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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-07 · Heft 23 (7.6.1895) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
Seite 274 (sequence 12)
Language
German
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274 cniflcftrebt, hingegen sei, weil es zum Thema gehört, hervorgehoben, was das Verständnis; des Wortschatzes erleichtert oder erschwert. Nach der ersten Hinsicht ist nun das gänzliche Fehlen slavischer Wörter hervorzuheben, deren der Jargon in Galizien und Rußland so viele ausgenommen hat; sehe ich von „Babe“, (Polnisch „baba“) für Großmutter ab, so habe ick bei Bernstein teins gefunden. Hingegen finden sich eigenthümliche deutsche Wortformen in Hülle und Fülle: „Königen“ für: „zum König machen", „anbreiten“ für „vorbereiten", „Gebier“ für „Geschlecht" (..von Gebier zu Gebier“), „niedern“ für „erniedrigeil", sich oder einen Rudern, aber auch „ich niedere“ sür „ich sinke herab", „entplecken“ für „entblößen", „Beschatter“ für „Schöpfer", „Bescbäü'niss“ für „Erschaffenes", „midi gedenkt“ für „ich erinnere mich", „gelernt“ für „gelehrt", „sieb mit Jemand gesegneir für „sich von Jemand verabschieden", „blitzig“ für „Plötzlich" it. s. w. Schon darunter finden sich einzelne Wörter, die eben nur dem gründlichsten Kenner des Jargons verständlich sind; nun haben zudem viele Wörter hier zwar denselben Klang wie im Hochdeutschen, aber einen verschiedenen Sinn. „Beten" heißt sowohl „beten" als „bitten", „zuliallen“ „begleiten"; „ein sinniger Mensdi“ zu sein, bedeutet hier nod) lange kein Lob, denn es heißt nur eben „ein Mensch mit gesunden Sinnen"; „Singer" ist der technische Ausdruck für einer! Tenor, „Steigei-“ heißl „die Art und Weise", „es ist gedrungen“ „es ist erwieseil". Em „Wörtchen“ besteht im Ghetto immer ans einigen Sätzen; es ist die ivitzige Auslegung oder sJtn= Wendung ei ries biblischen oder rabbiiiisä)en Sprilck)s, unb wenn hier ein „Geier anheisst“, so ist er wahrlich nicht blutdürstig unb man wachs ihm göiiiien. „Geier“ („Geher"), ist ein Mensch, der ans Berils geht (ein Botenlänfer oder Hailsirer), und „anbeissen“ heißt, und) einem Fasttag den erstell Bissen genießen. Wo ein derartiges Wort von gleichem Klang, aber verschiedenem Sinn, zudenr in einer eigenthümlichen Satzkonstruktion auftritt, ist das Berständniß erst recht erschwert. Was heißt z. B. „Bass er nicht leben unter den Gojinr?! „Möge er unter den Christen umkonnnen"; lassen“ heißt „mögen". Aber zrnn volleli Genuß unb Berständniß dieses Dialogs ist auch die gründlichste Beherrschung des Hebräischen nöthig. Ernst und Scherz der gelehrten Dispute, der „gleichen Wörtchen", gehen dem Leser sonst fast ganz verloren; zuweilen kann er llvch ahnen, was die Leute des Fordoner Ghetto daran so erhebt oder ergötzt, oft genug sind diese Stellen sür tt)u todt. Dafür ließen sich Dutzende von Beispielen allführen; doch hätten die Citate keinen rechten Zweck. Aber das Hebräische ist bei Bernstein and) ein integrirender Bestandtheil der gewöhnlichen Uillgailgssprad)e; Gelehrt und Ungelehrt, Jung und Alt, Mann und Weib mischen auch in die alltäglichsten und profansten Gespräche unzählige hebrüisd)e Allsdrücke ein. Hier zlir Probe die Strafrede einer ganz ungebildeten Frau an ihr achtjähriges Bübeheil: „Ball jazliach! Cherpes und Busches erleb' ich dock) all Dir! . . . An bem heiligen lieben Scliabbcs kaudasch Hab' and) vor ihm teilt Al’imche. Ach, Uibbnunau scliel auloin!" . . .