Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- Seite 276 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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276 — Und das ist der Engel Uriel mit seinen zwölf Begleitern? die über die zwölf Monate im Jahre herrschen! Und dieser Engel, das ist der vertraute Freund der Menschenkinder. Jir seiner Hand hält er eine Fülle von Blumen. Jeden Augenblick kommen Andere, und er flechtet sie immerfort zu Kränzen von riesenhafter Länge. — Ich weis;, sagte Schimele, das sind die menschlichen Gebete, die immer und immer fort von der Erde zum Herrn der Welt hinanziehen; Sandalfon ergreift sie im Vorüberfliehen, flicht sie zu Kränzen und bettet sie alle zu den Füßen des Ewigen, gelobt sei er. Der Ewige erkennt ja doch schon, wessen und was für Gebete vor seinen Thron gelangt sind. Sandalfon, indem er alle menschlichen Gebete sammelt, fühlt offenbar großes Mitleid und wird traurig, denn in seinem Auge sieht man eine große Thräne schimmern, die wie der schönste Diamant glänzt. Schimele sieht die Thräne und denkt: Sei gelobt. Du Engel Landalfon, dafür, daß Du ei» so heiliges Mitleid mit den Menschen fühlst. — Und dies sagend fängt er an, die aus der Hand Landalfons herniederregnenden Blumen anzuschauen, die ihin wie ein langes, farbiges Band erscheinen und er kann ihre Schönheit gar nicht genug bewundern. Ihre purpurnen Kelche erlangen in seinen Augen eine solche Höhe, daß sie schon in dem kleinen Fenster, durch welches er blickt, keinen Platz mehr finden; die schneeweißen Rosen glänzen wie silberne Thräne», auf den blutigen Stengeln wachsen schwarze Blätter mit weißen Säumchen als einen Trauerrand, und die blauen Sterne knistern einen Regen von goldenen Funken! Und das die Engel des Sturmes und des Feuers — sie sehen wie regenbogenfarbiger Dunst aus, aber ihre Farben erblassen jeden Augenblick mehr und verstreuen sich wie sie selbst, sie verschwinden, und von der Stelle, wo sie standen, kommt nur ein langgezogener, schivermüthiger Klang, wie von einer gesprungenen Saite.... Schimele sieht alle diese Wunder, auf seinen Lippen bebt ein Lächeln des Entzückens, er neigt seine» Kopf bald nach der einen, dann nach der anderen Seite mit großer Verwunderung und hebt mit einer unwillkürlichen Bewegung die Hände in die Höhe. — Plötzlich verblaßt die goldene Leiter, und die sie füllenden Engel verschwinden. Tie silbernen Thränen Sar-Ha-Olanis, die mit der Finsterniß kämpfen, und die wunderbaren Blumen Sandalfons, Alles verblaßt und zerstreut sich wie ein wirrer Nebel, der hier und dort noch Purpur und Gold durchblitzen läßt. Schimele reibt sich mit der schweren Hand die Augen und blickt traurig umher. Arif dem Tisch, vor ihm, erhebt sich ein dunkler Rauch vor der erlöschenden Lampe; um ihn herum hört man aus den Betten, von der Erde und neben dem Ofen, ein Schnarchen, aus dem Federbett hört er das Husten Libas, die Katze miaut laut, schlafend im Winkel neben Enoch. Hinter dem Fenster beginnt es schon leise zu tagen, aber dichte, dunkle Wolken bedecke» den Himmel, und große, schwere Tropfen fallen ans die schmutzigen Steine des Hofes, wo man den Wind ächzen und pfeifen hört. Schimele erhebt sich, nimmt den Tallis, um die Stirn legt er die Tefillin, hebt die Hände in die Höhe und dankt Gott dem Herrn, daß er ihm, wie einst dem Urahn Jakob, die heiligen Engelschaaren zu sehen gab, und daß er ihn so glücklich, so sehr glücklich gemacht! — Schimele war in der That sehr glücklich, und noch glücklicher, weil seine innigen und zahlreichen Freuden nie durch eine Sorge oder ein Leiden getrübt