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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-07 · Heft 23 (7.6.1895) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
Seite 275 (sequence 13)
Language
German
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Es geschah wahrscheinlich deshalb, weil er überzeugt war, baß der Jude unmöglich zu seinem Nachtheil sich irren ober verrechnen könne, und fest daran glaubte, mehr als an bas Zeugniß seiner eigenen Augen! Genug, Zipa, nachdem sie sich ein paar Mal durch ihren Manu in ben Arbeiten des Geschäftes hatte vertreten lassen, unterließ es in Zukunft gänzlich. Sie streichelte langsam sein schwarzes Haar mit ihrer schwieligeil und abgearbeiteten Hand, schaute einen Augenblick lachend sein Gesicht an, und mit einer Art von schüchterner Zärtlichkeit sagte sie zu ihm: „Nun, geh' nur zu Deiner Arbeit; — ich werde scholl in Allem Rath schaffen; Deill Kopf soll mir nur über Alles ruhig sein!" Und Schimele ging in der That zu seiner Arbeit, oder zu seinen gelehrtell Folianten und fromnien Traumen. Seine Gedanken waren ruhig iuib sein Herz überströmte voll süßen Gefühlen und religiösen Elnpfindungen verschiedener Art. — Er war vielfach! glücklich. Der Stolz auf sich selbst und stillvergnügte Zufriedenheit! füllten seine Brust, wenn in fein dunkles, schmutziges Stübchen veri schiebenartige Menschen kamell, ernste Männer, sogar reiche unb gei lehrte, um ihn über die Bedeutung ilnulcher dunklen ©teilen in der j religiösen Wissenschaft zu befragen; oder um einen Rath in verj schiedenen Heilten Punkten der religiösen Kasuistik zu erbitten, ober \ einfach diese oder jette Geschichte aus der Hagada, diese oder jene alte Legetlde und Sage erzählen ztl hören. Schimele erklärte, antwortete, erzählte, rieth selbst in feinem Eifer, der fast an Ertase grenzte, und füllte so die Herzert seiner aildächtigeti Zuhörer mit Elltzücken; sie verließen ihn später mit Dankesworten und Berbeugungetl für seine Klugheit und Beredtsatukeit. — Das war die einzige Freude für Schimele. Die andere und llicht geringere schöpfie er, wie wir es bereits wissen, atls seiner väterlichen Liebe, die zwischen fünf Objekte getheilt war, Don welchen jedes ihn durch eilten anderen Reiz entzückte tntb in ihm eine rührende, begeisterte und ewig fröhliche Zärtlichkeit erweckte. Nicht die gerillgste Traurigkeit lllischte sich in dieses zärtliche Empfillden. Das Loos der Killder in der Gegetlwart bereitete ihm keine Sorge. — Dafür sorgte Zipa sehr viel; du sie aber nie etwas ihrem Manne erzählte, wußte er auch nichts davon. Was die Zukunft anbetraf, so dachte Schimele, wetm er seilte Kinder ansah: „Ettoch, Mettdel uttd Leeser werdett Gelehrte, Liba und Esther werdett Gelehrte heirathen!" — Und das war keilte einfache Hoffnutlg, es war eine Gewißheit, die ihn nicht nur über das zukünftige Loos feiner Kinder beruhigte, sondern vielmehr glücklich machte und ihm so einen schöttett Borgeschntack einer chrottischen und ununterbrochetten Gelehrsamkeit in feiner Familie gewahrte. Die dritte und vielleicht die höchste Quelle seittes Glückes war die Arbeit. — Er war kein Faulenzer, wie es vielleicht Jemanden, der die Sache nach dem ältßerett Scheine beurtheilte, vorkontmett möchte. Ich, die ich sehr oft beit kleinen Laden Zipa's besuche intb Don dort ins Innere des nachbarlichen Zimmers Hineinblicke, sehe mit meinen eigenen Augen Schimele manches Mal in die Arbeit vertieft, und zwar so vertieft, daß von seiner vor Erschöpfutlg blassen Stirn der Schweiß in Hellen Tropfen herabrann, daß das mit dichtem schwarzen Haar bewachsene Gesicht sich mit blutigen rothen Flecken bedeckte, und die Lippen in nervöser Erregltltg zitterten; so bewegt ihn der Kampf der Meiutlngen und die Schwere seiner Aufgabe. Schitnele arbeitet mit seinem vollen Herzen und mit allen seinen Kräften; aber wie berrlich und groß belohnt