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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-07 · Heft 23 (7.6.1895) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
Seite 273 (sequence 11)
Language
German
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273 aufsuchten. Hätte ich Ihr Billet nur gehabt, ich wäre gewiß gleich bei meiner Ankunft zu Ihnen geeilt und hätte Sie zu meinem Führer mtb Leiter erwählet, und wäre Ihnen durch die ganzen 24 Stunden nicht von der Seite gekommen. Ich halte es mir für ein andres Mal vor, Zie davon zu überzeugen. Denn jetzt, wo die Eisenbahnen im Aufkommen sind, wird es hoffentlich nicht wieder 16 Jahre dauern, bis ich nach Berlin komme. Greifen Sie die dortigen gottesdienstlichen Angelegenheiten etwas fester an, und Sie werden mich bald sehen. Wie .ch höre, ist Alles dem Unternehmen günstig und geneigt. Von der unglücklichen Kabinetsordre vom I. 1823 kann, scheint mir, nach den leulichen Vorgängen und Erklärungen kaum mehr die Rede sein. Nächst em sel. Könige war der Minister Altenstein einer der widerstrebenden Heister; der Generaladjutant Witzleben war diesen Bestrebungen auch acht fremd. Alle Drei und vielleicht mehrere Gleichgesinnte sind nun in -er Ewigkeit, wo sie Kabinetsordres aus höherer Hand zu empfangen baben, aber nicht zu geben. „Personen und Zustände", wie unser Gans lagen würde, sind also nicht dieselben mehr. Der Vorstand ist, wie ich wre, so glücklich organisirt, daß auch hier keine Meinungsverschiedenheit ar gewärtigen sei. Also frisch angefangen. Und noch einmal — wie ich Ae Sachen übersehe, und die Berliner Verhältnisse sind mir klar yuarum nagna pars fui-für Berlin taugt in diesem Augenblicke nur unser -achs. Er verbindet Geist, Wissen, Talent und Charakter, ist zum .leberflusse sogar orthodox fromm im antiquirten Sinne. Was Sie an iappoport gehabt hätten, werden Sie wohl jetzt selbst eingesehen haben, -nd es also nicht bedauern, daß ich Ihnen die Antwort auf Ihre desallsige Frage schuldig geblieben bin. Wolff in Koppenhagen habe ich etzt selbst gehört. Er scheint die Hoffnung noch zu haben, nach Berlin oerufen zu werden, und hat sich mir vertraut; um so weniger kann ich mn gegen ihn sprechen. Daß er aber als Redner und Prediger nicht genügen wird in Berlin, das kann ich Sie versichern; darüber steht mir in unbefangenes Urtheil zu. Daß seine Charakterschwäche bei aller persönlichen Biederkeit und Liebenswürdigkeit es nie zu einer entschiedenen Stellung in irgend einer Gemeinde bringen wird, ist eben so gewiß. Frankel ist entschlossen, so sehr ich es ihm neuerdings ausgeredet, nicht on Dresden wegzugehen. Er fühlt auch zu lehr seine Schwäche, um ie Chancen und Wechselfälle über sich zu nehmen. Er hat, da er keine ünder hat, seine Schäfchen im Trocknen. Sonstige Autoritäten und enommirte Notabilitäten habe ich nicht kennen gelernt. Uebrigens liegen ne Meßkataloge und Jahresbücher der Litteratur offen vor uns, darin ie unsterblichen Namen der Helden des Wortes und der That in Israel bezeichnet sind. Nur Eins möchte ich Ihnen und Confratribus zur Äarnung noch bemerken. Sollte ja die Sache in Gang kommen, fangen -ie ja nicht mit den alten abgenutzten Mitteln und Menschen vom >ahre 1823 wieder an. Die haben sich schon damals überlebt; woher nrch zum Theil die Opposition kam; und sind es jetzt um so mehr, vätte man damals den Herrn Auerbach aus dem Spiele gelassen und twas entschiedener die Maßregeln zur Begründung und Sicherstellung er Sache, die sich boten, ergriffen, so wäre das Unternehmen im Jahre 823, die Predigt nach der großen Synagoge zu verlegen, nicht mißathen. Zunz sowohl als Auerbach, so sehr ich sie Beide schätze, hatten jeder das Seine dazu gethan, das ganze Predigerwesen als ein höchst angweiliges, ungesalzenes und geist- und kraftloses in Verruf zu bringen, ''s war den Einen eine Thorheit, den Andern ein Aergerniß geworden; nd ich muß Ihnen selber gestehen, daß die Stunden, die ich in dem ogenannten Beerschen Tempel zubrachte, zu den unerquicklichsten in meinem Leben gehörten. Also kommen Sie ja nicht auf bereits Vergangenes und Verfallenes zurück. Fangen Sie frisch an, mit frischen Säften, frischen Mitteln und frischem Muthe! Das war ein Element, as damals in Berlin gar nicht