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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-07 · Heft 23 (7.6.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Wir wissen nur, daß Tausende und Abertausende, die bis jetzt in geordneten Verhältnissen gelebt, nun blutarm und auf Menschenhilfe angewiesen, daß über 25,000 Menschen, zum größten Theil unsere Glaubensgenossen, plötzlich brod- und obdachlos geworden sind. Zu dieser betrübenden Thatsache gesellt sich noch die Trauer über den Verlust an Menschenleben, der sich auf ca. 100 beläuft, sowie der Schmerz über eine große Anzahl von Verunglückten und lebensgefährlich Verletzten, die mehr tobt als lebendig aus den Trümmern hervorgezogen worden sind und nun leider auch die allernothwendigste Pflege entbehren. — Unsere Schulen, unsere Krankenhäuser, die große Synagoge, unsere 15 Bate-midraschim unter denen auch dasjenige, dessen Gründung die Sage Saul Wahl zuschreibt. Alles, Alles, was wir besaßen und worauf unsere Gemeinde stolz sein konnte, ist ein Raub der Flammen geworden. Nur der innere Stadttheil ist von dem verheerenden Brande verschont geblieben, dessen Einwohner alles Mögliche thaten und thun, um die Noth ihrer Mitbürger zu mildern; aber ihr guter Wille allein ist nicht ausreichend. Wohl erhielten wir, als der Telegraph die Schreckenskunde verbreitete, aus Nah und Fern augenblickliche Hilfe und Unterstützung, wohl sind in verschiedenen Städten des Reiches und besonders in Warschau auf Anregung der Herren Branda, Schereschewski, Redakteur Sokolow, Frankel und Schwarzstein Komitees zur Unterstützung unserer Stadt gebildet worden; allein unsere Lage ist so grenzenlos traurig, unsere unverschuldete Noth ist so groß, daß wir uns gezwungen seben, auch unsere begüterten Glaubensgenossen im Auslande um schleunige Hilfe anzurufen. Helfet uns, theure Brüder, die Redaktion dieser Zeitung wird gern jede Gabe für uns in Empfang nehmen, und Gott, der uns so schwer heimgesucht, aber auch unsere Thränen zählt und die Schicksale der Menschen bestimmt, wird Euch gewiß dafür mit seinem reichen Segen krönen." Holland. Mastricht, 26. Mai. Durch den Besuch unserer jungen Königin und der Königin-Regentin feierte unsere Stadt ein Fest, wie es sich hier wohl noch niemals gezeigt hatte. Es offenbarte sich darin der ungezwungene und darum wahre Ausdruck der tiefen Verehrung und waren Anhänglichkeit an das Fürstenhaus von Oranien. Unter den vielen Deputationen zur Audienz bei der Königin-Regentin fehlte auch nicht die der hiesigen Hauptsynagoge, welche die Gemeinde Hierselbst und die Gemeinden der Provinz repräsentirt. Diese Deputation bestand aus den Herren Oberrabbiner Dr. L. Landsberg und dem Präsidenten des Gemeindevorstandes A. v. Geldern, welche Herren von der Regentin huldreich empfangen wurden. Zu dem zur Ehre der Königinnen vom Kommissar (Oberpräsidenten) der Provinz Limburg, sowie zu dem vom Gemeinderath der Stadt veranstalteten Festmahl wurden, außer andern Autoritäten, auch der Herr Oberrabbiner Dr. Landsberg geladen, der bei beiden Festmahlen der Ehre theilhaft wurde, von den Königinnen über jüdische Gemeindeangelegenheilen und viele Einzelnheiten befragt zu werden. Amerika. z. New-Iork, im Mai. In Amerika fühlt man noch viel mehr als in Europa in den kleinen zerstreut liegenden Gemeinden den schweren Mangel an geeignetem Unterricht in der Religion und Belehrung in den Lehren des Judenthums. Es ist begreiflich, daß daher ein Vorschlag des „American Hebrew“ lebhaften Anklang findet. Es soll nämlich hinfort jeder Student, der entweder das „Jewish Theological Seminary“ in New-Iork oder das „Hebrew Union College“ in Cincinnati besucht, gehalten sein, vor Beendigung seines Studiums ein Jahr als Wanderlehrer und Wanderprediger in den kleinen jüdischen Gemeinden zu fungiren. Der Vortheil wäre auf beiden Seiten; die jungen Leute erlangten die so nöthige praktische Uebung, die kleinen Gemeinden würden ihren Zusammenhang mit dem Judenthum befestigen, und es ist daher erfreulich, daß man ernsthaft an die Verwirklichung dieses Planes geht. Von Nah und Fern. ----- Herr Geheimrath Schwab ach hat der jüdischen Reformgemeinde, deren Mitglied er ist, gelegentlich ihres vor Kurzem gefeierten fünfzigjährigen Jubiläums 10,000 Mark überwiesen. — In Danzig starb Herr Albert Kühne, der Vorsitzende des Vereins zur Bekleidung bedürftiger israelitischer Schüler. Derselbe hat 17 Jahre lau.