts wissen! Wie jullg ilnd unreif Einer and) sei, er hält sich reif geling, mit über Gott zll richten. „Frage deinen Vater, und er wird dir nielben, deine Alten, und sie werdell es dir verkünden", heißt es in der Schrift; aber dieser Vorschrift merkt Ulan eben all, daß sie eilt paar Jahrtausetlde alt ist; sie ist altmodisch gewordell; die Jllgelld hat über das Alter, zumal in religiösen Fragen, zu Gericht zil sitzen, das ist die neue Parole, llttb dabei hat Jeder seine eigene Religion lind will von ihr, daß sie zum Gesetz der Allgemeinheit werde. Wenig gelten im Großen und Ganzen die, deren Beruf es ist, über Religion nachzndellken, die Schäden zu entdecken, durch welche die Religion an Macht über die Gemüther ehigebüßt hat, und die Mittel ausznsinnell, dllrch welche sie den Devfovcnen Boden wiedergewinnen kann. Reformirt soll werdell ohlte System, ohne Ordnung, nach augenblicklichen Einfüllen, vielleicht nach den flüchtigeli Eindrücken, die Der oder Jeller voll einer Bergnügungsreise heimgebracht hat. Wir reden hier llicht nur von linieret eigellen Religionsgenossenschaft, sondern überall, wo nicht gerade eine strenge Zllcht jedes selbstständige Denkell lliederdrückt und die imposante Erscheinung eillheitlicher Ordnllllg uni den Preis der Ullterwerfling der Vernunft erfauft wird, zeigt sich die größte Zerfahrenheit, weil Jeder seine persöllliche Meinung, die er zumeist noch ohlte ernstliches Nachdellken bekommell hat, an Stelle erprobter Glaubenssatzung setzen will. So zeigt sich aller Orten das Bestrebell, die Alltorität zu stürzen und in den wichtigsten Ordnungen des Lebens, in der Familie, im Staat Ulld in der religiösen Gemeinschaft das persönliche Belieben als die entscheidende Macht hinzustellen. Woher kommt dieser Ansturm? Viel Schuld trägt, daß die Autorität früher oft genug gerechtet! Anspruch weit übertrieben hat, daß sie tyrannisch, roh und gewaltsam gelvesen ist. Wir hören die Klagen der Eltern, daß ihre Kinder ihnen den schllldigen Gehorsam versagen, daß sie nicht Scheu und Rücksicht ketlnen auf Willetl und Meinung der Alten. Aber hat die väterliche Autorität nicht oft Ungebührliches gefordert? Will sie llicht zuweilen noch heut über beit erwachsenen Sohn, dessen Geist selbstständig, rüstig und tüchtig ist. eine Herrschaft ansüben, als sei er ein unmündiges Knäblein? Hat der Bater ein Recht, meint der erwachsene Sohn in politischen oder religiösen Dingen eine andere Anschauung in ehrlichem Streben sich gebildet hat, in dessen Rechtssphäre gewaltsam hinüberzngreifen und den Sohn zu einer Verleugnung seiner Ueberzeugung zu zwingen oder auch nur zu überreden? Wenn