wurden, welche diejenigen empfinden, die dem Treiben der Welt und den großen Sorgen der Menschheit stets fremd gegenüber stehen. — Nicht blos, daß Schimele diese Gefühle und Sorgen gänzlich fremd geblieben waren, wußte er überhaupt nicht, daß sie auf der Welt existirte». — Mit Ausnahme des Wissens, der Liebe zu seinen Kindern und eines Gefühls nachsichtiger und mitleidvoller Anhänglichkeit, die er für seine Frau empfand, ging ihn in der weiten großen Gotteswelt nichts an. Zu der Gesellschaft, die den engen Kreis ausfüllte, in welchem sein Leben dahinfloß, hatte er gar keine Beziehungen. Er hat sie nicht gekannt und wollte sie nicht kennen. Er verstand ihre Sprache nicht. — Er fühlte nicht etwa und konnte wohl auch nicht einen Haß gegen sie fühlen, weil er für ihn einfach nicht existirte. Er dachte nie daran. Was die Gesellschaft anbetrifft, mit welcher er durch die gemeinschaftliche Herkunft, Glauben und Sprache verbunden war, so empfand er für dieselbe ein Wohlwollen, welches ihm keinerlei Sorge oder Kummer verursachte. — Er öffne! für sie sehr gern die Schätze seines Wissens. Uebrigens beschäftigte» ihn keine Fragen, und er zerbrach sich nicht den Kopf über dic positiven oder negativen Bedingungen ihrer Existenz. Wenn er jemals seufzen hörte: „es geht schlecht mit uns" — so antwortete er: „So will es Gott" — und wenn dies Seufzen sich in die Frage umgestaltet hatte: „was wird aus uns werden" — da antwortete Schimele: „Es wird so sein, wie Gott es wollen wird" — und dabei erinnerte er sich der Prophezeiungen von dem Nahen des Königs Messias, die sich unbedingt erfüllen muffe, und lächelte halb geheininißvoll, halb freudig in sich hinein. Seine Ruhe war so ungetrübt wie seine Zufriedenheit mit sich selbst und mit seinem Glücke. — Sein einziger Kummer, den er hatte von Zeit zu Zeit, war die einst von den Juden erlittene babylonische Gefangenschaft. — Wen» er daran dachte, oder etwas darüber las, wurde er traurig, nachdenklich, und mit leiser Stimme sang er das uralte Lied von den Fliissen Babylons und der Erde der Verbannung der Kinder seines Volkes. (Fortsetzung folgt.) Kprechfaal. Geehrte Redaktion! ^Mch ersuche Sie, hinsichtlich der deutsch-jüdischen Schule in Konstantinopel, 33 worüber ich in Nr. 21 berichtete, zu bemerken, daß nach einer mir aus Paris zugegangenen Mittheilung der Präsident der Alliance israelite universelle, Herr S. H. Goldschmidt, nicht 90,000 Francs, sondern 150,000 Francs für dieselbe ausgegeben hat, und zwar 40,000 Francs für Platzankauf, 100,000 Francs für den Bau und 10,000 Francs für die innere Einrichtung. Hochachtungsvoll Köln, 31. Mai. Rabbiner Dr. Frank. * Geehrter Herr Redakteur! Nr. 10 Ihres gesch. Blattes zeigt Herr A. L. einen 1200jährigen 33 jüdischen und christlichen Parallel-Kalender nebst Formeln von Dr. Max Simon u. s. w. an. Ich erlaube mir, auf meines hochseligen Vaters H. M. Pineles rmn hw Darkeh Schel Thora, Wien 1861, hinzuweisen, wo dieses Kalenderwesen von Seite 211—263, nämlich Sod Haibur, Gaußformeln, mit Ausbesserung des Druckfehlers in Encyklopädie Ersch und Gruber, Oslerberechnung, im zweiten Fall statt b<a soll 6<a sein, Tabellen vom Jahre 359 - 2080, 4129 - 5840 ein Zeitraum von 1722 Jahren in 8 Reihen für jüd. Neujahr, Neumond, Nissan, jüdische und christliche Ostern, wie beide Schaltjahre, die Monate Cheschwan und Kislaw, wenn sie 30- oder 29 tägig oder der Ordnung nach sind u. s. w., auch der langjährige Streit mit dem berühmten Slonimski darüber hinreichend behandelt wurde. Galatz, im April. Mit Hochachtung M. Pineles. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.