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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-14 · Heft 24 (14.6.1895) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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287 christlichen Germane» sagen, in unserem jüdisch - orientalischen Staat, oder richtiger Städtchen, hatten die paar Christen durchaus keine Ursache, über „Rischus“äU klagen. Sie waren vollständig emanzipirt. . ." Man sieht, der Gedanke ist wahrlich friedfertig und allgemein menschlich — die Inden mißbrauchen ihre Mehrheit nicht — nur ist er eben vom jüdischen Standpunkt formulirt. Noch stärker äußert sich dies Behagen an der eigenen Art und der s Stolz auf den Glauben naturgemäß i» den Aeußerungen, die Bernstein seinen Gestalten in den Mund legt; es ist eben für sie charakteristisch. „Der Kreisdoktor", sagt Vögele, „ist ein Goj und weiß von sein Gemüth nichts, mikol sclieken von unserem Gemiith. Uns Juden hat Gott borueb bu ein ganz ander Gemüth gegeben wie dem Goi;" und als der Kosminer in seinem Liebesgram ausruft: „Ich bin so verzweifelt, wie Kotzebue lehawdil", da mahnt ihn der Zcmpelburger: „Ein Jüd darf gar nicht so verzweifeln wie der Goj“ Aehnlich im „Gibbor". „Wachtmeister", sagt Jankele der Musikant zu dem gänzlich verjudeten christlichen Wachtmeister, als dieser eine Vermuthung ausspricht, „Du redest wie ein Goj“, worauf der Wachtmeister, der ganz genau weiß, wie harmlos dies gemeint ist, replizirt: „Jankele Sclmuto, Du redest wie ein Klesmer (Musikant)". Derselbe Jankele stellt dem Wachtmeister als Lohn für sein Erbarmen mit dem „Gibbor" in Aussicht: „Soll ich leben, Du wirst Cheilik keaulam liabbo (Antheil am Heil des Jenseits) haben, mehr wie zwei Juden." Ebenso unbefangen und ehrlich wird das Gelübde, das Mendel Gibbor dem Rabbi ablegt, angeführt: „Daß er gegen keinen Jüd die Hand und gegen keinen Goj die Faust aufheben werde," aber ebenso unbefangen und ehrlich auch das Wort der Malkoh: „Damals haben wir noch nicht gehabt den Gtiosseä zu gehören zum König von , Preußen, sein Reich gedeihe." Ich halte im Citiren ei», obwohl ich noch lange fortfahren könnte. -1 — JIBWf® I * 1 FEUILLETON g 3 m WWM! — '«2*~ I i—i nmiirwüüiiisy/ Der starke Simson. Eine Erzählung von Elise Orszeszko. chimele grämte sich auch manchmal über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Den Kaiser Titus, der sie verursacht hatte, haßte er von ganzem Herzen, leidenschaftlich und heiß. — Doch häufiger wie den Haß, fühlte er eine tiefe Wehmuth. Manches Mal, lvenn er über die Belagerung von Jerusalem durch die römischen Soldaten, vor Allem, was nachher kam, in den uralten Büchern las, nahm er seine» Kopf in beide Hände, stöhnte und weinte bitterlich . . . Solche trüben und finstern Augenblicke wurden aber reichlich durch andere freudige und rosige belohnt. Wie glücklich und ergötzt fühlte er sich beim Anblick der Reichthümer und des Ruhmes von Salonion. Er sang und tanzte freudig mit dem vor der Bundeslade des Friedens tanzenden König David mit! Wie stolz triumphirte er mit den heldenmiithigcn Maecabüern. Wie innig freute er sich über die erste Versammlung des israelitischen Sanhedryns nach der Zerstörung des Tempels, und was für einen eifrigen Antheil nahm er an jenen Diskussionen, die im Sanhedryn geführt wurden, rmd wie stolz war er darauf, daß er auch dazu gehörte und daran theilnehmen durfte! Stundeirlang saß er zu den Füßen des Rabbi Gamaliel und führte mit dem Rabbi Jehnda