Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Nie Woche. f B erlin, 11. Juui. ie christlich-soziale Partei hat aus der Wartburg am 6. d. M. unter der Leitung Adolf Stöckers und unter Mitwirkung Adolf Wagners wieder einmal einen Parteitag abgehalten, und nachdem sie eine Zeitlang diese „Frage" in den Hintergrund hatte treten lassen, die „Judenfrage" wieder aufgerollt. In dein neuen Programm der Partei ist Punkt 2 dem Kampf gegen das „übergreifende Judenthum" und unter den Einzelforderungen Paragraph 6 der „Judenfrage" gewidmet. Dort heisst es: „1. Ausschluß der Juden aus allen obrigkeitlichen Aemtern. 2. Zulassung der Juden zu andern Aemtern und zur Advokatur nach dem Bevölkerungs-Verhältnis 3. Verhinderung des Ueberwucherns der Juden an den christlichen höheren Knaben- und Mädchenschulen und der jüdischen Lehrkräfte an den Universitäten. 4. Verbot der Judeneinwanderung. Die Herren Stöcker uud Wagner sind somit auf dem Standpunkt Böckels und Ahlwardts glücklich augelangt. * In Wien wird es immer schlimmer, wie folgender Bericht zeigt: Seit einigen Tagen sind im Vorortebezirk Währing Gerüchte verbreitet, daß Kinder von einem Manne mit rothem Bart entführt werden. Als nun kürzlich ein Jude im Kaftan daselbst seinen Bruder, der dort ein Geschäft hat, besuchen wollte und einen Kinder-Spielplatz passirte, liefen ihm einige Kinder nach. Sofort verbreitete sich das Gerücht, der Jude habe die Kinder zu rituellen Zwecken angelockt. Die angesammelte Menge bombardirte ein Gewölbe mit Steinen, so daß es geschlossen werden mußte. Die ganze verfügbare Polizeimannschaft des Bezirks mußte einschreiten, um die Menge zu zersteuen. Dagegen hat der Kaiser in Graz dem Bürgermeister seiue Entrüstung über das Treiben der Wiener Antisemiten ausgesprochen und die dortige neue Synagoge besucht, und der neue Minister Bacquehem hat im Parlament auf die Interpellation des Abgeordneten Ruß sein tiefstes Bedauern über die Vorfälle ausgesprochen und erkärt, „er habe ausreichende Vorsorge zur künftigen Hintanhaltung solcher empörenden Ausschreitungen getroffen". £ Bon Oesterreich nach Marokko! Einen weiteren sehr er- I baulichen Beitrag zu den marokkanischen Zuständen liefert nachj stehender Drahtbericht des „Bür. Reut.":! Tanger, 4. Juni. Vier Wagenladungen mit eingesalzenen j Köpfen befinden sich unterwegs von Makaresch nach Fez. Es sind! die Köpfe der aufständischen Rahamnas. In Rabat mußten die Köpfe! aufs Neue eingesalzen werden, weil sie der Verwesung nahe waren.! Die dortigen Juden mußten die Arbeit zwangsweise ver- I richten. Ver jüdische Religionsunterricht! an den öffentlichen Kchuten Berlins. Ein Bortrag im „Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen! Gemeinde", gehalten von Oberlehrer Dr. S. Blaschke.! Sehr geehrte Herren!! fas Unterrichtsfach, mit dem wir nns heute zunächst beschäftigen sollen, gehört einem Gebiete an, auf welchem unter allen unfern Glaubensgenossen Friede und Eintracht herrschen müßte. Denn mit wenigen Ausnahnien wollen wir Alle unfern Kindern Religionsunterricht ertheilen lassen; wir Alle wollen das Heranwachsende Geschlecht mit derjenigen Erkenntniß und denjenigen Kenntnissen ausstatten, durch die sie befähigt werde«:, die angestammte Religion als ein theures Gut zu erkennen, zu erhalten und, wenn es nöthig ist, zu vertheidigeii. Allein es erheben sich ungeheure Staubwolken, die einen heftigen Kainpf nicht nur zwischen de» Parteien, sondern auch innerhalb derselben zu verhüllen scheinen. Da hört man den Ruf nach Vermehrung