Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- Seite 269 (sequence 7)
- Language
- German
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Eine Ab- und Ausschließung von der Welt will der freie, humailgesinnte Jude nicht mehr. Um so mehr soll der alte Priesterberuf mit seinen Heiligkeits- und Reinheitsgesetzen den heutigen Juden mahnen, mehr als je ein Musterleben der Mäßigkeit, der Enthaltsamkeit und der häuslichen wie öffentlichen Sittenreinheit zu führen, der Welt das Beispiel edler Selbstbeschränkung und sittlicher Manneszucht zu geben und die eigene wie des Volkes leibliche wie seelisch-geistige Wohlfahrt zu pflegen und zu fördern. Unsere Väter waren Nasiräer, und das hat uns stark und tugendhaft gemacht. Unsere heutigen Mütter müssen wiederum das Wort vernehmen: „Vom Mutterschooße an sei dein Kind ein Gottgeweihter"; denn retten soll Jsrael's Ideal die Menschheit vom Versinken im Schlamm der Gemeinheit und Rohheit. Aus dem Leben König Karls von Rumänien. Von Theodor Braun. III. ist nun für eine Weile Ruhe in Rumänien. Erst im Mürz l) 1868 fängt es wieder an, in Bukarest zu rumoren. 5/17. März. 1868. Wiederum ein Vorfall in der Kammer, der das ganze Land zu kompromittiren geeignet ist, zumal da der Präsident den Antrag, um dem es sich handelt, mit unterzeichnet hat! Ginunddreißig Moldauer, die sich „freie und unabhängige Fraktion" nennen, haben einen Gesetzantrag gegen die Juden eingebracht, der von der Kammer an eine Kommission gewiesen ist und etwa folgenden Inhalt hat: Juden dürfen in den städtischen Gemeinwesen nur mit Genehmigung des Gemeinderaths, in den ländlichen Gemeinden dagegen unter keinem Vorwände und nicht einmal zeitweilig sich niederlassen. Unbewegliches Eigenthum dürfen sie weder in den Städten noch auf dem Lande erwerben; Kauf und Verkauf desselben zn ihren Gunsten ist null und nichtig. Ebenso ist es ihnen verwehrt, Landgüter, Weinberge, Schänken, Gasthöfe, Brennereien, Mühlen, Brücken u. s. w. in Pacht oder Betrieb zu nehmen, und weder Stadt noch Gemeinden dürfen ihnen Lieferungen übertragen. Um Handel zu treiben, bedürfen sie eines von dem betreffenden Gemeinderath ausgestellten Gewerbescheines, doch sollen sie Nahrungsmittel und Getränke nur an ihre Glaubensgenossen, nicht an die Christen absetzen dürfen — Vorstehendes Gesetz erhält rückwirkende Kraft; alle Gesetze und Verordnungen, welche mit demselben in Widerspruch stehen, sind aufgehoben." Und wenige Tage später heißt es wieder: 18 /30. März. Die innere Lage ist wieder einmal schwierig; Bratianu ist ganz entmuthigt, denn die Hetzereien der judenfeindlichen Fraktion finden besonders in der Moldau einen sehr gut vorbereiteten Boden. Hat doch selbst der Franzose E. Desjardins, der im vorigen Jahre mit der besten Meinung über die Juden das Land betrat, nachdem er es bereist, in seiner Broschüre gesagt: „Sie feien Fremde auf dem rumänischen Boden, nicht nur der Sprache und Sitte, sondern auch dem Geiste nach, und wollten auch Fremde bleiben! Sie sendeten ihre Kinder nicht in die rumänische Schule, obgleich sie ihnen unentgeltlich geöffnet sei; der ganze Kleinhandel (Milch, Fleisch, Früchte re.) sei in ihren Händen besonders aber der Vertrieb des Branntweines, den sie selbst nicht tränken, sondern mit Vitriol gemischt den Rumänen verkauften. — In der 26d Moldau sei der Jude auch Schneider, Schuster, Uhrmacher, Klempner vor allen Dingen aber Wucherer. Bis zu 50 Prozent monatlich nehme er von dem Entliehenen, und da es keine Kreditanstalten gebe, müßten in Zeiten der Noth, bei jeder schlechten Ernte, Alle zu ihm ihre Zuflucht nehmen " - Augenblicklich ist der ganze Occident gegen Rumänien aufgebracht, was die Verdächtigungen wegen