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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-07 · Heft 23 (7.6.1895) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
Seite 268 (sequence 6)
Language
German
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268 frommen gegeben, die durch Schule und Synagoge dem Volke immer mehr Anhänger abgewannen. Und sie bildeten die Meister und Volksheiligen, denen man alle Weisheit und Wunderkraft zutraute. Diese Chasidiin, spater Essäer genannt, haben gerade dem Mahl eine besondere Opferweihe verliehen. Wie sie dem Sabbathgesetz besondere Heiligkeit gaben, so haben sie Teinpeltraditionen auf ihre Profan-Mahlzeiten und deren Zubereitung übertragen. Sie sollten, wie das Frankel treffend gezeigt, nach priesterlicher Heiligkeit bereitet und genossen werden. Dies gilt nur in geringerem Grade von Geflügel. Als Opfer wurden Vögel selten, höchstens zur Sühne, gebracht. Zum Familienmahl waren sie erst recht nicht geeignet. Im alten Israel scheinen sie wenig genossen worden zu sein. Bei den Syrern waren sie, als der Astarte geweiht, verboten. Daher kam es, daß sich an das Schlachten der Vögel sowohl >vie an das Verspeisen derselben eine feste und strenge Praxis kaum in alter Zeit geknüpft. Der Talmud weiß vom zeitweiligen Genuß von im Schuß getroffenen Vögeln zu erzählen, und die alte Schule genoß Milch mit Geflügel. Dagegen sind es gerade die „Heiligen" in Israel, die den biblischen Brauch, die Spannader nicht zu genießen, auf das Fett und die Verästelungen ausdehnten. Man hat wohl bei allen Fett- und Mischungsverboten sich an die priesterliche Ueberliefernng angelehnt. Die Bibelde»t»»g kam immer erst hinterdrein. Hier liegt die Quelle aller rabbinischen Speiseverbote. Diese wurden eben erst empfindlich, als die Chasidnu-Brüderschaft zur großen Pharisäerpartei sich erhob, die die alte Frömmigkeit durch die Schule sozusagen verweltlichte und mit dem Gesetze in der Hand zur Buchstabeuknechtschaft machte. Freilich war das Griechenthnm eine gefährliche Macht für die Lehre Israels geworden, lange ehe Antiochus Epiphanes die Krisis heraufbeschwor. Man philosophirte in Alexandrien zwei Jahrhunderte vor Philo über die Speisegesetze und fand in den unreinen Thieren Sinnbilder thierischer Leidenschaften, vor denen man sich zu hüten habe. Man spricht la»ge vor Paulus von einer Klasse von Juden, die das Joch der Gesetzgebung abzuwerfen suchen. Gewiß hatte sich diese G.riechenweisheit ins Mark des Judenthums eingefressen, als Menelaus und Jason oder die Tobiaden ihr Priesterthnin wie eine Maare feilboten. Solchem „Epikuräer"thum einen Damm zu setzen, war das Bestreben der Pharisäerschulen, und die Folge war, daß die Scheidewände zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Welt immer höher und dichter wurden. Bald verlor der Rabbinisinus den Zweck der priesterlichen Weihe ganz außer Augen und legte auf die bloße Absonderung alles Gewicht. 8. Die Folgen der Speisegesetze. Es läßt sich nicht leugnen, — und hier niuß dem ehrwürdigen Reform-Veteranen alle Anerkennung für seinen Freimuth zu Theil werden, — die Speisegesetze haben auch Schaden im Judenthum angerichtet. Sie haben nicht blos den Juden gesellschaftlich von der Menschheit abgeschlossen, die er für seine Wahrheit hätte gewinnen sollen; sie haben ihm auch von seinem Priesterberuf einen falschen und schädlichen Begriff beigebracht. Sie haben seine Religion verknöchert und seine Mission bis zur Unkenntlichkeit überkrustet. Und, was besonders verhängnißvoll geworden, sie haben den tiefen Frömmigkeitssinn des jüdischen Weibes ans äußere Formen hingewandt und darin fast erstickt, so daß die moderne Jüdin von ihrem hohen Beruf als religiöse Erzieheriil kaum mehr etwas verspürt. Man beliebt in Deutschland auf Amerikas