Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- Seite 270 (sequence 8)
- Language
- German
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270 eigentliche Judenverfolgung nicht stattgefunden und der Präfekt Lecca seine Befugnisse nicht überschritten hat. — Fürst Karl empfängt an einem Geburtstage, den er theilweise noch in Bakau verlebt, unter andern Gratulanten auch eine Judendeputation. Es scheint wiederum einmal Alles in schönster Ordnung, aber es war leider nur Schein, wie Alles in Rumänien. 11., 23. April 68. Bratianu trifft in Jassy ein. In Bakau hat der durch die judenfeindliche Fraktion aufgereizte Pöbel gegen den Durchreisenden deuwnstrirt und ihn mit Schmutz beworfen, weil er durch energische Maßregeln den Ausschreitungen gegen die Juden vorgebeugt hat. Bakau ist schon seit einiger Zeit ein Herd von Unruhen. Der Minister des Aeußern, St. Golesku, richtet ein Rundschreiben an die Vertreter der garantirenden Mächte, in dem er die Vorgänge sestlegt, die man künstlich bis zu einer Judenverfolgung aufgebauscht hat. Diese Anschuldigungen, die nur als systematische Feindseligkeit gegen die rumänische Negierung aufgefaßt werden könnten, gingen vom österreichischen Konsulate in Jassy ans. 14., 26. April. Der Fürst in Jassy empfängt eine jüdische Deputation, die dem Fürsten für den Schutz dankt, welchen er den Israeliten gewährt. In Bakau sind Truppen zusammengezogen worden, weil nach der in die Bevölkerung hineingetragenen Aufregung Ausschreitungen gegen die Juden zu befürchten stehen. 21. April/3. Mai. Für das Ausland gilt Bratianu als der Judenverfolger, im Inland aber demonstrirt man gegen ihn als gegen den Beschützer der Israeliten, weil vor zwei Jahren sein politischer Freund, C. A. Rosetti, in der Kammer die völlige Emanzipation und Gleichstellung der Juden beantragt hatte. 22. April / 4. Mai. In Busen erfährt der Fürst, daß die sogenannte Judenverfolgung von Bakau für ganz Europa zur cause celebre geworden ist und sogar das Zustandekommen des Eisenvahnprojektes gefährdet. England hat durch seinen Generalkonsul eine geharnischte Erklärung zu Gunsten der, wie es heißt, „Opfer des rumänischen Fanatismus" abgegeben, es erklärt zwar Bratianu für den Hauptschuldigen, macht jedoch das Gesammtministerium und den Fürsten verantwortlich für die Verletzung im Artikel 46 des Pariser Vertrages, welcher allen Klassen des Landes ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens gleiche Behandlung zusichert. — Oesterreich ist sehr verletzt, da St. Golesku in seinem Rundschreiben den österreichischen Konsul in Jassy direkt verdächtigt hat, falsche Anschuldigungen in Umlauf gesetzt zu haben; Frankreich schließt sich den Forderungen Oesterreichs nach Genugthuung dafür und Entschädigung der Ausgewiesenen an. Auch Preußen und Rußland thun das Gleiche. Also Rußland intervenirte damals für die rumänischen Juden. 26. April / 8. Mai. In der Kammer bringt Carp, der Einzige, der in der Judenfrage unparteiisch ist, eine Interpellation wegen der Vorgänge in Bakau ein und verliest die vertraulichen Zirkulare Bratianus, in denen dieser als Minister des Innern den Präfekten die Ausweisungen der Juden ans der: Landgemeinden auftrug, während er öffentlich in den Kammer Reden gegen die judenfeindliche Fraktion hielt. So wird das Ministerium von allen Seiten angegriffen. Und nun kommt ein Hauptcoup: Bratianu wird eines schönen Tages entlarvt. 4. 16. Mai 68. Im Senat wird das Ministerium von Neuem aus das Heftigste angegriffen. R. Jonesku verlangt, daß die diplomatischen Verhandlungen dem Senate mitgetheilt würden, und die Majorität schließt sich dem an, da sie Bratianus Politik in der Judenfrage für zweideutig erklären müsse. In unserem Bnche tommt nun ein interessanter Brief des Fürsten Karl Anton an die Reihe. 