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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-14 · Heft 24 (14.6.1895) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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284 Machinationen der Gegner, und speziell von der Bemühung Veits, scheint also auch mein Vater nichts gewußt zu haben. Veits Denkschrift ist ein außerordentlich merkwürdiges Aktenstück. Es macht dem Verfasser, der auch später für Freiheit der Presse mannhaft und glücklich eintrat, große Ehre. Um so größere, als die Denkschrift für die Bestrebungen eines Mannes eintritt, die dem Gutachter nicht vollständig sympathisch waren. Schon wegen dieser seltenen Großheit der Anschauung, aber auch wegen der Klarheit der Auffassung und der Vortrefflichkeit der Darstellung verdient das Altenstück eine unverkürzte Wiedergabe. Es lautet: 11. Februar 41. Es ist mit großer Bestimmtheit behauptet worden, Geiger sei das Haupt einer Partei unter den Juden, die darauf ausgehe, eine neue Sekte zu stiften; eine Behauptung dieser Art kann nur bei Solchen Eingang finden, welche, ohne die Entwickelung des Judenthums zu kennen, dasselbe nach vereinzelten Thatsachen aus der Geschichte des Tages beurtheilen, an welche sie einen fremden Maßstab anlegen. Das Mittelalter der deutschen Juden hat bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts gedauert, und gerade die beiden letzten Jahrhunderte desselben sind die finstersten gewesen, am meisten abgewendet von dem allgemeinen geistigen und geschichtlichen Leben der Zeit. Während frühere Jahrhunderte eine seltene Blüthe des Geistes in Spanien, Italien, Frankreich erlebt hatten, schien im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts der Lebenstrieb im Judenthum erloschen, die strengste Orthodoxie hatte über das ganze bürgerliche und gesellige Leben der Juden ein eisernes Netz gesponnnen, die ehemals warmen und flüssigen Formen waren erkaltet und erstarrt, das Auge des Verstandes und der Wissenschaft erblindete, und wenn auch der Kern der Sittlichkeit unberührt blieb, so war er doch in Gefahr, von dem Schlingkraut äußerlicher Formen überwuchert zu werden. Polen, das unerschöpfliche Reservoir talmudischer Gelehrsamkeit, beherrschte mit Ausnahme der portugiesischen (Nachkommen der spanischen und portugiesischen Flüchtlinge) die Juden von ganz Europa, namentlich aber von Deutschland, Rabbiner, Lehrer, Prediger wurden aus Polen verschrieben, und selbst die Deutschen, die zu solchen Aemtern sich geschickt fühlten, mußten sich nach polnischen Vorbildern richten, um Geltung und Ansehen zu gewinnen. Die deutsche Wissenschaft hat dem Judenthum eine neue Zeit heraufgeführt; sie war der Boden, in dem sie Wurzel faßten, an welchem sie eine neue Heimath gewannen. Moses Mendelssohn war der Erste, der durch Lehre und Beispiel den Bund mit der Wissenschaft schloß, ihm folgten Schüler und Freunde. Dreifacher Art war die durch diese Reaktion gegen die polnische Orthodoxie bedingte Thätigkeit, und es braucht wohl nicht hinzugefügt zu werden, daß Berlin lange Zeit hindurch das Herz derselben gewesen ist. 1. Da es vor Allem darauf ankam, an die Gegenwart, zunächst an das deutsche Vaterland sich anzuschließen, so ging die erste Sorge dahin, die Jugend in deutscher Sprache und Wissenschaft, je nach Fähigkeit und Beruf zu unterrichten, neben den religiösen und sittlichen auch bürgerliche Tugenden ihnen einzupflanzen, um sie nicht hinter der Bildung der Zeit Zurückbleiben zu lassen. 2. Einer so gebildeten, dem allgemeinen Weltverkehr zurückgegebenen Generation mußten aber auch Meinungen und Formen innerhalb des Judenthums begegnen, mit denen sich auszusöhnen schwer, ja unmöglich schien, und so ergab sich eine Reaktion im kirchlichen und religiösen Leben des Judenthums, die sich bis auf unsere Tage fortgesetzt hat und eben im Begriff zu sein scheint, neue Gestalt und lebendige Form zu gewinnen. An der deutschen Wissenschaft war endlich drittens ein Maßstab gewonnen, der, auf eigene Geschichte und die reiche Litteratur der Juden angewendet, dieselbe in ganz neuem Lichte erscheinen ließ. Man hatte das Mittel gefunden, den Werth oder den Unwerth, der von der Vergangenheit überkommenen Institutionen an ihnen selbst, an der Geschichte ihrer eigenen Entwickelung zu prüfen und abzuwägen und somit war die Wissenschaft die echte und einzige Vermittlung zwischen blindem Autoritätsglauben und gleichgiltigem Verwerfen geworden. Diese dreifachen Richtungen waren keineswegs zu gleicher Zeit, sondern, der Natur der Sache nach, successive ins Leben getreten. Denn so lange Bildung und Kenntniß die Sache weniger Bevorzugter war, konnten diese Wenigen das Bedürsniß reinerer Formen mit der Geduld der Weisen in ihrem Innern verschließen, sobald aber die Erkenntniß von den Höhen in die Thäler sich gesenkt und die Mengen