Judenheit drauflos zu schimpfen. Hub es ist nicht Alles Gold, was glänzt. Allein es bleibt doch das Verdienst der Reformbewegung, deren charakterfestester Pionier Dr. Einhorn war und blieb, int amerikanischen Israel einen Geist der Frömmigkeit und der Opfersähigkeit für's Judenthum geweckt zu haben, wie er in Europa einfach unter den Gebildeten nicht gekannt ist. Man zahlt wenigstens keine Prämien für die Heuchelei. Rabbinen und Laien essen mit Nicht-Juden an einem Tisch und sind darum wesentlich nicht weniger Juden an Herz und Seele als die deutschen Juden mit dem edlen Grundsatz: „Der Kutscher muß nüchtern sein!" 9. Sind die Speisegesetze für ewig bindend? Der ehrwürdige Dr. Wiener hebt mit Recht hervor S. 365—370, daß die Rabbinen im Midrasch allen Ernstes die Aushebung der Speisegebote für die messianische Zeit in Aussicht stellen. (Siehe besonders Midrasch Schocher Tob zu Psalm 146). Uns scheinen gerade griechische Spötter den Anspruch der Rabbinen veranlaßt zu habe», daß der jetzt versagte Schweinebraten dem künftigen Israel der Messiaszeit verstattet sein werde. An Roms Eber dachte ma» bei jener Bemerkung wohl erst in christlicher Zeit. Man übersehe nicht, daß der Gegensatz von Rein und Unrein allerdings nicht in die mehr oder weniger idealistischen Systeme des Heidenthums paßt, aber nicht recht zur monotheistischen Welt anschauung stimmt, die nur ei» Prinzip der Gerechtigkeit und Heiligkeit kennt. Da bot gerade der persische Glaube, daß das ahrimanische Monster zum Eintritt der Heilszeit vernichtet werden wird, eine Brücke für die rabbinische Lehre. Mit dem Tod des bösen Prinzips hört jede Unreinheit auf. Das ist sicherlich der rabbinische Gedanke. Den dürfte auch ein Reform-Rabbiner verwerthen, wenn er nur nicht in Allem „Possenreißerei" wittert. Ist die Menschheit erst ganz vom Gottesgedanken erfüllt, so würde ich demgemäß sagen, so hat die Priesterheiligkeit Israels ihre Bedeutung verloren. Ist der letzte Mensch wie der erste reiner Priester der Gottheit, so haben die Speisegesetze als Absonderungsmittel ihre bindende Kraft eingebüßt. Und heute? Nun, Dr. Wiener citirt meine Schlußworte im obengenannten Artikel: „Die Speisegesetze sind, wie die zerbrochenen Tafeln, heilige Trümmer; der lebendige Geist ist daraus entflohen. Sie haben mit ihrer Verständlichkeit auch ihre Verbindlichkeit für uns verloren." Was ich vor 23 Jahren gesagt, möchte ich doch heute nach mancher Lebenserfahrung etwas modisiziren. Die Speisegesetze waren die großartigste Disziplin des Juden. Sie haben ihn für Entbehrung und Entsagung geschult und strenge Manneszucht ihm beigebracht. Das jüdische Haus wäre ohnedieselben schwerlich eine solche Stätte der Lebensweihe und der Gesittung geworden. „Gott hat mir als Juden Das und Jenes verboten drum hat es keinen Reiz für mich." Dieses Prinzip hat den Inden von Kindheit auf znm charakterfesten Tugendhelden erzogen. Es hat ihn, um Lotze's schönen Ausdruck zu gebrauchen, zum Nüchternen in einer Welt voll Trunkenen gemacht. Seitdem der Jude die Speisegesetze mißachten gelernt hat, ist er der Nimmersatte Weltmensch voll Begehrlichkeit geworden, und schrankenlose Genußsucht hat sein Gemüth abgestumpft. Hat nicht das völkerverschlingende Rom der Eß- und Kochkunst den rasfinirten Geschmack verliehen, mit Esau rufend: „Lass' mich nur schlürfen!" Unsere kulinarische Kunst stammt aus der Sumpfregion des römischen Ebers. Sollte der Jude in den biblischen Priestersatzunge», eben in den Speiseverboten, nicht doch eine auch heute noch oder gerade heute bedeutsame Lehre und Mahnung erblicken? Ob etwas Wahres daran ist, daß die verbotenen Speisen wirklich für die leibliche oder seelische Wohlfahrt des Individuums oder Volkes nachtheilig sind?

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