anzutreffen war; Muth war eine oen so fremde als abenteuerliche Erscheinung und gehörte zur Mythen-;oelt. Vielleicht ist sie seitdem aus dem sandigen Boden entsprossen, .ich bin wohl unter den Linden mit dem alten Rieß einmal auf und b gegangen, habe aber nichts davon bemerkt; konnte auch nicht, da ch genug zu thun hatte, feine gnostische Weisheit mir und ihm vercändlich zu machen. Uebrigens muß ich Ihnen sagen, daß selbst in dem II (das Uebrige weggeschnitten) mehr Tiefe war, als in Zunz, Auerbach, Günsburg und Andrer Predigten aus jener Zeit, wie sie die Mauern im Beerschen Tempel Spandauerstraße Nr. ..., angehört haben. Füllen Sie gefälligst das Nr. ... aus, es gehört zur Kultur und Kulturgeschichte des Judenthums und namentlich des Berliner Judenthums. Ich erinnere mich aus meiner ganzen Berliner Carriere nur einiger weniger Umstände. Auerbachs klärende Langweiligkeit und Zunz' Trockenheit im Predigen; die äußerliche Nachlässigkeit vulgo Liederlichkeit des sogenannten Tempels; Muhrs und Gumperz' gegenseitiges Schönthun im Jntriguiren; R. Awrohom Potzdams viereckigen oder dreieckigen Hut, der in der Opposition eine große Rolle spielte, und des seligen Liebermann Schlesingers Philosophie; das waren so ziemlich die wirkenden Elemente, misc. 3. u. s w. wie auf den Recepten zu lesen ist, giebt eine gute Essenz, gut für verdorbene Judenmagen und schlaffe Herzen. Sat est, sage ich, und haben Sie wohl schon längst gesagt; denn ich plausche da wie ein altes Weib. Aber wissen Sie, woher das kommt? Alles Phantasie! Ich dachte mir, wir hätten uns wirklich in Berlin nicht verfehlt, und säßen mit einer Pfeife im Munde bei einer Tasse Thee, und plauderten über „Altes" und „Neues", — da hätte ich wahrscheinlich das Alles ausgekramt, was Sie da gehört haben. Jetzt urtheilen Sie, ob Sie was dabei verloren haben, daß — wir uns verfehlt, und berichten Sie nächstens darüber Ihrem Sie innigst verehrenden Freunde und Diener Mannheimer, Prediger in Wien. Ueber A. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. V. ie über die Sprache der Nobellen vom künstlerischen Standpunkte zu urtheilen ist, soll später gesagt sein; hier seien eben nur ihre Eigenthttmlichkeiten analtzsirt. Der Dialog ist nicht blos dialektisch gefärbt, er nähert sich dem Jargon, wie er im östlichen Preußen — heute freilich nur noch selten in der vollen charakteristischen Ausprägung — gesprochen wird, oder deckt sich ganz mit ihm. Da lallten die Verneinungen „nit" und „nischt“, da finden die Substantive eine eigenthümliche Verstärkung durch das angehäugte „heit/' oder „keit“, so daß hier Liebe „Liebkeit“, Stärke „Starkheit“ u. s. w. lautet, oder durch das eingeschobene ig, wie in „Bündigkeit“, „Taubigkeit“ oder durch das Vorgesetzte Oe: „Geläger“ für Lager, „Geschleier“ für Schleier, und die Participia eine ähnliche Verstärkung durch das angehängte ig: „glänzedig“, „schweigedig“ und „stillschweigedig“, „fliegedig“, „flaramedig“, „jubeldig“, „rauchendig“, „l'rolilockendig“, „erbarmendig“ fauch „erbarmig“), „lichtig“ u. s. w. Die Casus weichen vielfach vom Hochdeutschen ab, hier befiehlt Gott „d i e Engel", hier führt man Jemand „zu d i e Kaufleutc", hier wird etwas „an u n s e r Kind entdeckt", Vögele verdient sich den Lohn des Ganges „an ihre Licht" u. s. w. Ebenso ist die Wortstellung eine andere; Subjekt, Prädikat, Objekt folgen aufeinailder: „Br bat gebranebt seine Zang“, „Sie hat gemacht den Kugel“ u. Aehnl. m. Fremdwörter bürgern sich nur stark korrumpirt ein: „Plett“ (Billet), „Schandar“ (Gensdarm) u. s. w. Deutsche Wörter unterscheiden sich namentlich durch Wandlung des „h" in das gutturale „eh": „nächer“ (näher), „erhüclien“, (erhöhen) u. s. w., ebenso dadurch, daß der Umlaut anders eintritt oder wegbleibt, vom Hochdeutschen: „fragen" heißt »trägen“, „Tage" „Tag", „Namen" „Kämen“, aber „stärken" „starken“, „er sieht" „er seht“. Abweichungen im Genus kommen gleichfalls, aber selten, vor: „das Stuhl", das „Geruch". „Welcher", „welche", „welches" wird stets durch „was er“, „was sie“, „was es“ umschrieben. Das Imperfekt fehlt ». s. w. Eine vollständige und systen'.atische Zusammenstellung aller Abweichungen vom Hochdeutschen wird ja hier selbstverständlich nicht

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