„Aber die Liebesszenen?" wird ntan fragen. Hier eine Probe. Der Kosminer hak in ber Aiondnacht die entzückte Aeußerung Nögele's an Golde über ihre Liebe zu ihm gehört, spriilgt herbei und umfasst sie: „So?" rief sie und versuchte nur schwach sich aus seinen Armen zu befreien, „was seid Ihr mir für ein frommer Bock)er, so uns Mäddieil zu erschrecken, die wir hinau-rkommen, um auch einmal die Lhvono m’kaddesch zu sein." — „Slin Selmbbes!" lachte der Kosminer illld hielt sie nur um so fester umschlungen. — „Nun grad' am Selmbbes, wo Ihr Männer es nick)t thut. Wir Weiber fürchten nicht, daß unsere Worte würden hinaus über dem Tcbum zu ber Lhvono müssen." — „Lamden! Lamden!" rief er entzückt, „und dock) hilfÜs Euch nickst! Ist nicht die Lhvono eine K’keiwo und wie wollt Ihr sie m’kaddesch sein. — „Di, Charifchen!" rief sie spottend, „wenn die Lhvono eine N’keiwo ist, waruu ruft Ihr dabei Euer Scholaum aleicliem!“ Wie viel Voraussetzungen sind da zulu Verställdniß nöthig! All- Rücksicht auf die Leserinnen und —sehr viele Leser zähle ick) sie hie auf. „Lhvono ni’kaddesch fein", heißt den zunehmenden Mond |mi: dem üblicheil Gebet begrüßen; „T’clium“ bedeutet das Maß, wie wer mail am Sabbath fick) voll seiner Wohnstätte entfernen darf; „Lamden heisst „Gelehrter", „N’keiwo“ „Weib", „Charilchen“ „i?in geistreiche Kopf", „Scholaum aleicliem“ „Friede mit Euch"! Das aber genne nick)t; nlan muß and) wissen, daß nur Männer jene Begrüßung dl Mondes sprechen, daß siearn Sabbath nie gesprochen wird,daß„Lhvono ein Femininum ist, daß „Scholaum aleicliem“ nur ein an Mänii^ zu riä)tender Grllß ist. Unb wer dies Alles weiß, versteht deshal dies Liebesgespräch lloch lange llick)t: er muß and) wissen, daß jene Mäilllergruß and) im Gebet bei Nellmond vorkommt uitb bir ,ni’kaddesch seiil" auch „zum Weibe llehmell" bedeutet! Keill Dichter vor oder nach Bernstein hat den Dialog so spezifisi jüdisch gefärbt. Aber ilicht dies ist das Merkwürdigste an der Sprach beider Novellen, fonbent daß sie diese Färbnllg auch da answeiser wo der Dichter selbst spricht, wo er selbst schildert oder reflektirt! S schreibt er z. B.: „Sogar das Haus des Herrn Bürgermeisters, danod) gar nicht nöthig hatte, abgebrailllt zu werden" ll. s. w., oder „Mit der ftnfenben Sonile senkten sich nun die Engelschaaren de Friedens herab auf die gute Kh'illa, welche bereit waren, jeben Jü zll begleiten, voll der lieben heiligen Schul bis in die lichkige Sck)abbes stube"; oder: „Die Mondstrahleu unnvoben die Hände, die Du ein! mannesstolzer, unbeugsamer Mendel Rallen, so gebenscht sahst ve Gott boriich hu." In diesen sehr zahlreichen Stellell liegt dl Sck)lüssel für Berilsteins Anffassullg seiner Aufgabe: er, sonst de entschiedellste, ja grimnligste Bekünlpfer aller national-jüdischen Jdeei hat, diese Geschichten als Jude für Juden gesck)rieben. (Forts, folgt e. m —i ÜiüCEü^. I- 1- MM* 1 1 FEUILLETON g * 1 * f m MM i—i H- Der starke Simson. Eine Erzählung von Elise Orszeszto. (Fortsetzung.) chimele bemühte sich innig, auch etwas fürs Geschäft zu ihm Die Saä)e fillg aber doch an, sehr schwer für ihn zu werde--. wenn er znill zweiterl Theil der ihm allfgetrageilen Arbc. kam, nameutliä) zum Verkalif. Das war ihm fast numöglieh, da : sich mit den Leuten nicht verständigeil konnte, weil er die Spraa der Leute nick)t verstaild, in welcher sie ihn anrebeteu. Es kam a\\: ein Paar Mal vor, daß er zllfäüig unb rasch einen Dolmetscher sali , durch dessen Vermittlung er sich mit den anwesenden Kundell vc ställdigell illld ihnell etwas verkaufen tonnte, aber wenn Zipa bar nach Hause kam unb den Biodalitüten des Verkaufs gründlich neui geforscht hatte, da bermanbeUe sie sich in eine unbewegliche, stumn : mir mit dem Kopfe nickende Statue der Verzweiflung. Es hatte fick) dann meist herallsgestellt, daß Schimele, wer: er den verkauften Gegenstand abwog, fast zweimal so viel gab, ab es sich gehörte (er hatte nur scheinbar so gethan, als ob er d.

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