9./21. Mai. Fürst Karl Anton schreibt seinem Sohn: . . . Ohne die Judenfrage wärest Du eigentlich berechtigt, mit großer Genugthuung auf Deine Aufgabe zurückznschauen, denn Rumänien hat sich offenbar politisch und moralisch gehoben, von der materiellen Entwickelung nicht zu sprechen. Die Judenfrage in ist ein Stadium getreten, welches die gespannteste Aufmerksamkeit des gesummten Europas erregt hat. Sie ist eine höchst nnglücklrche Episode in der sonst ruhigen Weiterentwickelung der inner rumänischen Zustände, zugleich aber eine große dynastische Gefahr. Von allen Seiten, von allen Ecken und Ende der Erde ertönte unisono ein Schrei des Entsetzens über die Begebenheit von Bakau, und nichts war im Stande, selbst nicht die offiziellen Dimentis, den Eindruck zu mildern oder zu schwächen, den diese Ereignisse hervorgerusen haben. — Mir scheint, daß Bratianu nicht genug Energie gezeigt hat in dieser Frage und zu viel auf eine Karte gesetzt! — Alle Regierungen haben auf Oie Berichte ihrer Konsuln gestützt, diesem Ministerium ihr Ver trauen entzogen. Die Entwickelung Rumäniens war in schönster Blüthe, da kam das unglückliche Judengewitter und zerstörte "Alles! Vom Guten sprich! Niemand, Jedermann aber vom Bösen; das ist in der Welt nicht zr ändern und muß hingenommen werden. Du wirst den famosen Brief an Auerbach gelesen haben, der durch die gesannnte europäische Presse seinen Rundgang gemacht hat. Dieser Brief habe ich in bester Absicht an Auerbach geschrieben, damit er seinen Einfluß aufbiete, um die Sprache der Neuen Freien Presse gegen Rumänien zu mäßigen, eine Sprache, die an Heftigkeit Alleübersteigt. Auerbach hatte die unerhörte Eitelkeit und den unüberlegten Leicht sinn, meinen Brief wie er war an die Redaktion der Neuen Freien Presse zu schicken — hierauf folgte die mir sehr unliebsame Veröffcnt lichung, die ich nicht beabsichtigt hatte; denn sonst würde ich diesen Brie ganz anders geschrieben haben; in dieser Form war und konnte er nich' für die Publizität geschrieben sein. Mir war es sehr fatal. Massenhafte Zuschriften sind mir von allen Seiten zugegangen, uv meinen Beistand in dieser unglücklichen Judenaffaire zu erbitten, namentlic! von der Alliance Jsraelite tCremieux); Paris hat den größten Lärv geschlagen. — Alles das ist nicht zu ändern, und du hast nichts gc wonnen als bereicherte Erfahrung. Es mag dahingestellt bleiben, ob Bert hold Auerbach wirklw nur ans unerhörter Eitelkeit gehandelt hat, als er jenen Brief Der öfsenttichte. In seinen Briefen an Jakob Auerbach, (Frankfurt a. Ri 1804 1. 300 fs.) erzählt er viel über seinen Besuch beim Fürsten Kar Anton, und am 20. April schreibt er an seinen Vetter: Heute habe ich einen Brief bekommen, der, wie ich zuversichtlid hoffe, mich mit einer schönen That für das Allgemeine beglückt. Du weißt, wie schon im vorigen Sommer mich die rumänischer Judenverfolgungen nicht ruhen ließen und wie ich mein ganzes Sein dransetzen wollte. Nun habe ich bei der Erneuerung dieser Greuel einer eindringenden Brief an den Fürsten Hohenzollern geschrieben. Heut erhalte ich nun einen ebenso innigen als ergreifenden Brief vom Fürste- Vater. Ich schicke denselben der Redaktion der Freien Presse, Du wir» Deine Freude daran haben und die Wirkung wird mächtig sein. Je bin ganz glücklich. Tags darauf schreibt er: Den 21. April 1868. Da hast Dn mich wieder, den alten Grübler und Selbstquäler. Jetzt da der Brief fort ist nach Wien, kommen mir Bedenken. Wird mar es nicht mißdeuten, weil der Brief so innig — freundschaftlich zu mir ist Sind nicht vielleicht doch Dinge darin, die der Fürst nicht publizü haben will? Freilich sagt er darin Vieles, was er nicht mir allein zn sagen hat. Hätte ich aber nicht vor der Publikation, die sich die Neu Freie Presse gewiß nicht entgehen läßt, nochmals telegraphisch beti: Fürsten anfragen sollen? Es quält mich, aber die Kugel ist losgeschosst, und nicht mehr aufzuhalten, und es wird gut sein, daß ich Alles frisd und rasch that. Sechs Tage später: Den 27. April 1868. Der Brief ist gedruckt und macht großes Aufsehen, aber schon falle - die offiziösen Zeitungen über den Fürsten her, besonders die Nord deutsche. Ich habe einen ausführlichen Brief an den Fürsten geschriebc - und ich hoffe, er thut gut; aber ich kann Dir nicht sagen, wie zerstör und in allen Nerven zitternd ich bin. — Auch die Freunde hier alü machen ein scheeles Gesicht, und ich muß mir sagen lassen, daß ich m\c in zu viele Dinge einlasse, und noch härtere gehässige Vorwürfe und Andeutungen dazu.