Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- Seite 266 (sequence 4)
- Language
- German
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266 Nie Woche. Berlin, 4. Juni. er bekannte Paragraph 130 des Reichsstrafgesetzbuchs hat zu Anfang dieses Jahres durch das Reichsgericht eine Auslegung erfahren, die für uns van ganz besonderem Interesse lst und auf die jetzt sogar von offiziöser Seite hingewiesen wird. Tiefer £ 130 lautet: „Wer in einer den offentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Gewaltthätigkeiten gegen einander öffentlich anreizt, wird mit Geldstrafe bis zu 600 Mark oder mit Gefängniß bis zu 2 Jahren bestraft." Mit Bezug auf diesen Paragraphen hat der dritte Strafsenat des obersten deutschen Gerichts ausgesprochen, daß regelnräßig die Anreizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Gewaltthätigkeiten stets auch eine Gefährdung des öffentlichen Friedens in sich schließt, und daß eine Anreizung zu Gewaltthätigkeiten schon dann vorliegt, wenn sie eine zu Gewaltthätigkeiten geneigte Stimmung hervorruft oder verstärkt, die, unbestimmt wann und auf welchen Anlaß hin, früher oder später den öffentlichen Frieden unter den Bevölkernngsklaffen erschüttern kann. Das ist außerordentlich wichtig fiir unfern Kampf gegen di? antisemitische Agitation. Wenn diese Auslegung des Reichsgerichts-Schule macht, so würde eine energischeHandhablmg dieses so interpretirten Paragraphen allerdings zunächst den Herren Ahlwardt, Böckel und Liebermann die Aufreizung verbieten. Bisher war das Thatbestandsmoment der „Anreizung zu Gewaltthätigkeiten", unter welchen man sofort begangene Akte verstand, stets die Hinterthür gewesen, durch die namentlich antisemitische Agitatoren der Sühne des Strafrichters entschlüpften. Tenn die antisemitische Agitation bedarf meist einiger Zeit, bevor das giftige Saatkorn zur Frucht gedeiht. £ Meist — aber nicht immer, wie das Beispiel Wiens zeigt! Dort geht die Saat bereits auf, die die wüste Verhetzung gestreut. Die Szenen bei der Bürgenneisterwahl am 29. Mai sind aus den Tageszeitungen bekannt, Nach diesen Skandalen war es unausbleiblich, daß der Wiener Gemeinderath aufgelöst werden mußte. Dies ist denn auch in der That am 30. d. M. geschehen. Dahin haben es die Antisemiten mit ihren tumnltilösen Exzessen gebracht. Nachdem die Bürgermeisterwahl erfolglos verlaufen war, hatte die Regierung versucht, die Liberalen zu bestimmen, daß diese einen Kandidaten für das Bürgermeisteramt ausstellten. Die Liberalen haben dies abgelehnt, und darauf beschloß der Ministerrath die Auflösung. Kaiser Franz Joseph har dem Ministerpräsidenten gegenüber seiner entschiedenen Mißbilligung wegen der antisemitischen Exzesse einen sehr energischen Ansdruck gegeben. Was nun folgen wird, weiß Niemand. Aber man fürchtet allgemein, daß die Neuwahlen eine Verstärkung des antisemitischen Elements in der Stadtverwaltung bringen könnten. Auf der schiefen Ebene giebt es keinen Halt mehr. £ lieber die französischen Antisemiten-Debatten bemerkt ein parteiloser Berichterstatter deutscher Zeitungen: „Die ganze Erörterung ist politisch und philosophisch ohne Bedeutung. Bemerkenswerth an ihr ist einzig, daß sie überhaupt in der Vertretung des Landes stattfinden konnte, das zuerst vor l 05 Jahren die Rechte des Menschen ohne Hinblick auf seine Abstammung oder seinen Glauben anerkannte und die siebenzehnhundertjährigen Mauern des Ghettos niederwarf." lieber die besondere Färbung, des französischen Antisemitismus schreibt derselbe