Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Zöglinge genießen den Unterricht größtentheils in höheren Schulen. Jedem Zögling wird die Möglichkeit einer seiner Veranlagung und Leistungsfähigkeit entsprechenden Ausbildung und dereinstigen Lebensstellung geboten. Der weitreichenden Fürsorge für die entlassenen Zöglinge, die besonders wirksam bei der Errichtung eines eigenen Hausstandes eintritt — von den Zöglingen des Mädchen-Waisenhauses haben sich bisher etwas mehr als die Hälfte verheirathet — dient eine größere Anzahl von besonders verwalteten Stiftungen. Für die Bestreitung ihrer Bedürfnisse, welche im Berichtsjahre einschließlich Gottesdienst, Büreau, Renten, Stipendien u. a. Zuschüsse 47,639.51 bezw. 25,295.26 Mk. betragen haben, davon zur Verpflegung 11,394.84 bezw. 5728.99 M., d. h. für den Kopf und Tag 53% Pf., sind die Anstalten auf die Zinsen ihres Vermögens, welches sich auf 775,512.95 bezw. 582,708.38 Mk. beläuft, auf Jahresbeiträge von insgesammt ca.'9500 Mk., auf sonstige Zuwendungen ihrer Freunde und Gönner angewiesen. Von den die Erziehung fördernden Einrichtungen ist die unter Aussicht eines Erziehers bezw. einer Erzieherin stehende Ferienkolonie sowie der Handfertigkeitsunterricht zu erwähnen. Den Vorstand bilden neben dem Direktor Dr. Strelitz die Herren Berthold Marckwald, Louis Gradenwitz, Kommerzienrath E Lohnstein, Generalkonsul Eugen Landau, Dr. Felix Liebermann und Hermann N. Israel; Ehrenmütter sind Frau Recha Marckwald und Frau Dr. Cäcilie Liebermann. ££2 Berlin, 5. Juni. Am 2. d. M. ist hier der Staatsminister a. D. Dr. Heinrich v. Friedberg im 82. Lebensjahre verschieden. Der Verstorbene war bekanntlich der Sohn eines mäßig begüterten, aber in seinem Kreise angesehenen jüdischen Kaufmanns in Märkisch-Friedland, der später auch ländlichen Besitz erwarb, aber nur kurze Zeit Gutsbesitzer war. Nachdem Heinrich Friedberg seine juristischen Studien absolvirt, nahm er eine Hauslehrerstelle bei einer jüdischen Familie in Danzig an. Der Eintritt in den Staatsdienst veranlaßte ein Jahr darauf (1837) den vierundzwanzigjährigen Referendar zum Christenthum überzutreten. Es ist bekannt, welch' glänzende Carriere Friedberg später zurückgelegt und was er für die Justizpflege geleistet hat. Aber auch seinen ehemaligen Glaubensgenossen gegenüber bewahrte er jene vollkommene Neutralität, die man ihm in politischen Dingen nachgesagt hat; in jedem Falle hatten die jüdischen Richter unter dem vorhergegangenen und unter dem nachfolgenden Justizminister eher Aussicht auf Beförderung und Anstellung. Später hatte Friedberg die bittersten Angriffe von Seiten der Antisemiten über sich ergehen lassen müssen, und wer den Justizminister Friedberg während der ersten Stöckerhetzreden im Abgeordnetenhause zu beobachten Gelegenheit hatte, dem wird der Ausdruck verhaltener tiefster seelischer Kränkung auf seinem Antlitz unauslöschlich in der Erinnerung geblieben sein. Die Thatsache, daß Dr. Heinrich v. Friedberg zehn Jahre lang mit großem Geschick und einer Unparteilichkeit im Interesse des Staats, die ohne Gleichen, preußischer Justizminister gewesen ist, ist jedenfalls von hoher Bedeutung für die auch in neuester Zeit wieder so viel angegriffenen jüdischen Richter. — Berlin, 31. Mai. Vor einiger Zeit wurde antisemitischen Blättern berichtet, daß in einer Berliner Gemeindeschule eine jüdische Lehrerin in Vertretung einer erkrankten Kollegin u. A. auch evangelischenReligionsunterrichtertheilthabe. Jetzttheiltdie„Kreuzztg." mit, daß der Kultusminister das brandenburgische Provinzialschulkollegium zum Bericht über jenen Vorfall aufgefordert hat. Nach den von dieser Behörde angestellten Ermittlungen scheint sich herausgestellt zu haben, daß die städtische Schuldeputation an jenenl Vorkommniß nicht schuld, sondern hierfür allein der betreffende