Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
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280 Aus dieser Zusammenstellung ergiebt sich zunächst, daß bisher in keiner der königlichen Anstalten, der sechs Gymnasien, des Realgymnasiums und der beiden Töchterschulen, in jüdischer Religion unterrichtet worden ist. Es ist aber mit Sicherheit zu erwarten, daß dieser auffallende, fast unerklärliche Zustand einein bessern und gerechten weichen wird, da die Verhandlungen hierüber dem Abschlüsse nahe sind. Die königlichen Gymnasien werden besucht von insgesaunut 8404 Schüler», darunter sind 573 jüdische Schüler, d. i. 10,8 v. H. Das königliche Realgymnasium hat 8,0 v. H. jüdische Schüler. Bon den beide» königlichen Töchterschulen ist ein Jahresbericht nur über die Elisabethschule erschienen, hier sind 127 jiidische Schülerinnen ohne Religionsunterricht in ihrer Schule. Ganz anders steht es in den städtischen Gymnasien mit dem Religionsunterricht; dieser wird in 0 von den 11 Gymnasien ertheilt. Von den 1291 jüdischen Schülern, die 25 v. H. der Gesammtzahl ausmachen, haben 955, d. h. 74 v. H., Gelegenheit, an ihrer Anstalt jüdischen Religionsunterricht zu genießen, und nur 880, d. i. 20 b. H., entbehren ihn. lieber die Betheiligung und Befreiung geben bei weitem nicht alle Jahresberichte Aufschluß; an einer der Anstalten nahmen von 184 jüdischen Schülern im Sommerhalbjahr 1894 nur 115, im Winterhalbjahr 1894/95 110 Schüler Theil. Ich will keine Vermuthungen darüber wagen, was etwa 70 Schüler von dem Unterricht sernhält, sollte es belieben, Behörden oder Beamte dafür verantwortlich zu machen, so bin ich auf den Beweis für eine mir ungeheuerlich erscheinende Anschuldigung neugierig. Von den 5 Gymnasien, an denen jüdischer Religionsunterricht nicht ertheilt wird, hat eins nur 17, ein anderes nur 29, ein drittes allerdings 70 und die beiden andern sogar über 100 jüdische Schüler. Noch erfreulicher als bei de» städtischen Gymnasien stellt sich das Ergebniß bei den siebe» städtischen Realgyinnasieu, an welchen unter 3938 Schülern 749 jüdische Schüler, d. i. 19 v. H., sind. An vier Realgyuinasien wird jüdischer Religionsunterricht ertheilt, so daß 581 jüdische Schüler, d. i. 77,5 v. H., an ihren Anstalten diesen Unterricht genießen können und nur 108, d. i. 22,5 v. H., nicht in derselben Lage sind. Soweit die Jahresberichte hierüber Auskunft erlheile», ist hier die Betheiligung jüdischer Schüler eine stärkere als an den Gymnasien; denn in einer der Anstalten sind nur 14,4 v. H. dispensirt, an einer andern waren im Winter 1894/95 9.8 v. H., wie es im Jahresbericht heißt, „auf schriftlich erklärten Wunsch des Vaters von der Theilnahme am jüdischen Religionsunterricht der Schule befreit, nachdem nachgewiesen, daß sie anderweitig Religionsunterricht erhalten." In diesem Sommerhalbjahr ist der Prozentsatz der Dispensirten sogar unter 4 geblieben. Von derselben Anstalt haben 10 Schüler neben dem dort ertheilten noch Unterricht im Hause oder in einer Religionsschule. An den beiden Oberrealschulen sind nur 10,8 v. H. jüdische Schüler, an der einen Anstalt, an welcher fast doppelt soviel jüdische Schüler sind als an der andern, wird jüdischer Religionsunterricht ertheilt. Den geringsten Prozentsatz jüdischer Schüler weisen die städtischen Realschulen auf, deren Zahl bis Ostern 11 betrug. Diese besuchen nur 7,8 v. H. jüdische Schüler; da nur an drei Anstalten (II, IV und VIII) jüdischer Religionsunterricht eingeführt ist, so können ihn nur 89.8 v. H. genieße», 00,2 v. H. nicht. >Der Besuch des Unterrichts seitens der jüdischen Schüler scheint aber recht rege zu sein, wenigstens nahmen an der einen Anstalt von 48 Schülern im Winterhalbjahr 41 Theil. Das; an 8 Anstalten der Unterricht nicht ertheilt wird, erscheint lveniger auffallend, wenn man bedenkt, daß