ehrerbietigen aber beharrlichen Streit; mit dem Rabbi Akiba war er innig befreundet, ihn vor Allen liebte er herzlich und verehrte ihn ohne Grenzen. — So zwischen geringen Sorgen und großen Freuden floß das! Leben des Gemahls der unermüdlichen Zipa dahin, bis zu jenem Augenblicke, da ganz unverhofft ein Zufall den ruhigen und glückseligen Verlauf seines Lebens störte. Wenn Jemand von meinen Lesern einmal in der Stadt O. war, so muß er wahrscheinlich die enge Gasse kennen, welche von sogenannte» Boulevards in die unbekannten und unerforschten, aber sehr zahlreichen und engen Gäßchen des Judenviertels führt. Mein Gott, ich schäme mich fast, daß ich den Leser in eine enge Gasse führen muß, aber was kann ich thun? Der Romandichter ist wie ein Reisender. Am lebhaftesten interessiren ihn wenig bekannte, gänzlich wilde Gegenden. Wer von meinen Lesern den gleichen Wanderinstinkt besitzt, der möge mir in diese engen Gäßchen folgen, welche anfangs von beiden Seiten durch blinde Wände der nachbarlichen hohen Häuser eingemauert sind, später aber immer niedriger und niedriger werden, bis wir nur noch ganz niedrige, kleine, hölzerne und schlecht gestrichene Hänschen mit zwei, drei oder auch nur einem Fenster sehen. Das ist das Haus, wo Reb Schiinele mit seiner Familie wohnt. Es hat von der Seite der Gaffe zwei Fenster und eine Thür oder richtiger ein Thürchen, zu welchein ein paar Stufen , führen. Die Fenster gehören nicht zur Wohnung von Schiinele, dort wohnt Isaak Klempner mit sieben Mitgliedern, die seine geschätzte Familie bilden; das Thürchen aber führt zu der Wohnung von Zipa. Es thnt mir leid, daß wir durch den Laden von Zipa durchgehen müssen, weil von dort ein häßlicher Geruch von Butter, Seife, Talglichtern und Heringen herauskommt, die eine ganz unangenehme Mischung für ben Geruchssinn bilden. Aber es sind ja doch ganz realistische und erzprosaische Dinge, die man schwerlich vorüber gehen lassen kann, wenn man durch das Reich der Wirklichkeit wandert. Und auch das Innere des Ladens sieht sehr realistisch und Prosaisch aus; wir brauchen es auch gar nicht näher zu betrachten, weil wir schon vor dem Thor des Hofes stehen, durch welches wir gehen müssen, um die Wohnung Schinicles zu besuchen. Die Dämmerung bricht herein! Doch bei dem letzten Schimmer des Tageslichts können wir noch tief im Hofe über dein Hause mit zwei Fenstern, welches vis-a-vis dem Thore steht, einen in der Luft aufgehüngten Handschuh von Riesendimensionen sehen. Diese Hand ist so groß wie zwanzig gewöhnliche menschliche Hände, hat eine Orangenfarbe und hängt wirklich und thatsächlich in der Luft. Was soll das bedeuten? Sind das irgend welche Zaubereien oder hexenartige Maschinerie», erdacht für gehässige und mörderische Ztvecke? Man muß doch wohl Alles erwarten in diesem schmutzigen Nest rmaufgeklärter Juden! Aber fürchten Sie nichts, meine Verehrten, rind laufen Sie nicht ängstlich davon. Diese in der Luft schwebende Hand hat keine unnatürlichen Zwecke und Eigenthiimlichkeiten. Es ist eine ganz einfache Sache: ein gemaltes Zeichen für irgend einen Handschuhmacher, das man in die Luft hinausgehängt hat. Der große Farbenflecken soll dort austrocknen. In dem Hause, dem Thore gegenüber, wohnt Moischc, der Wände und Schildermaler. Er ist ein wahrer Wohlthäter von Schimele's Kindern und besonders der kleinen Esther. Er bereitet ihnen immer neue und freudige Ueberraschnngen. Einmal sehen sie

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