Korrespondent: „Dem französischen Antisemiten sind die Begriffe „Jude" und „Deutscher" gleichbedeutend oder doch unzertrennlich. Oft ihm selbst unbewußt fließt in den Judenhaß des Franzosen sein Deutschenhaß ein, und wenn er gegen den „youtre“ die Zähne knirscht und die Fauste ballt, so sieht er in seiner Vorstellung ein seltsames Zwitterwesen, das mit der krummen Judennase den sagenhaften blonden Bart und die Porzellanpfeife des pommerschen Landwehrmannes verbindet und in der Hand zwar das Opernglas, die „ponne lorgnelte“, des jüdischen Kaffeehauskrämers, aber im Rucksack die gestohlene Pendule des „Prüssien" trägt. Es liegt ein grimmiger Humor darin, daß der Jude, den jeder rechtgläubige, deutsche Antisemit mit bekannter Betonung als „Nichtdeutschen" bezeichnet, hier gerade als Deutscher gehaßt und beschimpft wird." Erinnerungen an Wilhelm von Gutmann. Von Emanuel Baumgarten. I. in halbes Jahrhundert — welcher Raum im Zeitausmaße eines Menschenlebens! Welch ein Volumen für die, zu mächtigem Inhalte sich verdichtenden Ereignisse und Geschehnisse der Zeit! Welche Um- und Neugestaltungen im Gebiete des öffentlichen und privaten Verkehrs kommen nicht innerhalb einer solchen Zeitdilnension zum Vollzüge! . . . So lange ist es her, daß ich zu Wilhelm von Gutmann in persönliche Beziehung trat. Es war in der ersten Hälfte der vierziger Jahre; einzelne meiner in der Sprache der heiligen Schrift abgefaßten poetischen und wissenschastlichen Arbeiten waren in der von M. E. Stern herausgegebenen Zeitschrift ..Koclibe Jizclmk“ erschienen. Malt denke, was vor dem Jahre 1848 das gedruckte Wort bedeutete, insbesondere wenn sein Antor ein blutjunger Mensch gewesen: ich wurde, ganz gewiß um gerechtigt, der Gegenstand manchseitiger Anfmertsamkeit. Gemäß der in früheren Tagen in Sache der Erziehung bestandenen Ansicht, daß die männliche Jugend nicht zeitlich genug gegen die Kümpfe des Lebens widerstandsfähig gemacht und zum Bewußtsein ihres Selbst gebracht werden könne, war ich, kaum aus den Kinderschuhen heraus, m die Nothwendigkeit versetzt, die Sorge um die Befriedigung der ersten und unabweisbaren Bedürfnisse dev Lebens selbst zu tragen. So kam ich in einer! von Gott und der Welt vergessenen Winkel der mährischen Karpathen als Hauslehrer. Eines Tages wurde meine Einsamkeit unterbrochen: ein nngesühr in meinem Alter stehender junger Mann, „seine Locken kraus, schwarz wie ein Rabe", die Züge des Herzens auf dem Gesichte, den Glanz und die Wärme der Seele in den Angen, trat in meine Stube. „Ich heiße Wilhelm Gutmann, bin ebenfalls Hauslehrer in der nächsten Nähe von hier, habe von Ihrem Aufenthalte gehör; und komme, Sie persönlich kennen zu lernen," so lautete nach der ersten Begrüßung seine Ansprache. Wenn schon diese und die ganze Erscheinung meines Besuchers auf mich einen angenehmen Eindrnrl machen mußten, so gestaltete sich derselbe zu einem wohlthnenden. nachdem wir uns über die uns zunächst berührenden Momente ans gesprochen hatten. Jede seiner Meinmigsäußernngen war von einem gervissen idealen Nimbus umgeben. Ebenso wenig wie das meine, war zu jener Zeit sein Reich von dieser Welt; wie für den Dichter bei der Theilnng der Erde blieb für uns nichts als der freie Bliä in die lichten Höhen idealer Lebensanschaunng. Kein Jrrthum wäre jedoch größer als die Annahme, daß es Luftschlösser waren, die Gutmann aufbaute; so ideal seine Kon zeptionen waren, so klar war es ihm, wie sie der Verwirklichung Zugeführt werden können. Zu seinem idealen Sinne gesellte sich ein