von diesen nur zwei, die I. und X., so viele jüdische Schüler hat, wie zur Einführung des Religionsunterrichts ausreichen und berechtigen. An allen städtischen höheren Töchterschulen wird Religionsunterricht ertheilt; die Betheiligung ist recht verschieden. Während an einer Töchterschule von 270 jüdischen Schülerinnen nur 158, an einer andern von 385 nur 250 bezw. 235 am Religionsunterricht theilgenommen haben, sind an zwei Anstalten nur 7 (im Winter 10) bezw. 3 dispensirt gewesen. Unter diesen Verhältnissen kann man keiner Behörde irgend einen Vorwurf machen; da aber Zufriedenheit Ruhe und Frieden im Gefolge Hütte, so sucht man einen andern Prügeljungen. Es ist leider öffentlich ausgesprochen worden, daß die Lehrkräfte für den jüdischen Religionsunterricht an den höheren Töchterschulen unzureichend sind. Ich muß hiergegen Verwahrung einlegen und erklären, daß nach den Erkundigungen, die ich eingezogen habe, soweit mir die Verhältnisse nicht bekannt waren, zu solchen Klagen und Beschuldigungen gewissenhaft arbeitender Lehrer und Lehrerinnen durchaus keine Veranlassung vorliegt. Nur völlige Unkenntniß der bestehenden Ordnung kann zu jener unbewiesenen und unerweislichen Behauptung verleitet haben. Ist es denn wirklich unbekannt, daß und >vo man für berechtigte Klagen Gehör findet? Wer auf Umwegen schleicht, dem wird es vielleicht gelingen zu zerstören, nimmermehr aber aufzubauen oder das, was der Verbesserung bedürftig und fähig ist, aufznfinden. Schließlich sei noch einmal darauf hingewiesen, daß in Charlottenburg an dem Realgymnasium und der Realschule trotz der geringen Zahl jüdischer Schüler, 22 und 15, jüdischer Religionsunterricht in den Lehrplan ausgenommen ist. Es verbleiben mithin au den königlichen und städtischen höheren Lehranstalten 1448 jüdische Schüler, denen die Gelegenheit nicht geboten ist, an der von ihnen besuchten Schule Religionsunterricht zu genießen. Diesen stehen bisher drei Religionsschnlen der jüdischen Gemeinde und eine ganze Anzahl privater Veranstaltungen offen, soweit die Eltern es nicht vorziehen, ihren Kindern im Hause den Unterricht ertheilen zu lassen und die Lehrer nach ihren Anforderungen zu wählen. Man sollte also meinen, daß die Religionsschulen recht stark besucht oder gar überfüllt sind. Allein es besuchen nur die 1. Religionsschule 295 Schüler „ 2. „ 215 „ 3. „ 152*) „ Also keine dieser Schulen ist gut besucht und voll besetzt, die zweite und dritte auffallend schwach, wenn man die Lage der Schulen in Betracht zieht. Die zweite Religionsschule ist nämlich in unmittelbarer Nachbarschaft dreier Schulen ohne jüdischen Religionsunterricht, des königlichen Friedrich Wilhelms-Gymnasiums, der königlichen Realschule und der königlichen Elisabethschule, mit 113 jüdischen Schülern und 127 jüdischen Schülerinnen; nicht weit davon liegt, ebenfalls ohne jüdischen Religionsunterricht, das Askanische Gymnasium »rit 111 jüdischen Schülern. In dem Bezirk der III. Religionsschule sind ebenfalls mehrere Anstalten, an welchen jüdischer Religionsunterricht noch nicht ertheilt wird, das Wilhelms-Gymnasium mit 273, das französische Gymnasium mit 133, das Prinz Heinrichs- Gymnasium mit 35 jüdischen Schülern. Wenn auch zugegeben werden muß, daß in diesem Stadttheil viel Privatunterricht in jüdischer Religion ertheilt wird, so ist doch damit der schwache Besuch der III. Religionsschule keineswegs erklärt. Elf Religionsschule», die von der jüdischen Gemeinde unterstützt werden, sind von 731 Schülern, die Religionsschule der Gemeinde *) Die Zahlen sind mir von durchaus glaubwürdiger Seite angegeben; andere Angaben scheinen also auf irgend welchem Jrrthum zu beruhen. Man spricht davon, daß die Gründung von zwei neue» Religionsschnlen in die Wege geleitet ist. (Auch uns wird diese Nachricht ans zuverlässiger Quelle bestätigt. Die Red.)