Rektor verantwortlich zu machen ist. Diesem ist vom Provinzialschulkollegium ein Verweis ertheilt worden. Außerdem soll die städtische Schuldeputation angewiesen worden sein, darauf zu achten, daß jüdische Lehrerinnen, falls sie vertretungsweise an einer Gemeindeschule beschäftigt werden, nur im jüdischen Religionsunterricht Verwendung finden. © Berlin, 4. Juni. Soeben ist die Nr. 40 der „MittHeilungen vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde" erschienen. Wir entnehmen derselben, daß das Vermögen sich jetzt auf 238,663 Mk. beläuft. Die Nummer enthält einen vollständigen Rechnungsbericht, das Verzeichniß der Bundesgemeinden, der Mitglieder und Beamten, die Geschäftsordnung der neugewählten Gemeinde-Unterstützungs-Kommission, Nachrufe auf verschiedene in der letzten Zeit verstorbene Delegirte und andere Personalien, sowie einen Aufsatz über die Verhältnisse der Kultusbeamteu in Elsaß-Lothringen von Lehrer M. Netter in Winzenheim 2^ Berlin, 4. Juni. Die schlesische Stadt Ober-Glogau hat dem Rentner Siegfried Cassirer in Charlottenburg zu seinem achtzigsten Geburtstage das „Ehren-Bürgerrecht" verliehen und ihm dazu ein prächtig ausgestattetes Diplom übersandt In demselben wird der innigste Dank für die zahlreichen Beweise treuer Anhänglichkeit ausgesprochen, die Herr C. gegeben. Auch der dortige katholische Stadtpfarrer hat in einem wahrhaft herzlichen Schreiben den Jubilar beglückwünscht, das Zeugniß von einer aufrichtig toleranten Gesinnung giebt. In unserer antisemitischen Zeit verdienen solche Fakta ehrende Erwähnung. Sie ehren den Jubilar ebenso wie seine nichtjüdischen Mitbürger. mf. Pankow bei Berlin, 4. Juni. Im Anschluß an unsere Mittheilung in voriger Nummer, betreffs des der Gemeinde unterstellten Erziehungshauses in Pankow, erfahren wir, daß die aus der Anstalt hervorgegangenen Gesellen einen „Handwerkerverein ehemaliger Zöglinge des Erziehungshauses zu Pankow" begründet haben, der z. Z. 20 Mitglieder zählt. Die jungen Leute kommen nach ihrer Werktagsarbeck an jedem Dienstag Abend zusammen, halten Vorträge zu gegenseitiger Belehrung und sind für jede geistige Anregung dankbar, die ihnen durch den Besuch von Gönnern des Vereins, Mitgliedern des Kuratoriums u. s. w. geboten wird. Herr Meklenburg widmet seit Begründung des Erziehungshauses dem weitern Fortkommen der Zöglinge besondere Aufmerksamkeit. Frg. Königsberg i. Pr., 2. Juni. Der soeben ausgegebene 34. Jahresbericht des Israel. Waisenhauses für unsere Stadt und Provinz macht einen guten Eindruck. Die im Berichtsjahre ausscheidenden Vorstandsmitglieder, die Herren Zimmermeister H. Lewensohn hier, Stadtrath I Eichelbaum in Insterburg und Kaufmann M. Wasbutzki in Tilsit wurden auf der letzten Generalversammlung wieder gewählt, Frau Jda Blum-Berlin hat der Anstalt zum Angedenken an ihren verstorbenen Galten, ehemals Vorsteher unserer Anstalt. Herr I. Blum die Summe von 1600 Mark zugewiesen. Der ehemalige Vorsteher unseres Waisenhauses Herr Ad. Samulou in Osterode hat der Anstalt letztwillig ein Kapital von 1000 Mark vermacht. Zum Andenken an den im Berichtsjahre vorstorbenen Herrn Elias Holz hier und seine Frau Elenore geb. Jacobp ist eine Stiftung begründet worden, deren Zinsen zur Unterstützung entlassener Zöglinge verwendet werden sollen. — Aus dem Ausgabeetat des Berichtsjahres ist zu erwähnen, daß bei einer Gesammtausgabe für Beköstigung von 5762 Mark pro Kopf und Tag die Verpflegungskosten 49^ Pfennig betrugen. Bei einer Gesammtausgabe von 18,596 Mark für eigentliche Wirthschaftszwecke betrugen die Ausgaben für das Jahr pro Kind 639 Mark. Die Anstalt zählt in der Abtheilung für Knaben 18 Zöglinge, in der Abtheilung für Mädchen 4 Zöglinge, in der Abtheilung für Handwerker befinden sich 3 Zöglinge, von denen 2 im Laufe dieses Jahres ihre Lehrzeit beendigen, dazu kommen