Begünstigung bulgarischer Banden nicht zu Werke gebracht haben, hat jetzt der Gesetzantrag gegen die Juden vermocht; man giebt den einunddreißig Unterschriften im Auslande mehr Bedeutung wie im Jnlande. Der Fürst empfängt von seinem Vater di^ Bestätigung, que 1' Europe entiere est en emotion ii cause de la loi contre les juifs! Am folgenden Tage berichten die Memoiren: 24. März/4. April 68. Bratianu bekämpft in glänzender Redden Antrag der Antisemiten und bricht öffentlich mit ihnen. — Die unmöglichsten Gerüchte über Judenverfolgungen machen ihren Weg durch die Presse: So sollen in einem Dorfe fünfhundert Ausweisungen vorgenommen sein! — Alles falsche Nachrichten. Wir sind natürlich nicht in der Lage, heute zu kontroliren, ob diese Nachrichten damals wirklich falsch waren. Die große Erregung gegen Rumänien aber war wahrlich keine künstlich übertriebene. In einem Briefe des Fürstell Karl Anton heißt es: Es ist jetzt wiederum die Judenfrage, welche auf der Tagesordnung steht. Diese Frage ist ein Noli me tangere, denn die Juden besitzen Geld und die ganze Presse; es freut mich, daß Rumänien jetzt einlenkt- Judenzustände, wie sie an der unteren Donau Vorkommen, find ein schlimmer Ausschlag am Staatskörper; allein so wenig man einen Ausschlag plötzlich vertreiben kann, ebenso wenig läßt sich die Judenfrage mit einem Schlage lösen. Doch ich vertraue Dir hierin vollkommen. Du wirst das Richtige zu treffen wissen. Der junge Fürst hätte mit seinen klarem Blick sicher das Richtige getroffen, wäre er damals Alleinherrscher von Rumüniell gewesen. Aber seine zeitweiligen Rathgeber scheinell ihn doch nicht über die Verhältnisse informirt zn haben, wie ans folgenden drei Nachrichten, und namentlich aus dem merkwürdigen Schlußsatz der dritten deutlich hervorgeht. 26. März / 7. April 68. Der Moniteur erklärt gegenüber den vielfach verbreiteten Gerüchten von Judenverfolgungen in der Moldau, daß daselbst vollkommene Ruhe herrsche. 27. März/8. April. Der Moniteur kommt noch einmal auf diese Gerüchte zurück und stellt ihren Ursprung fest: Mehrere israelitische Familien des Distrikts Bakau sind ganz ohne Subsistenzmittel, da man ihnen die Schanklizenz entzogen hatte, in die Stadt gekommen, um hier einstweilen bei Freunden Unterkunft zu suchen. 2. /14. April 68. Der Fürst erfährt durch den preußischen Konsul Annecken, daß wieder Depeschen über Judenverfolgungen im Umlauf sind; auch der österreichische Generalkonsul, Baron Eder, will von einer Gefährdung der jüdischen Bevölkerung in Bakau und Jassy wissen. Fürst Karl hält jedoch Alles für Uebertreibung und Erfindung. Aber schon einen Tag später zeigt es sich, daß diese Nachrichten nicht durchweg Uebertreibungeu und Erfindungen waren. 3. /15. April. Im Distrikt Bakau wie in zwei anderen Distrikten der Moldau sind, nach inzwischen eingetroffenen Nachrichten, allerdings Ausweisungen von jüdischen Schankpächtern vorgekommen, welche österreichische Staatsangehörige sind; da ihr Pachtkontrakt abgelaufen war, erhielten sie auf dem Verwaltungswege den Befehl, binnen fünf Tagen das Land zu verlassen. — Natürlich waren bei der Ausführung dieser Verwaltungsmaßregel manche Härten nicht zu vermeiden. Aus dem Distrikt Bakau sind 25 Familien ausgewiesen worden, und während der Osterfeiertage sind einige Ausschreitungen der Nationalgarde gegen die Juden vorgekommen. Unter den Generalkonsuln, die gemeinsam gegen jene Maßregeln protestiren, herrscht die Ansicht, daß Bratianu gegen die Juden vorgehe, um sich in der Moldau populär zu machen. Wenige Tage nachher tritt der Fürst eine Reise an. 5./17.*—8 /20. April 68. Reise des Fürsten nach Jassy über Busen, Fokschani und Bakau, wo der Fürst sich selbst überzeugt, daß eine