der Religionsschulen; man möchte für jedes jüdische, schulpflichtige Kind einen Platz in einer gut und fest organisirten Religionsschule haben. Von anderer Seite ertönen Klagerufe wegen Ueberbiirdung der Schüler, wenn diese wöchentlich fünf oder sechs Stunden und darüber eine zweite Unterrichtsanstalt besuchen müssen. Man möchte — wohl mit Recht — nicht sehen, daß der jüdische Schüler an den« Tage, der ihm ein wohlverdienter Ruhetag sein soll, nach den Schulbüchern greift und beinahe ebenso lange wie an den sechs übrigen Tagen Klassenluft einathmet. Was Wunder, wenn Eltern und Kinder, die dieses Opfer an Arbeitslast und Arbeitslust bringen, erleichtert aufathmen, wenn der Knabe das dreizehnte Lebensjahr vollendet hat und die Eltern erklären, er könne jetzt des Religionsunterrichts entrathen oder sei ihm gar entwachsen. Denn es ist leider eine betrübende Thatsache, daß die Schüler zu einem erheblichen Theil nur bis zur Konfirmation die Religionsschule besuchen. Obwohl diejenigen, welche sich hierbei auf den Ausspruch eines Weisen berufen, auch die anderen Vorschriften befolgen, die derselbe Mann in demselben Satze gegeben hat? Ob ivohl ihre Söhne im fünfzehnten Lebensjahre sich mit dem Talmud beschäftigen nnb mit dem achtzehnten in die Ehe treten? Jenen Schwierigkeiten sucht man zu entgehen, indein man verlangt, daß jüdischer Religionsunterricht in den Lehrplan aller öffentlichen Schulen ausgenommen «verde. Selbst diejenigen, welche in diesem Wunsche einig sind, trelmen sich über Art uud Ziel dieses Unterrichis; die einen wünschen ihn fakultativ, die airdern obligatorisch. Vielen genügt die Lehraufgabe, die an öffentlichen Schulen bewältigt «verden kann, nicht, sie ist ihnen bald zu «veil, bald zu eng begrenzt. Schließlich hört inan laute Klagen über die Lehrkräfte, denen der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen anvertraut ist. So schwirren Rufe nach neuen Einrichtungen und Klagen über die bestehenden vurcheinander und verhindern, daß man mit Ruhe und Besonnenheit zu einer Verständigung und Einigung gelangt. Wer »nsern Vorfahren vor kaum zwei Menschenaltern davon gesprochen hatte, daß ein Unterricht in der jüdischen Religion erforderlich ist, «väre mit irgend einem jener wenig schmeichelhaften Worte bedacht worden, die ihn als einen Neuerer oder Abtrünnigen bezeichncten. Man wollte und durfte von Religionsunterricht nicht reden in den Zeiten, da Lehrhaus zugleich Bethaus, da die Achtung vor dem Lehrbuche so groß war wie vor dem Gebetbuche. Nachhaltig, ja unanslöschlich war der Eindruck auf Jeden, der in dem niedrigen Raume air langen Tischen Jung und Alt vor den großen Folianten hat sitzen sehen. Mit Ernst und Würde, wenn auch mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit wurde da vorgetragen, gefragt, geantwortet, gestritten. Das wiederholte sich an den Wochentagen nach dem Morgengebet, vor und nach km Abendgebet. Doch neben diesen lernenden Gelehrten gab es eine recht beträchtliche Anzahl Laien, die nichts oder wenig von dem Geiste besaßen, der in jenen Lehrstätten herrschte, und nur die Formen nachahmten, die sie Anderen absahen. Diese Unwissenden wurden mit Geringschätzung und Verachtung behandelt, als ob sie mit einem Fuße schon außerhalb des Judenthums ständen; und dadurch wurden sie in dem starren Festhalten an Aeußerlichkeiten bestärkt oder abgestoßen und dem Judenthum völlig entfremdet. Doch anch an das Ohr eifriger Jünger und Besucher jener Lehrstätten drang verführerisch der Glockenton der Aufklärung und