Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- Seite 267 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Also wir unterhielten uns; endlich kam die Zeit des Abschiedes; noch ein Wort und wieder ein Wort, ich gab ihm per pedes aposiolorum aas Geleite: wir schieden als Freunde. Nicht lange darauf ging ich nach Preßburg. Dort setzte ich das Talntudstudium, dem ich unter meinen unvergeßlichen Lehrern 'ft. Beer Oppenheim und Abraham Placzek obgelegen hatte, fort, ohne die weltlichen Studien zu vernachlässige)!. Die dort ausgebrochenen Unruhen des Jahres 1848 bestimmten mich, Ungarn zu verlassen und mich nach Wien zu wenden. Wilhelm Gut mann hatte sich mittlerweile in beit Dienst Merkurs gestellt; er wurde Geschäftsmaun. So oft er nach Wien kam, suchte er mich auf; nicht selten mußte ich mit ihm das Schlafgemach theilen, welches er in der Regel im Hotel „Zur Nordbahn" gewühlt hatte. Bei solchen Anlässen hatte ich Gelegenheit, seine edlen Intentionen immer von Neuem kennen zu lernen. Er hatte die Eigenthümlichkeit, daß. was seine Seele an Edlem, Gutem, Schönen beschäftigte, mit Anderen zu besprechen, und so kam es, daß er überall, wohin ihn sein Beruf führte, mit den daselbst befindliche)), wie er vermeinte, gesinnungsverwandten Männern Konnexionen anzuknüpfen bestrebt war. Auf diese Weise lernte er, um )mr einzelne Namen anzuführen, Grätz in Breslau, Lazarus in Berlin, Zadoc Kahn in Paris, Mocatta in London, Kayserling, Kaufmann in Budapest re. kennen. Es fann aus diesem Grunde nicht Wunder nehmen, daß er, als er nach Wien übersiedelte, in intime Beziehungen zu Dr. Jellinek trat. Der Umgang mit diesem hervorragenden Kanzelredner und Gelehrten wirkte auf ihn lvie ein galvanischer Strom anregend U))d belebend. Die tiefe Innerlichkeit im Wesen Gut manns läßt es nur naiürlich erscheinen, wenn er auch aufrichtig religiös war. Welcher Gefühlsmensch wird )iicht von den zarten Fade)) berührt, welche ilpt in Zusammenhang bringen mit seinem Gotte! Rührend war es, we)m man ihn von seinem frommen Vater sprechen hörte: „Ich strebe ihn nach", sagte er mir vor wenigen Jahren, „aber ich habe ihm noch nicht erreicht". „Einst glaubte mein Vater", so erzählte er, „nicht genug ehrerbietig gegen einen Gemeindegenossen gewesen zu sein, da unterließ er es am Vorabend des Versöhnungstages nicht, den Betreffenden um Verzeihung zu bitte))". Uebrigens benahm sich in einem ähnlichen Falle der Sohn nicht anders als der Vater. An der Gründung der israelitischen theologischen Lehranstalt in Wien nahm ich thätigen und erfolgreichen Autheil. Umstünde, deren Darlegung ich mir für eine andere Zeit Vorbehalte, ließen in Bezug auf mich die Dinge anders kommen, wie sie )iach Fug und Recht vorauszusehen waren. So oft mich nun Wilhelm vo)i Gut manu in den letzten Jahren traf, war — ohne von nur hierzu veranlaßt worden zu sein — sein eeterum eenseo: „Ich bin nicht schuld". Und er hatte recht; einer solchen Handlung war Gutmann nie mid nimmer fähig. Von Gutmanns wahrhaft religiöse))) Sinne giebt sein pietätvolles Verhalten in rituellen Dingen Andersdenkende)) gegenüber Zeugniß; er vermied es mit aller Sorgfalt, die religiösen Gefühle Anderer zu verletzen. Er hegte die gleiche Ehrfurcht vor de))) orthodoxen wie vor dem neologen Rabbiner. So legte er einen großen