Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 Einzelheiten erläutern, geschweige denn die ganze Lebensatmosphäre? — das weiß ja der Leser zum größten Theil selber, und was er nicht weiß, wird er leicht instinktiv ergänzen. Eigentliche Erläuterungen wird man im Texte beider Novellen selten finden; verweilt der Dichter ab und zu bei einer Besonderheit, so geschieht es nur, weil sich daran ein humoristischer Exkurs kntipfen läßt. „Was der Eiruw sei, brauchen wir hoffentlich unseren frommen Lesern nicht zu sagen," oder über das „Taiicheicho“: „Wer bewandert ist in der heiligen Thora, der weiß cs, daß an zwei Stellen die schrecklichsten Strafandrohungen angesiihrt sind" 11. s. w. Und was nun folgt, ist so barock und setzt so Vielerlei voraus, daß es dem Leser, der wirklich Orientirung darüber bedürfte, schlecht dienen würde. Und vollends wird kein Wort darüber verloren, was „Leigen-Eühven“ | heißt und was ein .Kalla-Tanz" und was ein ,M/.ma-Tanz" ist und wie eigentlich eine „Cliuppo“ aussieht u. s. w., u. s. w. Was aber das Zweite, jene Befangenheit betrifft — du lieber Gott, wir sind ja unter uns, es hört kein Fremder zu, warum sollten wir nicht frei von der Leber weg sprechen?! Der Aberglaube, die Ketten, die der Fanatismus um den Einzelnen legt, — wir wissen ja, wie das gekommen ist! . . . Völlig unbefangen ist namentlich „Vögele"; beim „Gibbor" scheint mir der Dichter doch schon die Möglichkeit berücksichtigt zn haben, daß, um im Bilde zu bleiben, „ein Fremder zuhöre." Es wird wenig mehr von Fanatismus erzählt und mindestens an zwei Stellen sind erläuternde Exkurse cingeschoben, wie sie z. B. Kompert auch giebt: über die Einschränkung des Hansirhandels und über das „Chazoss-1. Aber das sind Ausnahmen : im Allgemeinen ist eben Alles als bekannt vorausgesetzt und mit beneidenswerther Harmlosigkeit vongetragen. Aber weil Alles als bekannt erachtet wird, darum kan» auch Alles berührt werden. Kein Ghetto-Novellist, der auch für Christen schreibt, kann alle Lebensbeziehungen in dem Maße erschöpfen oder doch streifen, wie es Bernstein thnt, eben weil er zu viel erläutern müßte; unseres Dichters Hörerkreis ist ein engerer, aber in demselben Maße, das, was er ihm bietet, von reicherer Fülle an charakteristischem Detail, von größerer, ja von vollkommener Lebenswahrhcit auch in den »nbedentendste» Zügen. Eben darum kann aber auch Bernslcin geben, was sich jene Andern versagen müssen, weil ihre Leser sie nicht verstehen würden: Wortwitz im Jargon oder in hebräischer Sprache, Proben talmudischer Dialektik oder gar kabbalistischer Mystik. Kein Zweifel, so tief in jüdische Gelehrsamkeit führt kein Anderer hinein. Warum nicht? Gewiß ist Bernstein unter allen deutschen Novellisten dieser Gattung der talmudijch gelehrteste Mann gewesen. Aber auch Auerbach und Kompert kannten den Talmud genau und Hütten mehr geben können, als! sie gaben. Was sie daran hinderte, war ein künstlerischer Kalkül. Auch der Ton der Darstellung ist ein ganz einziger, sofern man nur an hochdeutsche Novellen denkt; für mich liegt in diesem Ton mit der stärkste Reiz dieser Dichtungen, und weil er im „Vögele" »och ungleich ausgeprägter ist als im „Gibbor", darum ist mir diese erste Novelle fast noch lieber als die zweite, so sehr der Kunstverstand diese Abschätzung des Gemüths verwerfen mag. Woran mich der Ton im „Vögele" erinnert? Als ich in den oberen Klassen des Gymnasiums mich allinählich immer mehr für das Leben meiner Glaubensgenossen zu interessiren begann und an Sabbath - Nachmittagen oft in das Ghetto von Czernowitz, die „Wassergasse", kam, besrlchte ich auch regelmäßig meinen Schneider — Meierl Strisower hieß er und war ein kleines, dürftiges Männchen mit einem häßlichen, verkümmerten Gesichtchen. Ich will's nur gestehen, ich kam anfangs blos, weil er eine wunderschöne Tochter hatte, die arme, gute, brave Rachel mit den strahlenden