durchdrungehatte, wurden Wünsche und Versuche laut. Zuerst freilich ungeschickt' und voreilige, denn es ist eine allgemeine Erfahrung, daß das Neue zu erst in fremden Formen auftritt. Zudem gehörten die damaligen Won führer — wir sprechen von den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhundert' — ihrer Erziehung nach der französischen Bildung des vorigen Jahr Hunderts, und näher der allgemeinen deutschen Bibliothek an. Davi - Friedländers Sendschreiben an Teller bezeichnet diese Richtung, die aller dings eine rein theistische gewesen ist und die historische Grundlage utr Entwickelung der Synagoge überall beseitigt hat, wo sie nicht in di An- und Absichten der improvisirten Reformatoren hineinpaßte. Währen die eigentliche Aufgabe darin besteht, die alten synagogalen Formen nni Hinwegräumung des Ueberflüssigen und Mißbräuchlichen, das im Laus, der Jahrtausende angeschwemmt wurde, auf ihre ursprüngliche Kral und Würde zurückzuführen, wodurch von selbst alles Anstößige und Bc leidigende entfernt würde, ließen sich jene Männer beikommen, für ihr rein theistischen Begriffe beliebig ausgewählte und umgestaltete Former der Synagoge zu entlehnen, d. h. für eine Ansicht, die der kirchlicher Formen gar nicht bedarf, gleichwohl solche Formen zu erschaffen. Sinmeisten verlor dabei die größere Mehrzahl der Gemeinde, die allerdings nach einer Belebung und theilweisen Umgestaltung des Veralteten Ver langen trug, an solcher Scheinblüthe aber sich nicht ergötzen konnte Daher kam es, daß jene meist den wohlhabenderen Ständen ungehörigen durch persönliche Geltung und Ehrenhaftigkeit ausgezeichneten Wort führer sich von der Gemeinde absonderten und zu gottesdienstlicher Privatvereinen (Tempelverein) zusammenthaten, wo jede noch so gemalt same Abweichung um so mehr im Voraus gebilligt war, als man es ja hier nicht mit der vielgestaltigen Masse einer kirchlichen Gemeinschaft, sondern mit einer Gesellschaft Gleichgesinnter zu thun hatte. Diese Richtung war es eigentlich, gegen welche die Kabinetsordre vom Jahre 1823 gerichtet ist. Sie zerstörte eine künstliche Scheinbildung, die den Keim des Todes in sich selber trug, hemmte aber auch den wahren geschichtlich begründeten Fortschritt, indem sie (zunächst sich auf Berlin beschränkend) jede Neuerung in dem überkommenen Zustand der Synagoge untersagte, d. h. ohne es selbst zu wissen und zu wollen - die Herrschafl des polnischen Rabbinismus über Deutschland verewigte. Anstatt die Juden dem Christenthum näher zu führen, indem man die Regeneration ihrer eignen kirchlichen Formen gewaltsam unterdrückte, wurde gerade das Gegentheil durch jene Kabinetsordre bewirkt, eine tiefere Spaltung als jemals stellte sich heraus; die Formgläubigen frohlockten und hielten mit erneutem Fanatismus an jedem Buchstaben der Tradition fest; die höher Gebildeten, die bei der hergebrachten Weise religiöser Erziehung und gottesdienstlicher Formen sich nicht befriedigen konnten, wandten sich zum großen Theil gleichgiltig ab und überließen Kirche und Schule ihrem Schicksal. Hier nun trat, wie ich oben ausgeführt habe, die Wissenschaft vermittelnd ein. Das Bewußtsein, auf geschichtlichem Boden zu stehen und daher im Verein mit der Gesammtheit fortschreiten zu können, erwachte in den Gemüthern, der blind reformatorische Trieb fand Maß und Begrenzung, man wurde sich des Zieles und der Mittel bewußt, und wunderbar, der Aufschwung der deutschen Juden war so gewaltig, daß er bereits auf Polen rückzuwirken beginnt und sich mit der Zeit gewiß ein umgekehrtes Verhältniß gegen das frühere Herausstellen wird. In der Schule der Wissenschaft bildete sich eine Anzahl jüngerer Gelehrten, die durch Rede und Schrift, als Rabbiner und Schulmänner in der oben angedeuteten versöhnlichen Weise zu wirken mit größerem oder geringerem Erfolg begonnen haben. Unter die talentvollsten dieser Tendenz gehört auch Abraham Geiger, der also, weit entfernt von separatistischen Bestrebungen, eine Ausgleichung der Gegensätze erstrebte, die allerdings mit der Zeit eine Umgestaltung des kirchlichen Lebens herbeiführen muß, aber eine solche, an der nicht Einzelne, sondern Alle Theil nehmen sollen. Diese Bewegung ist eine so rechtmäßige und nothwendige, daß sie vom Staat nur gefördert und geleitet, aber nicht niedergehalten werden kann; will man aber, ehe der Staat sie anerkennt, vorher wissen, wohin diese Bewegung führen werde, so muß darauf erwiedert werden, daß solcher Vorwitz keiner irdischen Macht, aiso auch dem Staate nicht, zukommt, sondern daß man die Zukunft getrost Demjenigen anheimstellen mag, der die Herzen der Menschen lenkt. Und warum wollen wir nicht von andern deutschen Staaten lernen? Ueberall, wo die Regierungen die inneren Angelegenheiten der Juden organisirt und die Bestrebungen wissenschaftlich gebildeter Rabbinen unter-

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