Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 24. Berlin, 14. Irmr 1895. Allgemeine eitung oes Audenchuins. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. : Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Po st oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen Vierteljahrs. 3 M. i Nedacteur: Gustav K arpeles. Begründet von Rabbiner 21*- Ludwig PHUippson-Bonn. Verlags-Crpeöition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judeuthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Gleiches Recht fi'ir Alle! — Die Wocke. - Der jüdische 'Religionsunterricht cm den öffentlichen Schulen Berlins. Von Oberlehrer Dr. S. "-laschte. - Ueber den jüdischen Religionsunterricht in den hiesigen städt. Gemeinde- «.ionnnunal-) Schulen. — Ans Ri. Veits Nachlaß. Von Prof. Dr. Ludwig (beiger. — Ueber A. Bernstein. V. Von Karl Emil Franzos. — Feuilleton: er starke Sirnson. Erzählung von Elise Orszeszko. — Sei stolz, nrein Sohn! ^on Emil Lehmann. Der Oemeirrdevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, '/.us Schlesien, Oels. Arnswalde. Parchim i. M.. Hannover. Hamburg. Dessau. ' emageu. Godesberg. Frankfurt a. M.. Ems. Aus Süddentschland. Wien, Madrid. — Bon Nah und Fern. — Miscellerr. Gleiches Mecht für Alle! _ Berlin, 11. Juni. Agps ist doch recht merkwürdig, daß viele unserer Glaubensgenossen ans den harten Kämpfen, die ivir Jahrzehnte lang nm unsere bürgerliche Gleichberechtigung ansznfechten hatten, '■o wenig gelernt haben. Denn die Emanzipation der Juden ist nur l er Sieg des Prinzips „Gleiches Recht für Alle!" gewesen. Versucht ran nun diesen Grundsatz auch im religiösen Leben zur Geltung zu ringen, so stößt man dabei auf die seltsamsten Gegensätze und Widerspräche. Verschiedene Vorkommnisse der letzten Zeit haben uns mes wieder einmal so recht klar vor Augen geführt. In der letzten Repräsentantensitzung der Berliner Gemeinde sandelte es sich darum, welcher Gottesdienst in einem der von der Gemeinde für die hohen Feiertage gemietheten Säle im Osten unserer Stadt eingeführt werden solle. Von konservativer Seite oar eine Petition eingebracht worden, dort den Gottesdienst der orthodoxen Synagoge einzuführen. Eine Petition des liberalen Vereins forderte die Einführung des Gottesdienstes der Lindenstraßeniynagoge. Es ist aus dem bezüglichen Berichte bekannt, daß die Versammlung sich im Sinne des konservativen Antrags entflossen hat. Als das ausschlaggebende Motiv wurde einfach und ohne jede weitere Begründung die Thatsache hingestellt, daß die jüdische Bevölkerung des Ostens vorwiegend konservativ sei. Woher lammt nun aber diese Wissenschaft, da es Gott sei Dank noch keine Statistik der Gtaubensmeinungen giebt? Und was hätte man gesagt, wenn nun mit den Verhältnissen jener Stadtgegend genau vertraute und zuverlässige Männer mit der entgegengesetzten Behauptung aufgetreten wären? Ja, selbst die Behauptung der Konservativen zugegeben: die Thatsache, daß im Osten eine an- >ehnliche liberale Minorität vorhanden, könnten wir gerade statistisch belegen. Wäre nun der liberale Antrag angenommen, so hätte die Gegenpartei unzweifelhaft sich sehr bitter über Vergewaltigung beklagt; über die berechtigten Wünsche und Forderungen aber, die eine zum Mindesten sehr ansehnliche Minorität erhebt, geht man einfach zur Tagesordnung über. Heißt das gleiches Rechts für Alle? — Der Einwand, daß die Synagogen mehr von den Orthodoxen besucht werden, konnte in diesem Falle, da es sich ja nur nm den Gottesdienst der hohen Feiertage handelt, gewiß nicht erhoben werde». Die liberalen Elemente des Ostens haben nun in ihrer Gegend keinen Gottesdienst, bei dem sie religiöse Befriedigung finden können. Ein anderes Beispiel. In Posen besteht seit etwa einem halbe» Jahrhundert ein Vorschnßverein, der den Zweck hat, bedürftigen Gewerbetreibenden und Handwerkern zinslose Darlehen gegen Theilzahlungen zu gewähren und zugleich auch die Ausbildung jüdischer Knaben für das Handwerk zu fördern. Dabei kam die Praxis zur Anwendung, die Knaben nur bei solchen Meistern unterzubringen, bei denen sie an Sabbathen und Festtagen nicht beschäftigt wurden. Bor einiger Zeit trat nun die Nothwendigkeit ein, das Vereinsstatut zu revidire», und mm hielt es die orthodoxe Majorität für angemessenen das neue Statut eine Bestimmung hineinzubringen, daß nur solchen jnngen Leuten Beihilfe gewährt würde, „die die Sabbathheiliguug beobachte»". Dagegen erhob nun die liberale Partei entschiedenen Widerspruch. Aber sie wollte durchaus keinen Gewissenszwang ausüben, sie verlangte keineswegs, daß etwa den zu unterstützenden Lehrlingen das Arbeiten am Sabbath zur Pflicht gemacht werde, sondern sie wollte nur verhindern, daß die Unterstützung von der Beobachtung des Sabbaths abhängig gemacht werde. Gleichwohl wurde der orthodoxe Antrag mit überwiegender Majorität angenommen. Die Folge davon ist, daß die liberale Opposition ans dem Verein ausscheiden und einen neuen Verein mit gleichen Tendenzen gründen will. Von orthodoxer Seite wird ihr aber warm ans Herz gelegt, doch ja die Eintracht nicht zu stören und um des lieben Friedens willen in dem alten Verein zu verbleiben. Ein diesbezüglicher Appell schließt mit dem Vers: Sclialoni al Jisroel, Friede über Israel! Das ist sehr charakteristisch. Wenn alle ihre Wünsche erfüllt werden, dann ist die Gegenpartei zum Frieden bereit; wenn aber nicht, so vergißt sie zuerst alle Friedensmahnungen der heiligen Schrift. Ja, auch wir wollen den Frieden, aber keinen faulen, sondern einen ehrlichen Frieden, der sich ans der vollen Durchführung des Grundsatzes: Gleiches Recht für Alle, ausbaut. Wir wollen Denen, die auf einem andern religiösen Standpunkt stehen, nnbetünimert darum, ob sie eine große oder kleine Minorität bilden, die Erhaltung von Einrichtungen, welche ihrem Standpunkt entsprechen, gern zugestehen; mit aller Entschiedenheit aber verlangen wir, daß auch uns das gleiche Recht innerhalb des Gemeindelebens zugcstanden werde. Nur wenn diese Gleichberechtigung, für die wir seit mehr als einem halben Jahrhundert kämpfen, überall konsequent durchgeführt sein wird, wird der Friede in Israel herrschen, den der Psalmist all' Denen verheißt, die ehrlich besorgt sind nm das Heil und die Zukunft ihres Glaubens.