Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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283 religiösen Lebens, so mögen sie die Gewissen der Eltern schärfen. — Jedenfalls kann angesichts der vorstehend geschilderten Verhältnisse auf unfern städtischen Gemeindeschulen, denen überdies die Religionsschulen der jüdischen Gemeinde in ihren Bestrebungen zur Seite gehen, ohne Verletzung der Wahrheit die Behauptung fürder nicht aufgestellt werden, daß es unfern Kommunalschülern an Gelegenheit fehle, jüdischen Religionsunterricht zu nehmen. Aus M. Werts Nachlaß. Mittheilungen von Prof. Dr. Ludwig Geiger. Veits Denkschrift über Geigers Zeitschrift (1841). j fett Lesern, die diese Mittheilungen aufnierksam verfolgen, ist j es vielleicht aufgefallen, Abraham Geigers Namen bisher so! gut wie gar nicht begegnet zu sein. Doch ist der Grund dafür j leicht zu finden. Die Stellung meines Vaters als eines Führers der! Reformbewegnng war Veit nicht sympathisch. Er gehörte einer positiven Richtung an. Für Männer wie ihn, die vollgenährt waren mit deutscher Bildung und durch ihre ganze geschichtliche Auffassung zur Idee eines Fortschreitens gedrängt waren, ist die Bezeichnung! „orthodox" ynpaffend, mindestens zu eng. Jedenfalls hatte er für i das Judenthum eine tiefe Pietät und besaß eine starke Gläubigkeit. j Ohne sich in theologische Diskussionen einzulassen, hielt er an den Grundsätzen und an den Gebräuchen seines Ganbens fest. Wie seine Mutter, unverbrüchlich stark und fest, so liebte er seine Religion. Wie er die Gewohnheiten und Liebhabereien der alten Frau ehrte, so respektirte er die Vorschriften tmd Gebräuche, die sein Glatibe vvrschrieb. Nicht, daß er sie alle pünktlich und peinlich befolgte, doch liebte er es, daß in der Gemeinde, der er Vorstand, an der alten Norm ivenig gerüttelt tvtirde. Dartnn verhielt er sich ablehnend! gegen die Reformbestrebungen, die gerade in der Zeit seiner Jugend - io mächtig und erfolgverheißend sich regten, und hatte, er, der sonst - mit Männern aller Richtungen sich so leicht verständigen konnte, j mit den Führern der Reform keine Verbindung. Daß gerade Berlin i berufen gewesen tväre, an die Spitze dieser Neubildung zu treten j und, wie es als größte, durch Bildung und Reichthum ihrer Mitt glieder ausgezeichnetste Gemeinde in politischen und allgemeinen! Angelegenheiten die Leitung übernahm, auch in gottesdienstlichen! und Reformangelegenheiten den Vorrang unter den preußischen! Gemeinden hätte einnehme» müssen, entsprach seiner Anschauung! nicht. Für ihn war Religion nicht Sache des Verstandes, sonder» des Herzens. Mit schöner Pietät erklärte er sich alte Gebräuche, mit träumerischer Innigkeit versetzte er sich wohl in das heilige Land, als dichterisch Empfindender genoß er die Poesie der Feste. Daher feierte er, nicht aus Gewohnheit, sondern atis innerem Bedürfniß die großen jüdischen Feiertage — Neujahr und Versöhnungstag — und faitd schöne Worte zu ihrer Verklärung. So schrieb er (an seine Frau 13. Oktober 1834): „Der gestrige Tag ist uns Allen sehr gut bekommen. Viele Todesfälle, Krankheiten, die in der Gemeinde vorgekommen waren, machten den Tag zu einem besonders bewegten. Sachs hat dreimal mit Geist und Kraft gesprochen. Die wunderbar mächtige, die Gemüther überwältigende Institution des Neujahrs- und Versöhnungstages ist ein Band, das um die jüdischen Gemeinden sich schlingt und mehr als der Papst und die Macht der Könige eine Einheit herstellt, die sonst nicht vorhanden, wenigstens nicht zu sichtlichem Ausdruck ausgeprägt ist." Bei der verschiedenartigen religiösen Austastung Veits und Geigers konnte sich ein rechtes Verhältniß zwischen ihnen nicht gestalte». Gekannt haben sich Beide gewiß. Während seines Berliner Aufenthaltes (1838—1840) verkehrte Geiger im Zunzschen Kreise, in