- mit großer Hingabe die Zwecke des Vereins gefördert und noch aw Abend vor seinem Tode die Sitzung geleitet, in der es galt, die NoU der Armen zu lindern. Die Beerdigung des so jäh aus dem Leben Geschiedenen fand unter großer Betheiligung von Leidtragenden und fasder ganzen dortigen Kaufmannschaft statt. Ebendaselbst verschied iv dem seltenen Alter von 94 Jahren Herr Hirsch Philipsohn. - Im Wahlkreise Kolberg - Köslin ist (an Stelle des Herrv. Gerlach, dessen Wahl vom Reichstag kassirt worden ist) der feine Zeit wegen Geisteskrankheit entmündigte Kaufmann Karl Paasch all Kandidat der „Antisemitischen Bolkspartei" aufgestellt worden. Ahll wardt befindet sich seit acht Tagen in dortiger Gegend und agitirt fü Paasch. — Die „Lpzg. Ztg." vom 26. Mai schreibt: „Wie wir erfal;rert. bestätigt es sich, daß bei dem Distanzritt Dresden-Leipzig sämmtlich betheiligte Pferde den Strapazen erlegen sind." Das nennt man sächsischer Thierschutz! — Der Antisemitenführer Breitwisch in Köln ließ ein antll semitisches Plakat drucken und öffentlich anschlagen, welches die Ueber schrift trug: „Der Semitismus als Vorfrucht des Antisemitismus" Auf Grund des Preßgesetzes vom 12. Mai 1851 wurde Breitwisch be schuldigt, ohne polizeiliche Erlaubniß öffentlich das fragliche Plakai angeschlagen zu haben. Während das Schöffengericht den Angeklagte nur zu einer Geldstrafe von 3 Mark verurtheilte, hob die Strafkammer die Vorentscheidung auf und verurtheilte Breitwitsch zu 30 Mark Strafe Gegen diese Entscheidung legte der Angeklagte Revision beim Kammer gericht ein, die jedoch abgewiesen wurde. — Der Lehrer und Kantor der israelitischen Gemeinde zu Nördlingen, A. Weiler, hat an 26. v. M. sein 25jähriges Dienstjubiläum begangen. Kantor Weiler hm zu Ehren des 70. Geburtstages des Prinz-Regenten von Baiern der 21. Psalm komponirt, welcher von demselben huldvollst entgegengenommer wurde. — Die jüdische Dienstmagd Helene David aus Gimbshein (Kreis Worms), welche nunmehr 44 Jahre in Diensten des Herrn Michae: Aron hier steht, wurde vor 4 Jahren mit der silbernen Verdienstmedaille von Ludwig IV. ausgezeichnet und erhielt bei dieser Gelegenheit von de>. hiesigen Sparkasse ein Geschenk von 40 Mark. In den jüngsten Tager erhielt sie von der Großherzogin Victoria Melita ein prachtvolle goldenes Ehrenzeichen mit sehr schönem Diplom zugestellt. — Die neueste Verordnung des Großherzoglichen Oberraths der Israeliten in Baden setzt die Einkommenverhältnisse der israelitischen Religionslehrer fest Das geringste Gehalt eines solchen soll bei freier Dienstwohnung ode^ einer Entschädigung von 100 Mark, wenigstens 700 Mark betragen wenn die Schülerzahl 15 und darüber dauernd beträgt. Verheirathete ausnahmsweise auch ledige Lehrer erhalten nach dem zweiten Dienstjahr, eine Aufbesserung von 100 Mark, nach dem 10. Dienstjahre eine solch, von 200 Mark, welche, wenn die verfügbaren Mittel der Gemeinde niär ausreichen, von der Centralkasse des Landes bezahlt werden. Doch ist in dem Gehalte auch die Vergütung inbegriffen, welche für Unterrichts ertheilung außerhalb erstattet wird. — Als in Frankreich der Feldzuc gegen die Dahomey-Neger geplant wurde, da stand in der „Libre Parole' von Herrn Drumont zu lesen: Rothschild arbeite im Stillen geger diesen Feldzug, weil die Dahomey-Neger semitischer (!) Abstammung seien und er sich mit ihnen solidarisch fühle! Welch kolossale Phantast hat der Mann. — Nach einer Meldung aus Paris hielt George, Thiebaud dort öffentliche Vorträge über die sogenannte „Protestanten frage", in denen er zu beweisen sucht, daß der Einfluß der Protestanter ebenso unheilvoll auf die Politik der dritten Republik gewirkt hätte wll angeblich jener der Juden! — In Paris ist Henri Fould, eine der angesehensten Männer in Bayonne, Virgile Leon, der lang Präsident des israelitischen Konsistoriums war, gestorben. — In Venedig starb in der Blüthe der Jahre Frau Paulina Olschki Rosen, der die Begründung der ersten Dante-Revue Italiens zu ver danken ist. Der bedeutendste italienische Danteforscher Passerini setztihr in einem Nachrufe des „Giornale Dantesco" ein ehrendes Denkmal. -• Der Schriftsteller L. A. Rabbinowicz hat die Redaktion der hebräische Zeitschrift Hamelitz übernommen. — In Salonichi ist am 20. d. M Lopez Perera, einer der gesuchtesten Aerzte und der Leiter vieler humanitärer Institutionen, verstorben. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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