sich auch seine Arbeit und die ewige Anstrengung! Welche Entdeckungen macht er! Welche tiefe uttd wichtige Rüthsel löst er! Was für wunderbare Gesichter und Trannte hat er! Einmal gelattg es ihm zum Beispiel, in dem fünften Traktat des Talmuds, welches von den Opfern handelt, den Nametl eittes ( Thieres zu entdecken, welches als unrein galt uttd deshalb tttcht dem j Herrn als Opfer gebracht werdett konnte, — uttd diesen Namen! wußte noch Niemand. Und noch jetzt konnte Nientand errathett, welches Thier der entbeefte Name bezeichnete, aber die Elltdeckllllg erfüllte Schimele doch mit der reinen Freude, welche mir glücklichen Entdeckern zu Theil werden kann, und auch in der Gemeinde wurde es als ein wahres Ereigniß betrachtet. Ein anderes Mal wieder sah Schitnele etwas ganz Außerj gewöhnliches. Es war in der Nacht. Zipa und die Kinder schliefen; j er aber schlief nicht, sondern saß bei einer kleinen Lampe mit einem! langen rauchenden Eylinder über seinen Büchern und stndirte. Er j lernte eifrig, doch ein unbesiegbarer Schlaf schien sich endlich seiner zu bemächtigen; als er plötzlich die Augen von seinen Büchern aufhob, richtete er sich auf, wurde todtenblaß, riß weit den Mund und die Augen auf und blieb in dieser halb erschreckenden, halb bezaubernden Position stehen. — Es war auch kein Wunder, da er folgendes Bild in diesem Augenblicke erblickt hatte: Hinter dem Fenster, vor welchem er saß, breitete sich die dichte Finsternis; der Nacht aus; auf ihrem dunklen Grunde blitzte auf einmal vor den vom Buche abgewendeten mit Blut nnterlaiifenen Augen Schimeles erstens ein langer goldener Streifen empor, der sich dann in kleinere und immer kleinere Streifchen verbreitete, bis sich säiumtliche in eine goldene Leiter verwandelten, deren Spitze in den mit dicken Herbstwolken bedeckten Himmel reichte, während das Fußende sich auf die, durch den Regen naß gewordenen Steine des Hofes stützte. Ringsum herrschte pechschwarze Finsterniß, von deren Grund die Stufen der goldenen Leiter sich abhoben; auf jeder Stufe aber stand ein Engel. Die Engel waren ganz verschieden; Schimele erkannte sie nach der Reihe; es erschienen in Wesen, die er in der That nie so Auge in Auge getroffen hatte, die er aber nach den Zeichunugen in den Büchern, die er las, kannte. Tort ganz am Ende der Leiter, die er mit seinen mächtigen Schultern stützte, stand der Sar-ha- Olam, der Erzengel des Wissens. Nicht ntnsonst hat er in der Hagada den Titel des „Fürsten der Welt!" — dachte Schimele. Seine riesige Gestalt umhüllte ein scharlachrother Mantel und auf dem Kopfe trug er eine Krone aus meisterlich geformten Buchstaben, welche wie die zum Himmel sich erhebenden Flammen mürtyrischer Scheiterhaufen strahlten, er war eingehüllt in silbernen Wolken, die Schimele als die Gedanken des Geistes betrachtete. Diese Wolken rissen sich von der Brust des Geistes in silbernen Streifen ab und flohen in die ihn umringende Finsteruiß, mit der sie in dem großen Raum zu kämpfeu schienen. Da blickte der Engel auf diese Kämpfe mit einem ruhigen, großen, durchdringenden Auge und die flammenden Buchstaben seiner Krone bildeten das Wort: „Ich werde siegen." Höher erhoben sich verschiedene andere Engel, größere, kleinere, mehr oder weniger strahlende. Schimele erkannte Jeden und nannte Jeden bei seinem Namen. „O, das ist der Engel Metatron", sagte er sich heimlich. „Sei gelobt, Du Engel Metatron, loelcher das Bott Israel schützt wie seinen Augapfel und sein armes Haupt mit Deinen Flügeln birgst." Tie Flügel des Engels Metatron sind schneeweiß, wie die Talesien (die Mantel, in welchen die Juden beten, sind weiß und mit schwarzen Streifen umrahmt. Es ist ein Zeichen der Trauer, in welchen sich der ewige Metatron kleidete, da das Volk, welchem er als Hüter und Schützer beigegeben worden, seine Heimath verlor).

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