Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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B. in Württemberg- Sachsen, Hessen, Kassel, Hannover, den meisten kleineren deutschen Ländern, außer Preußen fast in ganz Deutschland, ohne harte Kämpfe vor sich gegangen. Freilich erzeugen sich auch unter den Männern der Wissenschaft verschiedenartige, sogar gegensätzliche Standpunkte; doch auf einem gemeinschaftlichen Boden wurzelnd haben sie weniger unmittelbaren Einfluß auf das Leben; jene tiefe Spaltung dogmatischer Divergenzen, wie sie heut zu Tag sich kund giebt, ist dem Judenthum fremd: Das Ceremonialgesetz betrachtet bereits die größere, von der milderen Gesinnung der Zeit durchdrungene Mehrzahl nicht mehr als ein nothwendiges Erforderniß zur Seligkeit, und somit fällt auch hier der Grund zu einem unvereinbaren Schisma hinweg. £ Aus dieser Darstellung geht wohl zur Genüge hervor, welchen Standpunkt Geiger mit vielen Anderen in der gegenwärtigen Entwickelung des Judenthums einnimmt, daß er eine Sekte weder gestiftet hat, noch zu stiften im Schilde führe. Wenn er mehr Opposition gefunden hat als andre jüngere Rabbiner, so mag dies zum Theil an seiner Persönlichkeit liegen, zum größeren Theil aber an der Desorganisation der Synagoge in Preußen, vermöge deren der isolirtesten Opposition einzelner Gemeindeglieder eine ungebührliche Bedeutung beigelegt wird. Was nun die projektirte Fortsetzung seiner 1835 begonnenen Zeitschrift betrifft, so rechtfertigt dieselbe, als ein rein wissenschaftliches Institut, keineswegs die Besorgnisse des Herrn Ober-Präsidenten v. M., wovon ein Blick in die bereits erschienenen vier Bände überzeugen wird. Sie wird in starken Heften ausgegeben, ist also nur für Gelehrte, keineswegs für das größere Publikum berechnet, da sie überdies gänzlich darauf verzichtet, demselben Neuigkeiten mitzutheilen. Sie ist vielmehr ein Archiv für jüdische Wissenschaft, dergleichen kein anderes in Deutschland erscheint, da die übrigen Blätter dieser Art eine mehr populäre Tendenz haben. Wollte der Herausgeber den Titel ändern und die einzelnen Hefte, wie Theile eines Buches, in unregelmäßigen Zeiträumen erscheinen lassen, so würde er sich der Verpflichtung zur Einholung einer Konzession gänzlich entziehen dürfen. In Leipzig geduldet, würde diese Zeitschrift > unter keinem Vorwände verboten werden können, wie denn die früheren! in Stuttgart und Frankfurt a. Main erschienenen Bände ohne Weiteres! bei uns zugelassen worden sind. Es waltet demnach von keiner Seite j irgend ein Bedenken gegen die Konzesstonirung der in Rede stehenden , Zeitschrift vor, ja es darf erwartet werden, daß sie zur gegenseitigen! Verständigung der Parteien wesentlich beitragen wird.! •f* ä Den Gründen des Herrn Ministers des Innern und der Polizei j in Beziehung auf ein von den drei Censur - Ministerien an Se. Maj.; den König zu stellendes Jmmediat-Gesuch wegen Aufhebung der Kabinets-; ordre vom Jahre 1823 vollkommen beistimmend, verweise ich auf meine j obige Darstellung, stimme jedoch dafür, diese Sache von der Konzesstonirung j gänzlich zu trennen, da 1. die besagte Kabinetsordre nur für Berlin er-; lassen ist, 2. die Tendenz der projektirten Zeitschrift mir dem Geiste jener Kabinetsordre durchaus nicht kollidirt. Ueber A. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. V. >m Jude, der für Juden schreibt — das erweisen auch Art und Ton der Darstellung. Auch nach dieser Hinsicht sind beide Novellen ganz einzig, und eine Betrachtung ihrer Besonderheit führt naturgemäß zu einem Ausblick aus die ganze Gattung. Ich glaube ihn mir hier umsoweniger versagen zu sollen, als ja die Ghetto-Novelle, was ihre litterar-historische und namentlich auch, was ihre ästhetische Würdigung anbetrifft, als rechtes Aschenbrödel unter ihre» Schwestern dasteht. Wer jüdisches Leben in seiner ursprünglichen religiösen und nationalen Form zu schildern oder sein Eiumiinden in den Strom allgemeiner Kultur, die Anläufe zur Verschmelzung mit andern Nationen dazustellen vorhat, muß, sofern er für Jedermann verständlich sein will, die überall» schwierige Aufgabe lösen, dem Leser alle Besonderheiten dieses Lebens zu erklären. Je weniger er als bekannt voraussetzt, desto richtiger handelt er, eben weil auch Unzähliges an Sitten, Bräuchen, Einrichtungen, das der nationale Jude scheinbar mit dem Andersgläubigen gemeinsam hat, für das er dieselben Bezeichnungen gebraucht, doch hier eine charakteristische Ausprägung erfahren hat; Unzähliges wieder ist nur dem Judenthum eigenthümlich. Der Erzähler darf keinen Augenblick vergessen: „Das ist eine Welt für sich, und ich muß sie dem Leser ganz verständlich machen, sonst bleiben ihm eben auch meine Gestalten und ihre Konflikte fremd." Schon dies wäre Schwierigkeit genug, eine weit größere z. B., als dem deutschen Leser Geschichten ans slavischem Dorfleben zu erzählen; der Auschauungskreis eines Naturvolkes ist ein begrenzter, seine Lebensbeziehungeu einfach; hier aber handelt es sich um ein uraltes Kulturvolk mit tausend und abertausend feinst nusgebildeteu, zugespitzten, ja überspitzten Lebensformen. Nun wohl, ivird man sagen, etwa dieselbe Schwierigkeit, die Bulwer besiegen mußte, lveuu er altrömisches, Flanbert, wenn er karthagisches, C. F. Meyer, wenn er italienisches Leben der Reuaiffauce zu schildern hatte. Nein, erwiedere ich, eine größere, denn die alten Karthager sind tobt, die Juden aber lebe» noch und sind noch heute, was sie vor Jahrtausenden waren: ein Gegenstand des Hasses, des Borurtheils, im besten Falle für Einige ein Gegenstand des Mitleids, kurz, einer Empfindung, die ein sachliches Urtheil behindert. Nun muß aber dem ehrlichen Künstler an dieser Objektivität des Lesers Alles gelegen sein, und zwar gleichviel, welche Tendenz er verfolgt, denn künstlerisch einen Tendenzzweck anstreben, heißt ja nicht lügen und das Leben anders darstellen als es ist — Wahrheit will der Dichter jedenfalls bieten, d. h. die Juden so darstelleu, wie sie ihm selbst erscheinen, wie sie nach seiner Ueberzengung sind. Aber wie soll ihm der von Vorurtheil befangene Leser Glauben schenken? Und darum darf sich der Ghetto-Novellist nicht damit begnügen, zu schildern, er muß seinen Schilderungen auch überzeugende Kraft geben: er muß, wo er Gutes oder Schlimmes schildert, auch sagen, wie es sich aus den ethnographischen, historischen, religiösen oder sozialen Verhältnisse» erklärt. Wie nun soll er dies Alles vollbringe»? Etwa durch Anmerkungen, die erläutern, die Wahrheit betheueru oder gar polemisiren? Es hat nie an Erzählern gefehlt, die sich so geholfen haben, aber wie kümmerlich, unkünstlerisch und obendrein wenig wirksam ist dies Mittel! Oder soll er diese Exkurse dem Text einfügeu? Dadurch würde die Sache nur noch schlimmer. Es gilt also, all’ dies Material so in die künstlerische Darstellung eiuzuschmelzen, daß es ihren Fluß nicht stört und als ihr organischer Bestandtheil erscheint. Das ist Wenigen oft und Keinem immer gelungen, und wo cs gelang, da ist zuweilen entweder charakteristisches Detail oder gar die Wahrheit geopfert worden. Zum Glück nicht immer; zuweilen doch. Aber selbst an vortrefflichen Werken dieser Gattung kann ein scharfes Auge oder doch mindestens das Auge eines, der die gleiche Kunst übt, Spuren der Mühe und Befangenheit des Dichters gewahren. Er sagt die Wahrheit, ist aber stets vor Mißdeutung aus der Hut. Wie anders Bernstein! Kein Ballast von Erläuterungen beschwert die Darstellung, die behaglich und ungezwungen dahinfließt, vollends ist da kein Hauch jener Befangenheit zu spüren. Wozu auch