dein auch Veit intim war; doch erinnere ich mich nicht, daß mein Vater bei der Schilderung jener Zeit oder sonst Veits Namen erwähnt hätte. Auch von Breslau aus gestaltete sich kein rechtes Verhältniß. Die Breslauer Korrespondenten gedenkeit Geigers selten; Veits Verbindung mit dem Breslauer Seminar, seinen Urhebern und seinem ersten Leiter tveist schon darauf hin, daß er mit Geiger und seiner Partei geringe Fühlung besaß. Es war daher gewiß nicht Mißachtung, sondert! nur Berücksichtignng der thatsächlichen Verhältnisse, daß ich in der Biographie meines Vaters (Abraham Geigers Leben in Briefen, Breslau 1878) Veits Namen zu nennen keine Veranlassung fand. Auch in Veits Nachlaß sind mir bisher nur zwei Briefe Geigers begegnet, beide Empfehlungen enthaltend. Um so verlvunderter mtißte ich sein — und ich gestehe, daß sich in diese Verwunderung freudige Erregung mischte, — als ich unter einem Hansen anderer Papiere das Konzept zu der nachfolgenden Denkschrift fand. Verstehe ich sie recht, so ist sie ein Gutachten, das Veit im Aufträge des Ministeriums schrieb. Man ivird ihn, so denke ich, als kenutnißreicheu Buchhändler, als Vorsteher der jüdischen Gemeinde, als einen Mann, dessen gemäßigter Sinn bekannt war, um eine gutachtliche Aeußernng ersucht haben. Die Sache, um die es sich handelte, ist folgende: Geiger gab (1835—1839) die „Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie" heraus, deren vier Bände in Frankfurt und Stuttgart erschienen. Bei der Uebersiedlung nach Breslau war eine Fortsetzung der Zeitschrift nicht geplant, weil größere wissenschaftliche Arbeiten nun vorgenommcn werden sollten (Vgl. Geigers Leben S. 70—144). Trotzdem machten die Breslauer Kämpfe, die geradezu unerhörten schriftstellerischen Angriffe der Gegner die Beibehaltung oder Fortführung eines Organs nöthig, über das man vollständig verfügen konnte. Zur Herausgabe der Zeitschrift, die natürlich in Breslau erscheinen sollte, bedurfte es der obrigkeitlichen Genehmiguug. Es scheint, daß die Gegner versuchten, diese Erlanbniß zu hintertreiben, unter dem Vorgebe», Geiger wolle eine neue Sette begründen und deren Unterstützung die Zeitschrift dienstbar machen. In den mir früher bekannten Briefen meines Vaters finde ich keine Erwähnung derartiger Machinationen; am 16. Dezember 1840 (Geigers Leben Seite 154) schrieb er au Zunz, daß er die Erlanbniß noch nicht habe, aber zu erlangen hoffe. Etwas ausführlicher auf die Sache ging er in den (ungedruckten) Briefen an Jos. Dereubnrg ein, die seit Kurzem in meinem Besitz sind. Am 3. Dezember 1840 meldete er, daß er der Erlaubuiß eutgegensehe und sendete die gedruckte Ankündigung. Am 0. April 1841 berichtete er, daß er die Genehmigung noch immer nicht hätte und bemerkte: „Worin der Grund zu dieser Zögerung liegt, weiß ich freilich nicht, ob in der ganzen unbehaglichen Stellung, in welcher sich die Staatsbehörde noch immer gegenüber dem Judenthum und namentlich den neueren Bestrebungen in demselben befindet, oder auch in der Oeffentlichkeitsscheu oder auch in der Persönlichkeit des berichtenden Oberpräsidenten, mit dem ich bereits früher ein persönliches Rencontre von peinlicher Härte hatte. Kurz und gut, ich habe die Erlaubuiß noch nicht, steife mich aber darauf, sie erlangen zu müssen, weshalb ich auch heute nochmals an das Ministerium schreiben tverde. Man muß in Preußen, tvo man eine Sache durch Herumziehen begraben zu können meint, nur beharrlich sein, um etwas durchznführen, und ich werde es sein." Erst am 20. Juli 1841 meldete er, daß die Erlaubnis; „endlich eingetrossen", auch der Ceusor bestellt sei; nun trat der Verleger, „der in der langen Zögerung von Seiten der Regierung ungünstige Aspekten" sah, zurück, und ein Anderer mußte gesucht werden, der in Levysohu in Grünberg gefunden wttrde. Von den