Werth darauf, daß ich ihn mit dem der strengsten Observanz huldigenden Rabbiner Solomon Spitzer bekannt machte, trotzdem er mit allen seinen Sympathien an denn religiös-freisinnigen Dr. Jellinek hing. Was er in religiöser Beziehung perhorreszirte, war die Farblosigkeit; die Unechtheit der Farbe war ihm ein Gräuel. — Die Empfänglichkeit W ilhelm von Gutmanns für jedes höhere Streben führte dazu, daß die Koryphäe)) der Km)st und Wissenschaft bei ihm ein- und ausgingen. Wie der gastfreundliche Patriarch Abraham hatte er für sie sein Haus vor: allen Seiten offen. Als er kurz vor seinem Ableben mittelst eigener Pacht den Orient besuchte, wühlte er aus diesem Kreise seine Gäste. Wenn es galt, für die jüdische Wissenschaft etwas zu thnn, war immer Wilhelm Don Gutmaun werkthätig dabei. Als vor 80 Jahren Jellinek daran ging, den Beth-hamidrasch-Verein zu gründe)), schloß er sich mit der ganze)i Wärme seines Herzens diesem Unternehmen an. Seiner Anregung hatte ich es zu berimnten, daß ich in den Vereiusvorstaud berufen wurde. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß er als Vorstandsmitglied es zu ermöglichen verstand, daß das Institut trotz seiner spärlichen Mittel die beide)), zu beffen Renommee wesentlich beitragende)) Lektoren Weiß und Friedman)) gewinnen und erhalte)) konnte. Mein Verhältnis; zu Gut mann gewan)) durch unser gemeinschastliches öffe))tliches Wirken an Intimität. Ich glaubte diesen) Umstande dadurch Ausdruck geben zu sollen, daß ich ihm meine damals erschie))eue Dichtu))g „Ruth" bebicidc. Bei dem nächsten Anlasse kandidirte ich Gutmaun für den Kultusvorstand. „Sobald Sie Herr)) Gutmm))) fanbibiren, wird er gewühlt", sagte mir der damalige Präsident der Gemeinde, Josef Wertheimer, in seiner gewohnt urbanen Weise. Gott segnete das Händewerk Gutmanns. Die seltene Routine, Redlichkeit und Rührigkeit, die rastlose Thütigkeit und der nie ermüdende Fleiß der Brüder Wilhelm )U)d David Gutmann hatte)) nicht lange nach der Etablirimg der Firma „Gebrüder Gutmaun" die verdiente Anerkennung allenthalben gefmiden. Der damalige Präsident der Staatsbahu - Gesellschaft Baron Eskeles, prognostizirte dieser Firma jene Entwickelung, welche sie thatsüchlich genommen hat. lieber die Großartigkeit und Vielseitigkeit der Unternehmungen Gut)uanus zu sprechen, ist hier ))icht der Ort; sie haben bereits ihre Würdigung gefunden. Wohl aber ka)M )lnd muß hiervon auch an dieser Stelle i))sofen) Notiz ge))ommeu werde)), als sie daz)) dienen soll, z)l fonftatiren, daß in gleichem Maße, wie der materielle Besitz Gutmauns zunahm, auch die Werke wahrer Philanthropie seinerseits sich vermehrten. So zahlreich diese auch waren, so haben sie lange nicht jene Sun)me erreicht, die er zu erziele)) das edle Vorhaben hatte. Mie Speisegesetze. Von Dr. K. Köhler, Rabbiner in New-Pork. 7. D)e rabbinischen Speiseverbote. an glaube nur ja nicht, daß das ga))ze j))däische Volk seit Ezra e$SjV oder gar Zerubabel mit ei))em Sprung a))s Götzendienern blinde Gesetzesbefolger geworden wären. Da stände)) die Saddoksöh))e als herrschende Priesterschaft ans der eine)), )md dilevitischen, geschulten Chasidim oder Laienfromme)) auf der andern Seite, und zwischen ihnen das Gros des Landvolkes (Am imarez). Das Ferment, das anregende Element war jedoch in den Laien-