blauen Augen, die ich ganz so, wie sie war, in eine meiner Novelle.! gesetzt habe, aber dann, als die Rachel verheirathet, und später, arsie tobt war, bin ich doch jeden Sonnabend bei Meierl Strisowc in der dumpfigen Stube gesessen, immer, selbst wenn mich die Fra - Bürgermeisterin zum Tanzkränzchen eingeladen hatte; Meierl wa> eben viel unterhaltender. Er hatte wenig gelernt, verstand stimme: lich Hebräisch und kannte keinen deutschen Buchstaben; die einzig Nahrung seines Geistes waren „Weiberbücher" im Jargon nn hebräischen Lettern gedruckt — aber wie konnte er erzählen! Krausen phantastisches Zeug, was er da eben gelesen hatte, oder, in gena: derselben Tonart, Ereignisse der „Wassergaffe", Wahrheit und Dichtun, bunt durcheinander; er selbst wußte sie nicht recht zu scheiden; men > kleiner Meierl war eben ein Dichter. Ach, und was für Einer! - ich kenne manchen Mann, der eine ganze Bibliothek hat druckelassen und nicht so viel Poesie im Leibe hat wie mein Meierl mi der schiefen Nase. Im Speziellen: ein naiver Poet, harmlos unkindlich, dabei voll Humor, aber zuweilen blitzte es auch wie Ironie auf, oder richtiger: wie vollbewußter, befreiender Humor, denn Meierl stand innerlich über dcir Nachbarn, von denen er erzählte das waren „Chassidim“, er aber ein „Msnagiä"; er wußte sogar glaub' ich, daß die Religion mehr Herzenssache sein muß als etwa: Anderes, wenigstens Hab' ich einmal etwas wie Cigaretten-Rauch - | sei ruhig. Meierl, ich will dich auch heute nicht verrathen! Nun denn, wenn ich im „Vögele" lese und bei einzelnen Stellen de: „Gibbor" klingt's in mir auf: „Das könnte Meierl gesagt haben!" und wie ich so Seite um Seite überlese — ganz langsam, ich lese Bernstein so, wie ich was Gutes esse — sitze ich wieder in dem dumpfen Stübchen in der Wassergasse in Czernowitz und fahre erstaunt auf, wenn mein Blick dann auf die grünen Wipfel de: Berliner Thiergartens fällt. . . . Gewiß, es giebt Unterschiede genug zwischen einem unserer besten Ghettodichter und meinem Schneider, aber der Ton klingt ähnlich, merkwürdig ähnlich; Beide haben den „Zeno ureno“ und den „Simclias nefescli“ gelesen, und wie die krausen Bücher heißen mögen, und Beide erzählen von Menschen, die sie gekannt haben, harmlos, naiv, bis der Humor durchbricht und »ns belehrt: sie stehen doch über ihren Gestalten, so sehr sie selber im Ghetto wurzeln. ... Die Eigenthümlichkeit Bernsteins, auch seine eigenen Ausführungen dialektisch zu färben, trägt sehr zu diesem Eindruck bei, aber sie allein macht's nicht; es ist auch all'das darin, was ich eben mit Hilfe meines alten Freundes Meierl dem Leser klarzumachen versucht habe. Schon daraus ergiebt sich, daß die ganze Empfindungsweise in diesen Novellen eine durch und durch jüdische ist... Ihr lieben Leut'! mit den guten jüdischen Herzen, kommt, hört z», lote es in Jnowrazlaw und Fordon vor dreißig Jahren ansgesehen hat; ich war selbst dort und Hab' selbst einen Kaftan und „Peies" getragen — ich kann's Euch also genau? — und warum sollten wir uns nicht einmal mitten in dieser neuen Zeit der alten Jüdischkeit erinnern?! — so etwa ließe sich Bernsteins Gemüthsverhältniß zi> seinem Stoff ausdrücken. Es ist ans jeder Zeile herauszufühlen, und wer dies begreift, wird auch Bernsteins Lob des jüdischen Stammes nicht inißverstehen. Es ist keine Spur national-jüdischer Tendenz darin, nur eben harmloses, naives Behagen an der eigeneil Art, so weit es eben unleugbar eine gute Art ist. So allein ist die Aeußerung zn verstehen: „Man nahm die „Abgebrannten" gerne bei sich auf und leistete ihnen mit wahrhaft stidischem Herzen treue Liebesdienste", oder das Lob der Allswanderer, „die in der Fremde höchst selten das jüdische Gemüth einbüßen"; und dasselbe Behagen findet zuweilen seinen humoristischen Ausdruck: „Auch einige Christen wohnten hin und wieder zerstreut unter ihnen; aber daß wir es nur zur Beschämung aller